DAS MAGAZIN
TRIUMPH DES WILLENS
Sportler im Alter zwischen 55 und 91 Jahren kampften in St. Louis, USA, in vierzehn Disziplinen um Gold, Silber, und Bronze
Oktober 1989
Writer
Photos by Mary Ellen Mark
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George Richards, 82, am Start zum I 00‑MeterLauf (links). Bob Ackerman, 60, und Mary Norckauer, 64, haben Medaillen in elf Disziplinen gewonnen (rechts). Auch wer als
Ais die zweite US-amerikanische Seniorenolympiade näher rückte, begann es dem 64jährigen Tony B. Quici in den Beinen zu kribbeln. Der pensionierte Dilsentriebwerkmechanjker der US-Air Force schnappte sich sein Fahrrad und machte sich auf den 2257 Kilometer langen Weg von seinem Wohnort Roswell in New Mexico nach St. Louis, dem Austragungsort der Spiele. Nach zwanzig Tagen Fahrt route er in St. Louis em und meldete sich startbereit. Er hätte, so versicherte er, eine bessere Zeit herausfahren können, wenn es nicht «von Osttexas bis kurz vor Joplin, Missouri, immerfort geregnet» hätte.

Quici gehorte schliessiich zu denen, die ohne Medaille in der Tasche den Heimweg antreten mussten, aber das war haib so schlimm. Im Seniorensport kommt es selten vor, dass einer nach einer Niederlage in Depressionen verf'allt. «Hauptsache, man kriegt den Hintern hoch», sagt Arda Perkins aus Dearborn, Michigan, 79 Jahre alt, blind und Teilnehmer am Gehwettbewerb. «Ich mache nicht wegen der Medaiilen mit. Ich geniesse das Wettkampffieber und die Leute.»

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John S. Phillips, 79. am Start zum Radrennen.


In diesem Jahr fanden sich 3500 Seniorensportler über 55 Jahre zur Olympiade in St. Louis ein. Die USA waren mit 47 Bundesstaaten vertreten, der Rest der Welt durch Puerto Rico und drei weitere Länder. Wettbewerbe in 14 Sportarten, vom Bogenschiessen bis zum Volleyball, wurden ausgetragen. Ältester Teilnehmer war bei den Männern der 9 ljährige Guy Sibley, bei den Frauen die 87jährige Mary Hilliard.

Die vielleicht aufflligste Teilnehmerin war Mary Martin Weaver, 64jährige Dominikanernonne aus Northglenn, Colorado; sie absolvierte das 5-Kilometer-Gehen in ihrer Nonnentracht und schwang dabei munter den Rosenkranz.

Sie ist begeisterte Eishockeyspielerin und begann als 52jährige noch mit dem Eiskunstlauf. Ihre nächste Sportart? «Ich werde es mal mit Speerwerfen probieren. Jemand hat es mir gestern beigebracht, und nach ein paar Versuchen hat es schon gut geklappt. Ja, unbedingt Speerwerfen.»


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Catherine Cress, 79, wärmt sich auf für den Schwimmwettkampf (links). Harold Tschantz, 78, Gewinner de Goldmedaille im Diskuswerfen.

Auch wer als Seniorenathlet keine Medaille gewinnt, fühlt sich als Sieger: «Hauptsache, man kriegt den Hintern hoch.»

MARY ELLEN MARK ist freischaffende Fotografin. Sie lebt in Manhattan, New York, und arbeitet unter anderem für «Life» und «New York Times Magazine». Von ihren Fotobüchern haben insbesondere «FalklandRoad», über Prostituierte in Bombay, und «Mission of Charity», über Mutter Theresa, weltweite Beachtung gefunden.