COSMOPOLITAN GERMANY
ZEIT DER ERWACHENS
Dezember 1995


221Q-332-002

Erinnern Sie sich noch? Der erste Liebeskummer, Krach in der Schule, der lange Abschied von den Eltern. Das Gefühl, plötzlich ganz allein zu sein. Und jeder sagte nur, das ist normal, das geht vorbei. Aber Pubertät ist mehr als nur die biologische Verwandlung vom Mädchen zur Frau. Lange unterschätzt, entdeckt sie die Psychologie jetzt als zentrale Weichenstellung für Partnerschaft, Karriere und das Gefühlsleben erwachsener Frauen.

Von Miriam Gebhardt und Mary Ellen Mark (Fotos)

Bildredaktion: Bernd Linhart

Sie sind frech und vorlaut. Sie tun, was sie wollen. Sie sind süß und verführerisch, aber auch wahnsinnig unabhängig. Die Girls sind einfach super, denn sie haben immer und überall Spaß. Nachdem die Girlie-Bewegung durch die Medienmaschine gequirlt wurde, hat sich dieses Bild fest in den Köpfen eingenistet: Mädchen kommen stark aus der Pubertät, meint man. Nur komisch, daß sich die Bilder von jungen Frauen, die mit geflochtenen Zöpfchen und festem Schuhwerk durchs Leben marschieren, so gar nicht mit dem decken wollen, was Wissenschaftler über die Stimmungslage dieser Altersgruppe herausgefunden haben. Die Harvard-Professorin Carol Gilligan zeichnet mit knappen Worten ein ganz anderes Bild: "Junge Mädchen verlieren im Verlauf ihrer Adoleszenz ihre Vitalität, ihre Widerstandskraft, ihre Immunität gegen Depressionen, ihr Gefühl für sich selbst und für ihren Charakter."

Was stimmt denn nun? Sind junge Mädchen heute stark oder schwach? Durchleben sie die Pubertät anders als die Generationen vor ihnen? Und was geschieht eigentlich in der Phase des Frauwerdens?

Auch in früheren Generationen gab es wilde Mädchen, provozierende Klamotten und starke Vorbilder. Pippi Langstrumpf war so ein echtes Gör. Doch Astrid Lindgrens Geschichte bricht vor der Pubertät ab. Mit gutem Grund, glaubt die Psychologin Sonja Düring, denn die Pubertät wäre für das aufmüpfige Mädchen schwer geworden. Sie ist sich sicher: "Die Geschichte von Pippi Langstrumpf könnte nur traurig enden."

Die Hamburger Wissenschaftlerin hat Anlaß für ihre pessimistische Prognose. Aus ihrer Praxis weiß sie: "Für ganz viele Frauen ist die Pubertät ein unheimlicher Einbruch gewesen." Was einmal als starkes, aktives, gesundes Mädchen gestartet ist, kommt häufig als geschwächte, von Selbstzweifeln gequälte junge Frau aus der Pubertät heraus. Muß sich erst langsam Freiheit und Stärke zurückerobern. Heute wie damals.


300F-002-012

An dieser Wirklichkeit kann der Medienzirkus um die eigentlich starken Girlies nichts ändern. Denn so sieht die Realität aus: Im Alter von neun Jahren sind laut einer amerikanischen Erhebung noch 60 Prozent der Mädchen mit sich zufrieden, im Alter von 15 schätzen sich nur noch 29 Prozent positiv ein. Mit anderen Worten: Während der Pubertät sackt bei zwei Drittel der Mädchen das Selbstwertgefühl in den Keller. Jungen sind weitaus selbstzufriedener. Bei ihnen war nur ein Rückgang von 67 auf 50 Prozent feststellbar.

