Amica
John irving
13 Jahre arbeitete der US-Autor John Irving 58, an der Verfilmung seines Romans GOTTES WERK UND TEUFELS BEITRAG. Das Projekt des wurde fur sieben Oscars nominiert.
April 2000
Written by Brigitte Steinmetz
Photographs by Mary Ellen Mark


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AMICA: Die meistenSchriftsteller sind nicht sehr glücklich, wenn Hollywood ihre Romanvorlageausweidet. "Gottes Werk und Teufels Beitrag« wurde dagegen für siebenOscars nominiert, darunter der für das beste Drehbuch nach einem Roman. Was istIhr Geheimnis, Mister Irving?

Irving: Ich habe mir denLuxus erlaubt, mich in jede kreative Entscheidung einzumischen. Das kostetZeit, weil nicht jeder einem Schreiber so viel Autorität beim Prozess desFilmemachens geben will. Ich habe in 13 Jahren mit vier Regisseuren gearbeitet.Der erste starb, mit den anderen beiden konnte ich mich künstlerisch

nicht einigen. Bis ich mitLasse Hallström endlich meine Vorstellungen verwirklichen konnte, war EthanHawke, der ursprünglich als Homer vorgesehen war, zu alt für die Rolle (lacht).Aber dann wuchs ja glücklicherweise TobeyMaguire nach.

AMICA: Nicht jederRomancier kann sich den Luxus erlauben, so lange zu warten

Irving: Schon richtig. Ichlebe schließlich vom Romaneschrei­

ben.In diesen fast 14Jahren hab' ich nur drei geschrieben, es hätten aber auch leicht fünf seinkönnen, wenn mich die Arbeit an dem Film nicht so in Anspruch genommen hätte.Trotzdem habe ich kein Verständnis für Kollegen, die über die Filme, die ausihren Romanen entstehen, lamentieren. Denn, wissen

Sie was? Wenn Sie dieRechte an Ihrem Werk nicht verkaufen wollen, behalten Sie sie. Wenn Sie aberjemanden die Rechte kaufen lassen, sollten Sie das Maul halten und sich nichtbeklagen. Warum beklagen? Die haben dich bezahlt, oder nicht? Zur Hölle mitihnen.

AMICA: Wieso wollten Siedenn unbedingt das Drehbuch zu "Gottes Werk und Teufels Beitrag"selber schreiben

Irving: Weil das niemandanders gekonnt hätte. Außer einem pensionierten Frauenarzt. Mein Großvater Dr.Fritz Irving vielleicht. Aber der ist schon 40 Jahre tot. Allein der Aufwand anhistorischer und medizinischer Recherche, den ich betrieben habe. Ichverbrachte 18 Monate in der Medizinisch‑Historischen Bibliothek von Yale.Schaute bei

Abtreibungen zu undstudierte Waisenmedizin. Ich kannte die Geschichte! Die medizinischen Details,die historischen Details sind essenziell für diese Geschichte. Wenn man dasnicht korrekt macht, kapiert's keiner. Sie müssen verstehen, Waisenhäuser warenkeine Kaufläden für adoptionswillige Leute. Das waren Abfallhalden für dieKinder, die nie oder selten adoptiert wurden. Das waren sie. Alles, was in derGeschichte passiert, passiert, weil Abtreibung illegal ist. Wäre sie legal,würde nichts sein. Keine Waisenhäuser, keine Story. AM ICA:DieAbtreibungsthematik war kein Problem im "politisch korrekten"Hollywood?

Irving: Das hätte ich vor13 Jahren auch noch gedacht, war es aber nie. Nie! Nur Extremisten könnten sichdarüber aufregen.

Ich verbrachte 18 MONATE inder. Bibliothek von Yale. Schaute bei Abtreibungen zu und studierteWaisenmedizin

Und tun sie es, kann ichihnen nur mit Dr. Larch entgegnen: Wenn Sie von den Menschen erwarten, dass sieVerantwortung für ihre Kinder übernehmen, müssen Sie Ihnen auch das Recht aufdie Entscheidung geben, ob sie überhaupt Kinder haben wollen.

AMICA: Was ist mit demRecht auf Leben?

