My Life
ZUR DISKUSSION: STAMMZELLFORSCHUNG
Forschung contra Ethik: Für die einen sind embryonale Stammzellen die Hoffnung gegen Krankheiten ‑ für die anderen unantastbares Gut. Die Vorsitzende der Ethikkommission, Margot von Renesse, erläutert in MY LIFE die Positionen.
Winter 2004
Photograph by Mary Ellen Mark

DER STREIT UND SEINE RECHTLICHE REGELUNG
Die Gegner vertreten die Meinung, es dürfe keine Forschung mit embryonalen Stammzellen geben ‑ auch keinen Import zu Forschungszwecken, weil dafür Embryos vernichtet werden müssten. Dahinter stand die Streitfrage, wo menschliches Leben, wo die Würde eines Embryos beginnt. Nach langem Ringen fanden wir eine Regelung, die in dieser Frage auf eine Entscheidung verzichtet, weil sie für die Anhänger aller Überzeugungen begründbar ist. Im Stammzellgesetz verankert ist, dass die befruchtete menschliche Eizelle als Embryo gilt. Damit mussten wir nicht mehr entscheiden, wann menschliches Leben beginnt.

IMPORTVERBOT UND STICHTAGREGELUNG
Unser Gesetz mit dem Importverbot von Stammzellen enthält den Stichtag 1.1.2002. Mit Stammzelllinien aus dem Ausland, die vor diesem Stichtag angelegt wurden, darf bei uns eingeschränkt geforscht werden. Mein Satz gilt: Für deutsche Forschung stirbt kein Embryo! Auch nicht im Ausland.

STAMMZELLEN: WAS SIE KÖNNEN
Embryonale Stammzellen werden aus wenige Tage alten Embryonen gewonnen. Sie können im Labor nahezu alle menschlichen Zelltypen ausbilden, mit denen Kranken geholfen werden könnte. Die Verwendung dieser Zellen ist in Deutschland verboten. Adulte (erwachsene) Stammzellen (sie lassen sich aus rund 20 Geweben wie Muskeln und Knochen gewinnen) dürfen eingesetzt werden, sie sind allerdings weniger potent. Ein Grund, warum viele Forscher die Arbeit an beiden Zelltypen befürworten.

ABTREIBUNG JA,  FORSCHUNG NEIN. WIESO?
Im Bauch der Mutter unterliegt der Embryo ihrem Recht auf Selbstbestimmung, während er im Labor Interessen Dritter, auch von Forschern, schutzlos ausgeliefert ist. Es geht darum, welche Interessen wir vertreten können und müssen. Dabei spielt auch eine Rolle, dass für eine Stammzelllinie zahlreiche Embryonen sterben müssen.

DIE HOFFNUNG KRANKER
Viele Patienten erhoffen sich von der Stammzellforschung die zukünftige Heilung auch schwerster Krankheiten. An diese Entwicklung knüpft sich aber auch die Sorge, menschliche Individualität könne als bloßes manipulierbares Rohmaterial erscheinen und seine spezifische Würde missachtet werden. Damit würde die an sich positive "Ethik des Heilens" ins Bedrohliche umschlagen.
Ich habe selbst Parkinson und bin für Stammzellforschung ‑ aber nicht unter Bedingungen, die der unantastbaren Würde des Lebens schaden.

ZIELE DER FORSCHER
Noch gibt es keine einzige klinische Anwendungsmöglichkeit embryonaler Stammzellen in der Therapie unheilbar Kranker. Aber es bewegt sich viel: Große Hoffnungen ruhen auf Entwicklungen, wie sie Professor Hans Robert Schöler aus Münster in Aussicht stellt: Er hofft, Eizellen in unbefruchtetem Zustand so inaktivieren zu können, dass sie sich zwar in eine Blastozyste, nicht aber in einen lebensfähigen Organismus entwickeln. Dann könnte man ‑ so paradox es klingt ‑ damit embryonale Stammzellen gewinnen, ohne dass vorher ein Embryo entstanden ist.

DER NATIONALE ETHIKRAT IN ENGLAND UND WIR
In England entscheidet eine unabhängige Kommission von Fall zu Fall, was an Forschung erlaubt ist und was nicht. In Deutschland haben wir eine andere Gangart, weil wir eine andere existenzielle Grundlage haben ‑ begründet durch unsere Geschichte im Dritten Reich und den Missbrauch von Forschung und dem Recht auf Leben. Es gibt seit dieser Zeit eine tiefe Angst vor der Wissenschaft in Deutschland, was sie denn kann und was sie tut ‑ weil sie es einmal getan hat. Darauf müssen wir Rücksicht nehmen.


231T-081-003
Der querschnittsgelähmate US-Schauspieler Christopher Reeve ("Superman") hat sich nach seinem tragischen Reitunfall viele Jahre lang für die Forschung an embryonalen Stammzellen stark gemacht - für ihn kam jede Hilfe zu spät: Er starb am 10. Oktober 2004


END