DAS MAGAZIN
DAMENWAHL
ALLEINSTEHENDE FRAUEN, DIE IN DIE JAHRE GEKOMMEN SIND, ZIEHT ES NACH FLORIDA; SIE WOLLEN HIER EINEN SCHONEN LEBENSABEND VERBRINGEN UND TANZEN - ZUM BEISPIEL MIT EINEM ALTERNDEN GIGOLO WIE LUCKY KARGO
September 22 1995
Lou Ann Walker
Photos by Mary Ellen Mark


COVER 220B-305-001



220B-283-003
Einen Tanz mit einem Traumpartner, verbunden mit ein wenig Knistern, lassen sich di in die Jahre gekommenen Damen etwas kosten.

Alleinstehende Frauen, die in die Jahre gekommen sind, zieht es nach Florida; sie wollen hier einen schönen Lebensabend verbringen und tanzen - zum Beispiel mit einem alternden Gigolo wie Lucky Kargo.


220B-208-003
Wer will, kann sich als Mann für gewisse Stunden innerhalb einer Woche einen Cadillac verdienen.



220B-293-003
Die Fred Astaire Masche gehört zum Standard repertoire der Gigolos.



220B-268-003
Die Damen legen meist keinen Wert darauf, dass ihre Familien von den Eskapaden mit den Meistern des Gesellschaftstanzes erfahren.


220B-098-011
Gino Tranchida, einst Besitzer eines Coiffeursalons, verdient sich seinen Lebensunterhalt heute als «Junggeselle vom Dienst».


Tanztee im Speisesaal des Hotels «Sun Spa» in der Nähe von Miami: Lucky Kargo, ein breitschultriger Mann mit einem Lächeln ausladend wie eine Klaviertastatur, schwebt mit einer zerbrechlich wirkenden Dame in einem kornblumenblauen Kleid übers Parkett und lässt sie behutsam kreisen. Die Kapelle spielt tatsächlich «l'm just a gigolo». Der 70jährige Kargo hat kürzlich einen Seniorenwettkampf im Bankstemmen gewonnen; früher war er Tänzer am Broadway und trat als Schauspieler in B‑Filmen auf. Er hält sich sichtlich zurück. Als er dann aber den Kopf in den Nacken wirft und ein lautes Bühnenlachen von sich gibt, dankt es ihm seine Partnerin, während sie ihre Brille zurechtrückt, mit einem liebevollen Blick. Die weit über 80 Jahre alte Frau mit Buckel und klapperdürren Ärmchen und Beinchen lächelt, offenbar bezaubert von Kargos Pose des ruchlosen Verführers. «Sie mögen es, wenn man sich lüstern gibt», meint Kargo später.

Dasselbe Spiel werden heute abend Tausende von Paaren auf den zahllosen Parketts der florierenden Tanzklubszene von Südflorida spielen. Ihr wirtschaftliches Überleben verdankt diese Szene hauptsächlich der Präsenz älterer Frauen ‑ Hausfrauen, Bankangestellte, Erbinnen von Immobilien, Damen der guten Gesellschaft, die noch unter 70, aber auch schon über 90 Jahre alt sein können und hierhergekommen sind, den Winterblues loszuwerden. Sie machen die Tanzkurse mit, die das «Sun Spa», wie viele Hotels in dieser Stadt, seinen Gästen tagsüber anbietet. An sechs Abenden in der Woche steht «Cabaret» auf dem Programm: Für eine Gebühr von 6 Dollar, rund 7 Franken, kann man sich als Frau einen Partner für einen Zweiminutentanz mieten verbunden mit der Chance, dass es funkt, wenn auch vielleicht nur für einen Augenblick.



220B-319-002
Die Tanzstudios bieten Privatkurse an und Partys, auf denen die Frauen ihre neuerworbenen Fertigkeiten testen können
.
Geleistet wird dieser Dienst von Männern wie Kargo: zuvorkommenden, wohlerzogenen Meistern des Gesellschaftstanzes zwischen 20 und 85 Jahren, von denen jeder die Fred‑Astaire‑Masche im Repertoire hat. Von den 7 Franken, die das Hotel kassiert, bekommt Kargo 4.30; darüber hinaus hofft er auf Trinkgelder. An einem guten Abend kann er 15 bis 20 Tänze verbuchen; und nach ein paar Stunden im «Sun Spa» sieht man Kargo und etliche seiner Kollegen oft noch anderswo das Tanzbein schwingen.


220B-170-003
Am Broadway und in B‑Filmen hat sich Lucky Kargo die Fähigkeiten erworben, die ihm mit 70 als Gigolo zustatten kommen.

Die Tänzer benehmen sich wie Paschas und verteilen Visitenkarten, um neue Kundinnen zu gewinnen. Der durchschnittliche Preis für eine einstündige Tanzlektion zu Hause beträgt 70 Franken «aber ohne Gefummel», wie Kargo betont. Sie wirken auch an Wohltätigkeitsveranstaltungen mit und berechnen dann 180 bis 240 Franken pro Abend. Ihre Aufwendungen sind allerdings hoch all die schönen Anzüge und Tanzschuhe, Maniküren und Coiffeusen. Zudem ist die Welt der Tanzsäle von Miami voller Intrigen. Der Kampf um zahlungsfähige Kundinnen ist heftig, die älteren Herren sind auf junge Emporkömmlinge naturgemäss eifersüchtig.