Irving: Abtreibungen wirdes immer geben. Ironischerweise war Abtreibung in den USA sogar unter denPuritanern legal. Es waren die Ärzte, die in den l83Oern das Recht der Frauunterminierten. Weil sie glaubten, Hebammen würden zu viel Geld damitverdienen, das eigentlich ihnen zustünde. Als sie die Konkurrenz ausgeschaltethatten, wurde ihnen erst klar, wie groß der Bedarf nach medizini­

schenSchwangerschaftsabbrüchen war, und da gerieten sie in Panik. Das Problem istnicht Schwangerschaftsabbruch. Das ist eine private und bestimmt keine einfacheEntscheidung für die Frau. Das Problem, auch heute noch, ist, einen Arzt zufinden, der die medizinische Ausbildung dafür hat. Das durchschnittliche Alterder Ärzte in US‑Abtreibungskliniken heute ist 65. Daran sehen Sie, welcheStellung dieser Eingriff im modernen Medizinstudium hat. Sollen die Frauenwieder Strychnin schlucken? In den Aufzeichnungen meines Großvaters gibt es einpaar furchtbare Fallbeispiele. Sie waren die Inspiration für die Patientinnenin "Gottes Werk und Teufels Beitrag".

AM ICA: Wie ist es, denFilm nach all der Zeit zu sehen?

Irving: Ich in so stolz aufdiesen Film wie auf alle meine Bücher und ich hätte nie gedacht, dass ich sowas mal über einen Film sagen würde. Besonders über einen Film nach einemRoman, den ich sehr mochte (lacht).

AMICA: Mögen Sie einigeIhrer Romane denn nicht?

Irving: Ich bin nichtverrückt nach der ,,Mittelgewichts‑Ehe". Weil es das einzige meiner Bücherist über Leute, die ich nicht leiden konnte. Ich glaube nicht mehr daran, eineGeschichte über Charaktere zu erzählen, für die man keine Zuneigung empfindet,keine Sympathie, die man nicht zu einem gewissen Grad bewundert. Das war eineBuch‑Phase für mich: der einzige meiner Romane, der von Menschen handelte, aufdie ich im Grunde herabblickte.

AMICA: Gab es dafür einenbestimmten Grund? Mochten Sie sich selbst zu der Zeit nicht?

Irving: Ich denke, ich warzu dem Zeitpunkt, als ich es schrieb, jung genug, um mich vom Mainstreampostmoderner Literatur beeinflussen zu lassen. Sagen wir, ich hab' mir"Eine Mittelgewichts‑Ehe" gegönnt, um gewöhnliche zeitgenössischeLiteratur zu imitieren. Oder die meisten Romane, die ich lese.

AMICA: Sie sagen von sichselbst, Sie seien ein Romancier im Stil des 19. Jahrhunderts. Was ist modern imVergleich dazu?

Irving: Mein Erzähistil istimmer vom Plot bestimmt. Ein Plot an sich ist nicht modern. Geschichtenerzählenist nicht modern in der zeitgenössischen Literatur. Modern ist dieintellektuelle Überheblichkeit ge­

genüber den Menschen, überdie man schreibt.

AMICA: Beruht darauf Ihrgeheimnisvoller Disput mit Tom Wolfe?

Irving: Ich bin nichthierher gekommen, um über Tom Wolfe zu sprechen.

AMICA: Ein Kritikerurteilte über Ihr Buch zurEntstehung des Films (,,My Movie Business"), dassSie enttäuschend wenig Dreck über Hollywood gekippt hätten und zu wenig amganzen Filmgeschäft auszusetzen hätten.

Irving: Was soll ich Ihnensagen? Miramax hat mich nun mal sehr gut behandelt. Im übrigen habe ich nullRespekt vor Kritikern, die wünschten, du hättest das Buch geschrieben, das dunicht geschrieben hast. Ein Kritiker sollte

über das Buch schreiben,das geschrieben wurde, nicht über das Buch, das sie von dir geschrieben habenwollten. Ich verschwende meine Zeit nicht damit, auf solchen Scheiß zureagieren.

AM ICA: Auf welche Kritikreagieren Sie denn?

