FOTO MAGAZIN
KRISHNAS GAUKLER
April 1982

Straßentheater in Indien. Treten Sie näher, hier sehen Sie die ungewöhnlichsten Künstler der Welt. Zum Beispiel Rehmat, der sich bei jedem Ringkampf von Moti, dem Bären, besiegen läBt. Für ein paar Rupien zum Ueberleben und zur Ehre seines Gottes.

Eine Reportage von Mary Ellen Mark.

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Roshannath kommt aus Iteda, dem Dorf der Schlangenbeschwörer. Hier werden schon die Kinder an Kobras gewöhnt.

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Die Straßenkünstler wohnen in ärmlichen Behausungen und ziehen durch die großen Städte. Wie diese Puppenspieler kehren sie erst zur Regenzeit nach Hause zurück.

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Shankar, der Affenbändiger, lebt mit seiner Familie in einem Zelt. Eine seiner Töchter half mit, den beiden Tieren kleine Kunststückchen beizubringen.

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Mit kräftigen Augenmuskeln hält dieser Gaukler den am Seil hängenden Stein fest. Wenn er es lange genug kann, sind ihm einige Rupien sicher.

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Babas Hunde sind die klügsten. Sie können die Fragen ihres Meisters "beantworten". Sohn Ratan Lal steht mit dem abgerichteten Stier im Schatten des Alten.

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Shankars "Zirkus" hat auf einem Fahrrad Platz. Damit zieht er von Spielort zu Spielort. Oft genug vertreiben ihn Polizisten.

Es ist gar nicht so einfach, Indiens Gaukler zu finden. Die Bärenführer, Schlangenbeschwörer, Affenbändiger, Zauberer und Akrobaten wechseln täglich ihre Spielorte. Nicht, um ständig ein neues Publikum zu erfreuen, sondern um den Polizisten aus dem Weg zu gehen, von denen sie immer wieder vertrieben werden.

Drei Monate brauchte die amerikanische Fotografin Mary Ellen Mark, um die Straßenkünstler in den schmutzigen Nebenstraßen on Bombay und Neu-Delhi aufzuspüren und ihr Vertrauen zu gewinnen. Am Anfang war sie nur Zuschauerin bei den Darbietungen. Erst nach einer Weile nahm sie die Kamera zur Hand  und fotografierte aus der Menge. Allmählich gewöhnten sich die Künstler an sie. Mit Hilfe eitles Dolmetschers kamen die ersten Gespräche zustande.
Später besuchte Mary Ellen Mark ihre neuen Freunde auch "zu Hause'  ärmliche Hütten, Zelte, Lager unter freiem Himmel. Drei Monate lebte die Amerikanerin unter ihnen. Von den Schlangenbeschwörer Gulabnath und Roshannath wurde sie sogar in deren Heimatdorf Iteda, 40 Kilometer von Neu-Delhi entfernt, eingeladen. Eine besondere Ehre. Denn normalerweise kehren die Gaukler nur während der Regenzeit nach Hause zurück. Den Rest des Jahres bleiben sie in den Großstädten und zeigen dort ihre Künste für eine Handvoll Rupien.

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Drei Monate lebte die Fotografin Mary Ellen Mark unter Indiens Gauklern.

Shankar ist 23, hat eine Frau und zwei Kinder. Als Altester Sohn muß er für sieben jüngere Brüder und Schwestern sorgen. Die Eltern leben in einem Dorf bei Poona, 120 Kilometer südlich von Bombay . An einem Strand nahe der Grosstadt spannt Shankar das Seil und lockt die Zuschauer mit der Trommel herbei. Jeder in der zehnköpfigen Familie, auch der Onkel, hat seine Aufgabe, seinen Auftritt. An manchen Tagen erdient die Familie 50 Rupien (ca. 20 DM). Davon verbrauchen Shankar und die Seinen die Hälfte, den Rest schickt er den Eltern.

Nie käme es Shankar in den Sinn, seinen Beruf, den er traditionell von seinem Vater (und dieser wieder von seinem) ererbt hat, aufzugeben. " Vor langer Zeit ging jeder Mensch einmal zu Gott Krishna'' erzählt er der Fotografin, "um ihn zu fragen, womit er sein Geld verdienen solle. Unsere Vorfahren kamen sehr spät zu ihm. ,Was sollen wir tun? fragten Sie. Krishna dachte eine Weile nach und machte dann einen Salto. So sind wir Akrobaten geworden.“

Den kleinen Waris traf Mary Ellen Mark um sieben Uhr in der frühe in Squatters' Colony. Er lebt mit seiner Frau und den vier Kindern in einem aus bunten Flicken zusammengenähten Zelt. Waris ist Affenbändiger. Er hat zwei Tiere, ein männliches, das er mit Turban und Hose bekleidet, und ein weibliches, das einen roten Rock trägt. Waris' "Zirkus“ hat auf einem Fahrrad Platz. Am einträglichsten ist das Geschäft, wenn er die Wartenden an eitler Bushallestelle mit den Kunststückchen der Affen erfreut. Das tut er so lange. bis ihn wieder ein Polizist vertreibt. Ein unwürdiges Leben? Waris könnte sich kein anderes vorstellen, und wie seine Kollegen präsentiert er sich stolz und pflegt die Standesehre.

Daß diese Atmosphäre Mary Ellen Mark in ihren Bildern auszudrücken weiß, ist ihre große Begabung. Sie ist keine gewöhnliche Bildreporterin, sie ist eine ungewöhnliche Fotografin, die keine Geschehnisse aufnimmt, sondern Geschichten erzählt, Zustände schildert - und das eben mit der Kamera. Was sie fotografiert, hat sie erlebt. Mary Ellen Mark ist eine Chronistin unserer Zeit, deren Werk über Randgruppen unserer Gesellschaft auf den Traditionen der sozialdokumentarischen Fotografie aufbaut.

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