Andere Studien deuten darauf hin, daß heranwachsende Mädchen häufiger unter Depressionen, unter Streß und anderen psychischen Belastungssymptomen leiden. Zwischen zwölf und 16 Jahren wird im Durchschnitt ein Mädchen von hundert magersüchtig. In einer deutschen Studie empfanden sich 44 Prozent der heranwachsenden Mädchen als "überflüssig" und "unwichtig", aber nur 27 Prozent der männlichen Jugendlichen befiel so arger Selbstzweifel. Auf die seelischen Belastungen im Alltag reagierten 27 Prozent der Mädchen mit Kopfschmerzen (Jungen: 14), 21 Prozent mit Nervosität (Jungen: 11) und 17 Prozent mit Schwindelanfällen (Jungen: 7). Traurigkeit und Ängstlichkeit waren für rund 20 Prozent der Befragten das beherrschende Lebensgefühl (Jungen: unter 10 Prozent). Man könnte viele solcher Untersuchungen heranziehen, unter dem Strich steht in unterschiedlichen Worten immer wieder dasselbe: Mädchen kommen in der Regel geschwächt aus der Pubertät, finden sich auf einmal weit abgeschlagen und beladen mit Komplexen wieder.

Auf den ersten Blick hat sich nicht viel getan. Den Girlies geht es nicht besser als anderen Generationen.

Aber warum beginnt das Leben als Frau mit einem Schritt zurück? Darüber hat man sich lange Zeit nicht allzu viele Gedanken gemacht. Seit Sigmund Freud ist die Pubertät in der Psychologie kein Thema gewesen. Seit er die wesentlichen Momente für die Persönlichkeitsentwicklung in der frühen Kindheit erkannte, wird hauptsächlich dort nach dem Ursprung aller Probleme gesucht. Erklärungsversuche über den schwierigen Prozeß der Pubertät sind dünn gesät.


300E-012-04A

Erst seit kurzem nimmt sich eine junge, zumeist feministisch orientierte Strömung in der Psychologie der Frauwerdung an. Denn das ist die Hauptaufgabe der Pubertät für Mädchen. Bis zu diesem Lebensabschnitt wird es durchaus toleriert, wenn sich Mädchen wie Jungen aufführen.

Mit dem Beginn der Pubertät wird aber erwartet, daß sich Mädchen in ihre Geschlechterrolle fügen. Das bedeutet: Nun soll es auch in seinem ganzen Wesen eindeutig zugeordnet werden können. Das ist - trotz aller Emanzipation - auch heute noch so. In der Pubertät beginnt das Studium der Frauenrolle auf vielfältige Weise: Mädchen beobachten das Verhalten ihrer Mütter und anderer Frauen, sie lernen in Büchern und Medien, was es heißt, Frau zu sein, sie bekommen Anweisungen, wie sich ein "ordentliches" Mädchen zu benehmen hat. Es geht zum Beispiel nicht nachts in dunkle Ecken, denn dort lauert Gefahr. Auf diese Art lernt das Mädchen, daß es zu Hause oder in männlicher Begleitung sicherer ist. Sonja Düring: "Zu einem Entwicklungszeitpunkt, an dem die Autonomie ausgeweitet werden sollte, wird sie bei Mädchen eingeschränkt."

Eine der ersten, die den Anpassungsprozeß der heranwachsenden Mädchen genau beobachtet hat, war Carol Gilligan. Sie befragte über drei Jahre hinweg in zahllosen Gesprächen junge Mädchen, um herauszufinden, was ihnen in der Pubertät so sehr zusetzt.

Zum Beispiel Jessi: Sie hatte mit acht Jahren noch Power. Wenn ihr beim Abendbrot im Kreis der Familie niemand zuhörte, nahm sie eine Trillerpfeife zu Hilfe, um sich Gehör zu verschaffen. Mit 13 Jahren ist Jessis Stimme zögerlich, fast unhörbar geworden. Sie weiß, daß Lautsein zu Schwierigkeiten führt. Das Fazit der Forscherin in diesem und in fast allen anderen Fällen: Das Mädchen verliert im Verlauf der Pubertät seine Stimme - im wörtlichen und im übertragenen Sinne: Es wird leise und konfliktunfähig. Es vertraut nicht mehr auf die eigenen Erfahrungen, und Ehrlichkeit wird für die Heranwachsende zu einem anderen Wort fur Egoismus, Unhöflichkeit und Gemeinheit.

Auch nach der feministischen Revolte lassen sich die Geschlechterrollen am besten in Gegensatzpaaren beschreiben - Aktivität gegenüber Passivität, Begehren gegenüber Begehrtwerden, Konfliktbereitschaft gegenüber Rücksichtnahme, Dominanz gegenüber Anpassung.