Irving: Ich höre nicht aufviele Leute. Meine Frau ist meistens die erste Person, die meine Bücher zulesen kriegt. Mein älterer Sohn äußert sich immer sehr lobend. Er istSchauspieler und schreibt selbst. Bitte keine voreiligen Schlüsse. Dass er eineRolle in "Gottes Werk und Teufels Beitrag" bekommen hat (Cohn Irvingüberbringt Charhize Theron die schlimme Nachricht vom Schicksal ihresVerlobten, die Redaktion), ist nicht meine Reaktion auf seine Bewunderung fürmeine Arbeit. Sonst hätte ich meinen mittleren Sohn schon

enterbt. Brendan sprengtLawinen für die Colorado Ski Patrol, mit Büchern hat er nicht viel am Hut. AlsKonsequenz liest er mich mit beachtlichem Vorbehalt.

AM ICA: Glauben Sie, IhreBücher wären anders, wenn Sie Töchter hätten?

Irving: Nein. Aber sicherwäre der Level meiner Ängstlichkeit anders. Wenn man Söhne hat, sorgt man sich,was sie sich selber antun könnten. Wenn man Töchter hat, sorgt man sich, werihnen etwas antun könnte. Richtig? Also, ich weiß es nicht. Man macht sichnatürlich immer Sorgen, nur eben über andere Dinge. AMICA: Ihre Frau istgleichzeitig Ihre Literatur‑Agentin. Das Geheimnis eines erfolgreichen Mannesist die Frau in seinem Rücken?

Irving: Hehehehe. Nein, ichwürde sagen, es ist schön, mit seiner Agentin verheiratet zu sein, weil mankeine Kommission außer Haus zahlen muss.

AMICA: Aber ist es nichtschwierig für sie, objektiv zu sein?

Irving: Oh, sie istüberhaupt nicht objektiv. Das Letzte, was man will, ist ein Agent, der objektivist. Wer will so was? Nein, ich bin sehr glücklich. Sie war meine kanadischeHerausgeberin, als ich sie traf, und ich bin glücklich, dass sie jetzt meineAgentin ist.

AM ICA: Sie haben IhrenAusflug nach Hollywood als Experiment bezeichnet. DasExperiment istgeglückt.Würden Sie's wieder tun?

Es ist schön, mit seinerAgentin

VERHEIRATET zu sein, weilman

keine Kommission außer Hauszahlen muss

Irving: Ich tue es geradewieder im Falle von "Zirkuskind". Daran habe ich bisher nur zehnJahre gearbeitet. Und das, obwohl ich das Drehbuch parallel zum Roman schrieb.Aber ich nehme nicht an, dass ich daraus eine Gewohnheit machen werde. EinRoman ist nicht unvollständig, wenn nie ein Film daraus wird. Ich glaube auchnicht, dass einem guten Roman Schaden zugefügt wird durch eine schlechteVerfilmung. Ich bin sehr glücklich, die Rechte an ,,Garp" an George RoyHill gegeben zu haben oder die an "Hotel New Hampshire" an jemandenwie Tony Richardson. "Mach du, ich will nichts damit zu tun haben."Das werde ich in Zukunft sicher häufiger so handhaben. Schließlich verdiene ichan einem Roman mehr als an fünf Drehbüchern.

Am 6. März startet LasseHallströms Roman‑Verfilmung GOTTES WERK UND TEUFELS BEITRAG

Erwachsenwerden ist keineeinfache Sache. Besonders wenn der Ziehvater zu Hause ständig Abtreibungenvornimmt, Äther schnüffelt und ganz eigene Vorstellungen davon hat, was aus demjungen Homer Wells (sehr charmant: Tobey Maguire) werden soll. So fluchtetHomer aus dem Waisenhaus von Dr. Wilbur Larch (Oscarpreisträger Michael Caine),um endlich der Held seines eigenen Lebens zu werden. Von Sehnsüchten undSchwächen sind die Figuren dieses Films geprägt, sie schummeln und betrugen undbleiben dabei so liebenswert, wie sie es nur in Irvings Geschichten sind. Derschwedische Regisseur Lasse Haliström (Gilbert GrapeIrgendwo in Iowa) hat dazuBilder von wunderbarer Schlichtheit gefunden, die Neuengland in den Dreißigernspiegeln.

END