Für Frauen, die Rita Hayworth nacheifern wollen, ist das «Sun Spa» nur der Einstieg. Auf der nächsten Stufe gibt es Tanzstudios, die Privatkurse anbieten, und allwöchentliche Partys, auf denen die Frauen ihre neuerworbenen Fertigkeiten testen können. Hinzu kommen Tanzwettbewerbe, die oft an exotischen Orten stattfinden; die Teilnehmerinnen haben Flugtickets, Teilnahmegebühren von mehreren hundert Franken und massgeschneiderte Ballkleider zu bezahlen und zwar verschiedene, auf den jeweiligen Tanz zugeschnittene Modelle. Das kann sich auf weitere 6000 Franken summieren.

Kein Wunder, dass manche Frauen keinen Wert darauf legen, ihrer Familie Einzelheiten über ihr Hobby zu erzählen. Als eine betagte Dame aus Chicago, die mit einem Tanzlehrer in Miami glückliche Stunden verbrachte, ihrem Sohn darüber schrieb, beeilte sich dieser, sie in ein Pflegeheim zu schaffen.

In Ballsälen wie «Mr. Dance» oder «Margo's» suchen und finden die Frauen professionelle Tanzpartner; sie sitzen auf Klappstühlen an langen Tischen, die meisten auf einem Stammplatz, den sie Woche für Woche einnehmen. Manche Ballsäle bieten für Frauen, die nicht gerne abends ausgehen, eine Tanzteematinee. Da die Tanzpaläste nur an zwei oder drei Abenden in der Woche geöffnet sind, pilgert die Kundenschar von einem zum anderen, was zu Fehden zwischen den Besitzern führt; es sind Fälle bekannt, in denen einem Konkurrenten die Feuerschutzinspektion auf den Hals geschickt wurde, um die Schliessung seines Ladens zu erzwingen.

Sex liegt immer und überall in der Luft. Manchmal werfen sich die Frauen den Männern an den Hals. Lucky lacht, als ein zierliches Persönchen sich auf den Schoss seines Kollegen Paul Pastore setzt und ihm die Wange leckt. Sie heisst Ruth, ist die Witwe eines Arztes und sagt zu Paul: «Wollen wir nach Hause gehen, mein Herz? ich habe Geld genug und will es ausgeben!» Paul bedauert. Er starrt ihr nach, als sie sich wie ein Krebs in Richtung Tür bewegt. «innert einer Woche könnte ich mir einen Cadillac verdienen», sagt er wehmütig.

Lucky Kargo und seine grössten Rivalen, Gino Tranchida und Andre Chiasson (ein Frankokanadier, der als Doyen der Tanzszene von Miami gilt), sind Wanderer zwischen der Welt der Ballsäle und anderen Welten. Kargo hat in seinem Kofferraum stets ein Notizbuch griffbereit für den Fall, dass er eine interessante Frau kennenlemt. Beim Durchblättern der abgegriffenen Seiten erinnert er sich an die Phasen in seinem Leben, in denen er abwechselnd Clark Gable, Kirk Douglas, John Wayne und Humphrey Bogart verkörperte.

In Miami etablierte sich Kargo, nachdem er in Las Vegas und Kalifornien jahrelang für diverse Frauen den Kavalier gespielt hatte, immer bemüht, nebenbei den Durchbruch als Schauspieler zu schaffen. Einige der besten Action Szenen seines Lebens verschafften ihm eifersüchtige Ehemänner. «Zweimal musste ich aus einem Fenster springen, dreimal aus einer Wohnung flüchten, und einmal versteckte ich mich unter einem Auto», erzählt er.

Gino Tranchidas Markenzeichen ist sein buschiges weisses Haar, das er hinten lang trägt. Er besass einmal einen Coiffeursalon. In einer der Kneipen für Singles über 50 sitzt er mit Danielle, einer gut 60jährigen mit grossen Augen, die sich von ihm nicht nur die Schulter tätscheln lässt, sondern auch die Hüfte und den Hintern. Er rückt den grossen Diamantring zurecht, den er am kleinen Finger trägt, und zupft an seinem schweren Goldarmband. Danielle verkündet fröhlich ihr Bedürfnis, mal «für kleine Mädchen» zu gehen. «Ich tanze mit vielen Damen», erklärt Gino stolz. «Wollen Sie wissen, wer ich bin? Der Junggeselle vom Dienst. »

Die Männer müssen sich beeilen, ihr Geld zu verdienen die Tanzsaison in Miami ist kurz. «Im Mai ist hier tote Hose», sagt Andre Chiasson. In der Zwischensaison jobbt Kargo an einem Flohmarktstand oder in einem Supermarkt. Andere schlagen sich als Fenstermonteure oder Vertreter für Aluminiumschindeln durch.

Die Frauen kommen alle Jahre wieder, weil sie es geniessen, in männlichen Armen zu liegen. «Geld ist dazu da, ausgegeben zu werden», meint eine von ihnen. «ich meine, man zahlt dafür, sich die Nägel richten zu lassen, und man zahlt dafür, sich zu amüsieren. Was soll's? Morgen ist vielleicht alles vorbei.»

Übersetzung Karl Heinz Siber