Die Frankfurter Soziologin Karin Flaake sagt: Mädchen erliegen in der Pubertät dem gesellschaftlichen Erwartungsdruck, "ihre Größenphantasien nicht auf die Gestaltung der äußeren Welt zu richten, sondern auf die Gestaltung ihrer Beziehung zu Männern.' Die Mädchen lenken ihren Aktivitätsschub auf das eine Thema: Körperlichkeit und Attraktivität.

Was junge Frauen im Spiegel sehen, ist allerdings nicht das, was andere sehen. Das Spiegelbild hat meist nichts mit der Realität zu tun. An der Universität Bonn befragten Forscher Jugendliche zwischen zwölf und 16 in einem Zeitraum von vier Jahren regelmäßig, was ihnen an ihrem Körper auffallt. Die Jungen waren mit sich selbst insgesamt einverstanden. Sie fühlten sich sportlich, gelenkig und kräftig.

Die Mädchen hingegen begutachteten sich viel stärker unter dem Gesichtspunkt: Wie wirke ich? Unterziehen ihr Äußeres einer ätzenden Kritik: Nase zu groß, Lippen zu dünn, Beine zu dick, Busen zu tief... Das Schlimme dabei: Dieser Blick auf den eigenen Körper bleibt den meisten noch lange über die Pubertät hinaus erhalten. Von 100 erwachsenen Amerikanerinnen überschätzen 95 ihren Körperumfang deutlich um bis zu ein Viertel.


221Q-165-020

Natürlich ist es auch für Jungen sehr wichtig, attraktiv zu sein und von Mädchen begehrt zu werden. Aber es gibt einen großen Unterschied: Für Männer beruht die eigene Attraktivität hauptsächlich auf Fähigkeiten und Leistungen, also auf Attributen, die jeder Mann selbst beeinflussen kann. Frauen hingegen fühlen sich stärker von der Außenbeurteilung abhängig. Ihre Attraktivität speist sich aus anerkennenden Män

nerblicken und nicht aus Leistungen. Eine Studie in Hessen kam zu dem Ergebnis, daß fir viele Mädchen die Liebe "ein geradezu sinngebendes Moment, der Mittelpunkt des Lebens" ist. Und für die Liebe muß man scheinbar vor allem eines sein: schön, nicht stark. In ihren Gesprächen mit jungen Frauen erfuhr Sonja Düring, wie traumatisch diese Erfahrung für pubertierende Mädchen sein kann: Der Körper, der bislang spielerisch und sportlich erlebt wurde, ist nun Ware, die möglichst vorteilhaft präsentiert werden muß. "Ich fühle mich in meinem Körper stillgehalten", sagte eine. Viele der Gesprächspartnerinnen von Sonja Düring erzählten, daß sie ihren wachsenden Busen und die Menstruation als Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit empfinden würden.

Mit der ersten Menstruation wird ein Mädchen körperlich zur Frau. Doch die Monatsblutung bewerten die meisten nicht positiv. Das ist auch heute noch so, trotz aller sexuellen Befreiung und Emanzipation, haben Forscherinnen herausgefunden.

Die Psychoanalytikerin Ruth Waldeck meint: "Wenn dem Mädchen im Moment des Frauwerdens eingebleut wird, daß die Menstruation schmutzig und deshalb zu verstecken ist, wird auch sein Stolz auf den Körper gebrochen." Das klingt einleuchtend.

Trotzdem beschleicht einen das Gefühl, alle diese feministischen Deutungsmuster könnten eine Überarbeitung vertragen. Denn welche Mutter versucht heute nicht, ihrer Tochter einen positiven Umgang mit der Menstruation zu vermitteln? Es gibt jetzt für Töchter sogar Feste zur ersten Menstruationsblutung.

Die Verhältnisse sind nicht mehr die von gestern, und es stellt sich die Frage, ob Mädchen, die 1995 pubertieren, nicht viel günstigere Startbedingungen haben. Zum Beispiel durch die neuen Mütter, die wichtigsten Identifikationsfiguren fir Mädchen. Immerhin gibt es doch diese Karrieremütter, die ihren Töchtern vorleben, daß ein schöner Körper nicht alles ist. Es gibt Väter, die beruflichen Erfolg von Töchtern genauso wie von Söhnen verlangen. Es gibt Lehrerinnen, die Mädchen ermutigen, sich als freche Gören durchzusetzen. Es gibt Frauen, Alleinerziehende, die vorbildlich die Männer- und die Frauenrolle spielen. Das alles sind vielleicht noch die Ausnahmen von der Regel, aber immerhin ein Anfang.

 Und selbst schwache Mütter können, sozusagen als Negativbeispiel, Töchtern behilflich sein. Denn Töchter schwacher Mütter identifizieren sich gern mit dem mächtigeren Vater. Auch die Männerrolle

kann zum Vorbild werden - heute ist das möglich.

Sonja Düring hat in ihrer Studie eine Gruppe ausgemacht, die sie die "wilden Mädchen" nennt. Ihnen gemeinsam ist, daß sie in ihrer Kindheit jungenhafte Spiele trieben und sich extrem früh unabhängig und frei verhielten. Sie wuchsen entweder eher verwahrlost auf - vielleicht als Töchter der vielbeschimpften karrieregeilen Rabenmütter - und glichen den Mangel an Fürsorge mit Freiheit und früher Unabhängigkeit aus; oder sie hatten eine überfürsorgliche Mutter, die sie ungewollt dazu animierte, sich mit dem Vater zu identifizieren.

Der Effekt des Rollenwechsels kann in der Berufswelt besichtigt werden. In führenden Positionen finden sich überdurchschnittlich viele solcher Vätertöchter. Allerdings ist fir diese wilden Mädchen die Pubertät ein besonders traumatischer Lebensabschnitt. Sie leiden am stärksten unter dem Verlust an Bewegungsfreiheit. Oft machen sie die Erfahrung, daß ihre persönliche Freiheit als nicht mädchenhaft gilt. Sie haben die Wahl, entweder als gleichwertig und autonom anerkannt zu werden, oder sexuelle Bestätigung als Frau zu erhalten. "Allein die Tatsache, daß diese Alternative ausgehalten werden muß, daß dieser Konflikt ausgetragen werden kann, ist schon ein Fortschritt", meint die Psychologin Sonja Düring.

Und sinnbildlich fir diesen Kampf ist der Look der Girlie-Bewegung. Sie tragen kurze Röcke und machen sich dadurch attraktiv. Sie bieten sich an. Gleichzeitig kommen sie mit schweren Stiefeln und der Aussage daher: Ich bin kampfbereit. "Kleidung und Wesen dieser jungen Mädchen drücken genau diese Zerrissenheit aus", sagt Sonja Düring. "Sie inszenieren offensiv den Widerspruch, in dem sie stecken." So gesehen sind die Teenies der neunziger Jahre tatsächlich einen Schritt weitergekommen. Die Botschaft aus dem Medienzirkus von den spaßhungrigen und immer vergnügten Mädchen ist zwar nicht richtig. Aber wir Frauen sind auf dem

richtigen Weg.  1.
Erinnern Sie sich noch? Der erste Liebeskummer, Krach in

der Schule, der lange Abschied von den Eltern.

Das Gefühl, plötzlich ganz allein zu sein. Und jeder sagte nur, das ist normal, das geht vorbei. Aber

Pubertät ist mehr als nur die biologische Verwandlung vom Mädchen zur Frau. Lange unterschätzt,

entdeckt sie die Psychologiejetzt als zentrale Weichenstellung für Partnerschaft, Karriere und das Gefühlsleben erwachsener Frauen. Von Miriam Gebhardt und Mary Ellen Mark (Fotos) ten 27 Prozent der Mädchen mit Kopfschmerzen (Jungen: 14), 21 Prozent mit Nervosität (Jungen: Ii) und 17 Prozent mit Schwindelanfällen (Jungen: 7). Traurigkeit und Ängstlichkeit waren filz rund 20 Prozent der Befragten das beherrschende Lebensgefühl (Jungen: unter 10 Prozent). Man könnte viele solcher Untersuchungen heranziehen, unter dem Strich steht in unterschiedlichen Worten immer wieder dasselbe: Mädchen kommen in der Regel geschwächt aus der Pubertät, finden sich auf einmal weit abgeschlagen und beladen mit Komplexen wieder.

Auf den ersten Blick hat sich nicht viel getan. Den Girlies geht es nicht besser als anderen Generationen.

Aber warum beginnt das Leben als Frau mit einem Schritt zurück? Darüber hat man sich lange Zeit nicht allzu viele Gedanken gemacht. Seit Sigmund Freud ist die Pubertät in der Psychologie kein Thema gewesen. Seit er die wesentlichen Momente filz die Persönlichkeitsentwicklung in der frühen Kindheit erkannte, wird hauptsächlich dort nach dem Ursprung aller Probleme gesucht. Erklärungsversuche über den schwierigen Prozeß der Pubertät sind dünn gesät.

Erst seit kurzem nimmt sich eine junge, zumeist feministisch orientierte Strömung in der Psychologie der Frauwerdung an. Denn das ist die Hauptaufgabe der Pubertät für Mädchen. Bis zu diesem Lebensabschnitt wird es durchaus toleriert, wenn sich Mädchen wie Jungen aufführen.

Mit dem Beginn der Pubertät wird aber erwartet, daß sich Mädchen in ihre Geschlechterrolle fügen. Das bedeutet: Nun soll es auch in seinem ganzen Wesen eindeutig zugeordnet werden können. Das ist ‑ trotz aller

Emanzipation ‑ auch heute noch so. In der Pubertät beginnt das Studium der Frauenrolle auf vielfältige Weise: Mädchen beobachten das Verhalten ihrer Mütter und anderer Frauen, sie lernen in Büchern und Medien, was es heißt, Frau zu sein, sie bekommen Anweisungen, wie sich ein "ordentliches" Mädchen zu benehmen hat. Es geht zum Beispiel nicht nachts in dunkle Ecken, denn dort lauert Gefahr. Auf diese Art lernt das Mädchen, daß es zu Hause oder in männlicher Begleitung sicherer ist. Sonja Düring: "Zu einem Entwicklungszeitpunkt, an dem die Autonomie ausgeweitet werden sollte, wird sie bei Mädchen eingeschränkt."

Eine der ersten, die den Anpas­

sungsprozeß der heranwachsenden Mädchen genau beobachtet hat, war Carol Gilligan. Sie befragte über drei Jahre hinweg in zahllosen Gesprächen junge Mädchen, um herauszufinden, was ihnen in der Pubertät so sehr zusetzt.

Zum Beispiel Jessi: Sie hatte mit acht Jahren noch Power. Wenn ihr beim Abendbrot im Kreis der Familie niemand zuhörte, nahm sie eine Trillerpfeife zu Hilfe, um sich Gehör zu verschaffen. Mit 13 Jahren ist Jessis Stimme zögerlich, fast unhörbar geworden. Sie weiß, daß Lautsein zu Schwierigkeiten führt. Das Fazit der Forscherin in diesem und in fast allen anderen Fällen: Das Mädchen

Mädchen sind den Jungs zwei Jahre voraus. Die körperliche (und seelisch Entwicklung zum erwachsenen Menschen setzt früher ein und endet frühe Erstes sichtbares Zeichen ist meist der wachsende Busen. Doch unsichtbar fängt die Pubertät so an: Irgendwann zwischen acht und zehn Jahren gibt die Hirnanhangdrüse das entscheidende Startsignal für den Umbau des Körpers. Die Eierstöcke beginnen mit der Produktion der Geschlecht hormone. Durch diese angeregt, vergrößert sich die Gebärmutter, & Becken geht in die Breite, Brustwarzen und Schamlippen verfärben sich das umgebende Gewebe wächst. Die männlichen Hormone sind für d Wachstum der Scham‑ und Achselhaare verantwortlich. Die Monatsblutung die gern für den Beginn gehalten wird, setzt tatsächlich erst in der Mitte der Pubertät ein (grob zwischen zehn und 16 Jahren), und zwar erst nach de großen Wachstumsschub. Das ist auch der Hauptunterschied zur männlich Entwicklung. Die Jungs schießen erst gegen Ende der körperlichen Verän derungen in die Höhe, deshalb sind Mädchen oft eine Zeitlang größe Früh‑ und Spätentwickler können sich übrigens bei Ihren Eltern b danken ‑ denn wann das ganze Programm abläuft, ist genetisch festgelegt.verliert im Verlauf der Pubertät seine Stimme ‑ im wörtlichen und im übertragenen Sinne: Es wird leise und konfliktunfähig. Es vertraut nicht mehr auf die eigenen Erfahrungen, und Ehrlichkeit wird für die Heranwachsende zu einem anderen Wort fur Egoismus, Unhöflichkeit und Gemeinheit.

Auch nach der feministischen Revolte lassen sich die Geschlechterrollen am besten in Gegensatzpaaren beschreiben ‑ Aktivität gegenüber Passivität, Begehren gegenüber Begehrtwerden, Konfliktbereitschaft gegenüber Rücksichtnahme, Dominanz gegenüber Anpassung.

Die Frankfurter Soziologin Karin Flaake sagt: Mädchen erliegen in der Pubertät dem gesellschaftlichen Er­

wartungsdruck, "ihre Größenphantasien nicht auf die Gestaltung der äußeren Welt zu richten, sondern auf die Gestaltung ihrer Beziehung zu Männern' Die Mädchen lenken ihren Aktivitätsschub auf das eine Thema: Körperlichkeit und Attraktivität.

Was junge Frauen im Spiegel sehen, ist allerdings nicht das, was andere sehen. Das Spiegelbild hat meist nichts mit der Realität zu tun. An der Universität Bonn befragten

Forscher Jugendliche zwischen zwölf und 16 in einem Zeitraum von vier Jahren regelmäßig, was ihnen an ihrem Körper auffallt. Die Jungen waren mit sich selbst insgesamt einverstanden. Sie fühlten sich sportlich, gelenkig und kräftig.

Die Mädchen hingegen begutachteten sich viel stärker unter dem Gesichtspunkt: Wie wirke ich? Unterziehen ihr Äußeres einer ätzenden Kritik: Nase zu groß, Lippen zu dünn, Beine zu dick, Busen zu tief... Das Schlimme dabei: Dieser Blick auf den eigenen Körper bleibt den meisten noch lange über die Pubertät hinaus erhalten. Von 100 erwachsenen Amerikanerinnen überschätzen 95 ihren Körperumfang deutlich um bis zu ein Viertel.

Natürlich ist es auch für Jungen sehr wichtig, attraktiv zu sein und von Mädchen begehrt zu werden. Aber es gibt einen großen Unterschied: Für Männer beruht die eigene Attraktivität hauptsächlich auf Fähigkeiten und Leistungen, also auf Attributen, die jeder Mann selbst beeinflussen kann. Frauen hingegen fühlen sich stärker von der Außenbeurteilung abhängig. Ihre Attraktivität speist sich aus anerkennenden Män­nerblicken und nicht aus Leistungen. Eine Studie in Hessen kam zu dem Ergebnis, daß für viele Mädchen die Liebe "ein geradezu sinngebendes Moment, der Mittelpunkt des Lebens" ist. Und für die Liebe muß man scheinbar vor allem eines sein: schön, nicht stark. In ihren Gesprächen mit jungen Frauen erfuhr Sonja Düring, wie traumatisch diese Erfahrung für pubertierende Mädchen sein kann: Der Körper, der bislang spielerisch und sportlich erlebt wurde, ist nun Ware, die möglichst vorteilhaft präsentiert werden muß. "Ich fühle mich in meinem Körper stillgehalten", sagte eine. Viele der Gesprächspartnerinnen von Sonja Düring erzählten, daß sie ihren wachsenden Busen und die Menstruation als Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit empfinden würden.

Mit der ersten Menstruation wird ein Mädchen körperlich zur Frau. Doch die Monatsblutung bewerten die meisten nicht positiv. Das ist auch heute noch so, trotz aller sexuellen Befreiung und Emanzipation, haben Forscherinnen herausgefunden.

Die Psychoanalytikerin Ruth Waldeck meint: "Wenn dem Mädchen im Moment des Frauwerdens eingebleut wird, daß die Menstruation schmutzig und deshalb zu verstecken ist, wird auch sein Stolz auf den Körper gebrochen." Das klingt einleuchtend.

Trotzdem beschleicht einen das Gefühl, alle diese feministischen Deutungsmuster könnten eine Überarbeitung vertragen. Denn welche Mutter versucht heute nicht, ihrer Tochter einen positiven Umgang mit der Menstruation zu vermitteln? Es gibt jetzt für Töchter sogar Feste zur ersten Menstruationsblutung.


216I-087-005

Die Verhältnisse sind nicht mehr die von gestern, und es stellt sich die Frage, ob Mädchen, die 1995 pubertieren, nicht viel günstigere Startbedingungen haben. Zum Beispiel durch die neuen Mütter, die wichtigsten Identifikationsfiguren für Mädchen. Immerhin gibt es doch diese Karrieremütter, die ihren Töchtern vorleben, daß ein schöner Körper nicht alles ist. Es gibt Väter, die beruflichen Erfolg von Töchtern genauso wie von Söhnen verlangen. Es gibt Lehrerinnen, die Mädchen ermutigen, sich als freche Gören durchzusetzen. Es gibt Frauen, Alleinerziehende, die vorbildlich die Männer‑ und die Frauenrolle spielen. Das alles sind vielleicht noch die Ausnahmen von der Regel, aber immerhin ein Anfang.

Und selbst schwache Mütter können, sozusagen als Negativbeispiel, Töchtern behilflich sein. Denn Töchter schwacher Mütter identifizieren sich gern mit dem mächtigeren Vater. Auch die Männerrolle kann zum Vorbild werden ‑ heute ist das möglich.

Sonja Düring hat in ihrer Studie eine Gruppe ausgemacht, die sie die "wilden Mädchen" nennt. Ihnen gemeinsam ist, daß sie in ihrer Kindheit jungenhafte Spiele trieben und sich extrem früh unabhängig und frei verhielten. Sie wuchsen entweder eher verwahrlost auf ‑ vielleicht als Töchter der vielbeschimpften karrieregeilen Rabenmütter ‑ und glichen den Mangel an Fürsorge mit Freiheit und früher Unabhängigkeit aus; oder sie hatten eine überfürsorgliche Mutter, die sie ungewollt dazu animierte, sich mit dem Vater zu identifizieren.

Der Effekt des Rollenwechsels kann in der Berufswelt besichtigt werden. In führenden Positionen finden sich überdurchschnittlich viele solcher Vätertöchter. Allerdings ist für diese wilden Mädchen die Pubertät ein besonders traumatischer Lebensabschnitt. Sie leiden am stärksten unter dem Verlust an Bewegungsfreiheit. Oft machen sie die Erfahrung, daß ihre persönliche Freiheit als nicht mädchenhaft gilt. Sie haben die Wahl, entweder als gleichwertig und autonom anerkannt zu werden, oder sexuelle Bestätigung als Frau zu erhalten. "Allein die Tatsache, daß diese Alternative ausgehalten werden muß, daß dieser Konflikt ausgetragen werden kann, ist schon ein Fortschritt", meint die Psychologin Sonja Düring.

Und sinnbildlich für diesen Kampf ist der Look der Girlie‑Bewegung. Sie tragen kurze Röcke und machen sich dadurch attraktiv. Sie bieten sich an. Gleichzeitig kommen sie mit schweren Stiefeln und der Aussage daher: Ich bin kampfbereit. "Kleidung und Wesen dieser jungen Mädchen drücken genau diese Zerrissenheit aus", sagt Sonja Düring. "Sie inszenieren offensiv den Widerspruch, in dem sie stecken." So gesehen sind die Teenies der neunziger Jahre tatsächlich einen Schritt weitergekommen. Die Botschaft aus dem Medienzirkus von den spaßhungrigen und immer vergnügten Mädchen ist zwar nicht richtig. Aber wir Frauen sind auf dem richtigen Weg.

WIEHERNDES GLÜCK

Groß, stark, warm und sexy ist ein Pferd - was sonst treibt die zehn-bis 15jährigen Mädchen mit solch wilder Inbrunst in die Pferdeställe als ihre sexuellen Phantasien... Ein gern zitiertes Klischee, und es sei die Vermutung erlaubt, daß da auch die Enttäuschung der Männer mitschwingt, denen seinerzeit ‚Athos' mit dem unvergleichlich schimmernden Fell und dem langen, kräftigen Hals vorgezogen wurde. Es wäre galoppierender Schwachsinn, die Mädchenleidenschaft für Pferde auf rein erotische Ziele zu reduzieren, auch wenn diese nicht geleugnet werden können. Psychologen sind der Meinung, daß der Reiterwahn entscheidend beim Erwachsenwerden hilft. Einmal lassen sich so die für die Pubertät typischen Omnipotenzphantasien bestens ausleben. Einem Pferd kann man seinen Willen aufzwingen, man kann es beherrschen und sich auf seinem Rücken die Erde untertan machen. Gleichzeitig befriedigt es die regressiven Bedürfnisse, das heißt, die Sehnsucht nach Kindsein. Denn an ein Pferd kann man sich lehnen, sich bei ihm sicher und geborgen fühlen. Der Gaul hat eine ähnliche Funktion wie das Tagebuch: Die Mädchen dürfen ihm alles blind anvertrauen, er ist ein Wesen, das bedingungslos auf Zuneigung reagiert und nicht kritisiert. Er eignet sich zum Objekt der Fürsorglichkeit und Zärtlichkeit - und das eben viel besser als der picklige Mitschüler.

DIE VERWANDLUNG

Mädchen sind den Jungs zwei Jahre voraus. Die körperliche (und seelisch) Entwicklung zum erwachsenen Menschen setzt früher ein und endet früher. Erstes sichtbares Zeichen ist meist der wachsende Busen. Doch unsichtbar fängt die Pubertät so an: Irgendwann zwischen acht und zehn Jahren gibt die Hirnanhangdrüse das entscheidende Startsignal für den Umbau des Körpers. Die Eierstöcke beginnen mit der Produktion der Geschlecht hormone. Durch diese angeregt, vergrößert sich die Gebärmutter, das Becken geht in die Breite, Brustwarzen und Schamlippen verfärben sich, das umgebende Gewebe wächst. Die männlichen Hormone sind für das Wachstum der Scham- und Achselhaare verantwortlich. Die Monatsblutung die gern für den Beginn gehalten wird, setzt tatsächlich erst in der Mitte der Pubertät ein (grob zwischen zehn und 16 Jahren), und zwar erst nach dem großen Wachstumsschub. Das ist auch der Hauptunterschied zur männlich Entwicklung. Die Jungs schießen erst gegen Ende der körperlichen Veränderungen in die Höhe, deshalb sind Mädchen oft eine Zeitlang größer. Früh- und Spätentwickler können sich übrigens bei Ihren Eltern bedanken - denn wann das ganze Programm abläuft, ist genetisch festgelegt.

SCHÖN DOOF

Er drängelt sich vor, quatscht dazwischen, hat immer den Anger oben. Schon in der Schule überlassen Mädchen den Jungs das Terrain. Kampflos, zu schnell und bemerkenswerterweise erst ab etwa der siebten Klasse mit Beginn der Pubertät. Die Mädchen werden still (liefern nur 30 Prozent aller Unterrichtsbeiträge), finden alles, was mit Zahlen zu tun hat, plötzlich „blöd“ und verlegen ihren Ehrgeiz auf die musischen Fächer. Sie verlassen die Schule mit gleich guten Noten wie die Männer, aber im Gegensatz zu ihnen ohne Selbstvertrauen. Die Souveränität, bei mündlichen Prüfungen und öffentlichen Auftritten mal "aus nix etwas zu machen", haben sie nicht geübt - ein Manko auch für die spätere Berufszeit.

Was passiert da eigentlich tagtäglich im Unterricht? In gemischten Klassen werden Jungen häufiger aufgerufen, gelobt und getadelt (was wie eine Bestärkung wirkt). Ganz subtil werden die Fähigkeiten und Talente der Jungen stärker honoriert als die der Mädchen. Noch immer wird den Jungs eine Leistung als Begabung, den Frauen als reine Fleißarbeit bewertet. Und wenn eine Schülerin auffallend gut ist in Mathe, bekommt das gleich das Prädikat, "erstaunlich für ein Mädchen".

"Schutzzonen' für Mädchen wurden vor allem von feministischer Seite gefordert: Eine Lernsituation, frei von Vorurteilen und männlichem Allmachtsgehabe, wie in den Mädchenschulen. Zahlen der Dortmunder Uni zeigen: 70 Prozent der dort Informatik oder Chemie studierenden Frauen kommen aus reinen Mädchenschulen.

Seit Beginn der Neunziger laufen bundesweit ganz unterschiedliche Modellprojekte mit dem Ziel, Mädchen in gemeinsamer Erziehung gleichwertig zu fördern. Dazu müssen Lehrer informiert und besser ausgebildet werden, Lehrpläne und Schulbücher sollen umstrukturiert werden. Trennen? Nein danke, sagen auch Schülerinnen und Schüler. Auf das andere Geschlecht wollen beide im Unterricht nicht verzichten.

END