FOTO MAGAZIN
DOUBLE VISION
März 2004
Manfred Zollner


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Cover


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Heather und Kelsey Dietrick, 7 Jahre alt (Kelsey ist 66 Minuten älter), 2002

Die große amerikanische Portrait- und Dokumentarfotografin Mary Ellen Mark portraitierte bei einem Zwillingsfestival in Ohio Geschwisterpaare. Nun hat sie daraus einen wunderbaren Bildband gemacht.


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Walter und David Oliver, 65 Jahre alt (Walter ist 8 Minuten älter), 2001


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Larry und David Demonet, 62 Jahre alt (David ist 15 Minuten älter), 2002


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Jeremy und Jacob Taylor, 10 Jahre alt (Jacob ist 20 Sekunden älter), 2001


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Erin und Erica Cunningham, 17 Jahre alt (Erica ist 63 Minuten älter), 2002


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Don und Dave Wolf, 44 Jahre alt (Dave ist 6 Minuten älter) 2002


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Bessie Boyle und Dimitria Williams, 78 Jahre alt (Bessie ist 15 Minuten älter) mit den Freunden Doug und Don Spence, 68 Jahre alt (Don ist 30 Minuten älter), 2001

Ein cleverer Marketingstratege des Städtchens Twinsburg im US-Bundesstaat Ohio hatte im Jahr 1976 die Idee, aus dem Stadtnamen Kapital zu schlagen und hier ein Zwillingstreffen zu veranstalten. Seitdem gibt es dort jährlich im August das "Twins Days Festival", zu dem mittlerweile zwischen 2500 bis 3000 Zwillingspaare anreisen. Nicht ohne Stolz weist die offizielle Website der Festivalveranstalter darauf hin, dass hier in Twinsburg die weltweit größte Jahresversammlung von Zwillingen stattfindet, ein aufwändig durchorganisiertes Event mit Zwillings-Talentshow, einem eigenen Supermarkt, der speziell ausgewählte Ware für Zwillinge feilbietet, und einer großen Parade unter wechselnden Jahresmottos, zu der sich die angereisten Geschwisterpaare gerne auch verkleiden. Klingt schon mal alles ziemlich exzentrisch.

Das mag sich auch die amerikanische Portrait- und Dokumentarfotografin Mary Ellen Mark (,'American Odyssee") gedacht haben, als sie 1998 erstmals anreiste. "Es war eine verblüffende visuelle Erfahrung", erinnert sie sich jetzt in Ihrem neuen Bildband "Twins"*. "Zugleich aber auch sehr merkwürdig und frustrierend. Es war, als würde ich doppelt sehen, und als Nicht-Zwilling fühlte ich mich irgendwie isoliert. Ich erinnere mich, wie ich am Flughafen auf meinem Weg zurück nach New York dachte: Wie seltsam, von lauter Nicht-Zwillingen umgeben zu sein." Schon beim ersten Besuch hatte Mary Ellen Kleinbild- und Mittelformatkameras mitgebracht. Und nach der Sichtung ihres Fotomaterials festgestellt, dass für den Job am besten formal gestaltete Portraits geeignet sind, die auch noch feinste Details der Abgebildeten aufzeigen. Und noch etwas war sofort klar: Mary Ellen Mark wusste, dass sie unbedingt wiederkommen musste. Schließlich hat sie sich im August 2001 mit einem LKW und zwei Lieferwagen und einem Team von 12 Mitarbeitern auf den Weg nach Ohio gemacht. Auf der Ladefläche des bepackten Trucks stand eine geliehene 5Ox6Ocm-Polaroid-Großbildkamera. Die Gleiche übrigens, die auch William Wegman für seine Weimaraner-Portraits verwendet. Wer einmal vor einer dieser monströsen Holzkisten gestanden hat, weiß, dass dies keine normalen Fotosessions sind. Da verschwindet die Fotografin hinter einem Schrank von einer Kamera. Und selten ist sich der Fotografierte so bewusst, im Fokus eines Objektivs zu stehen wie bei einem dieser Fotoshootings. "Für mich gibt es kein besseres Format, um das Wesen einer Person einzufangen", sagt Mary Ellen. Allerdings sind große Lichtmengen nötig, um die Sofortbilder ausreichend auszuleuchten. So ließ die Fotografin auf dem Festivalgelände ein eigenes Studiozelt aufbauen in das 200 Ampère-Stromkabel verlegt wurden. Marks Gatte Martin Bell organisierte den Aufbau und die Ausleuchtung des Sets. Wer die Arbeitsweise der Fotografin kennt, weiß, dass ihre Projekte oft über Jahre recherchiert werden, sie sich ihren Themen akribisch wie eine Filmemacherin nähert. Um sich größtmögliche künstlerische Freiheit zu bewahren, beschloss die Portraitistin, ihr Zwillingsprojekt komplett selbst zu finanzieren. In der Zeitschriftenszene ist sie eine gefragte Fotografin für renommierte Blätter wie die New York Times oder die US-Vogue. "Das, was man an persönlicher Arbeit geleistet hat, weist einen als Mensch und als Künstler aus, und das muss man selbst auf die Beine stellen", sagt Mark. 2002 besuchte sie schließlich erneut das Festival mit der Polaroid-Großbildkamera. Und nun hat sie die Ergebnisse ihrer PortraitSessions veröffentlicht. In dem Bildband "Twins" lässt Mark Zwillinge aller Altersstufen posen. Kinder, jugendliche, Greise, stets gleich gewandet. In Momenten voller Ironie, Charme und Esprit. Da stehen sie nun, vor neutralgrauer Studio-Leinwand und füllen das Bild allein durch ihre Präsenz, durch ihren Charakter, den die Fotografin perfekt zu inszenieren weiß. Hier geht es nicht um vordergründige Fassaden, eine Zurschaustellung von Amerikas "Doppelten Lottchen". Mark hat sie alle ausführlich interviewt, eine soziologische Mikro-Studie angelegt, in der die Portraitierten bereitwillig Auskunft über ihr gemeinsames Leben, ihre Gefühle füreinander geben. Ihre Portraits zeigen uns eine erstaunliche, oft verwirrende Identität von Gefühlsregungen, Gesten und Blicken. Lustvoll scheinen uns die Abgebildeten auf ihre verblüffende Ähnlichkeit hinzuweisen. Mehr noch. Sie offenbaren ihre emotionale Verbundenheit. Mary Ellen Mark hat sich im Laufe ihrer Karriere immer wieder von Zwillingen fasziniert gezeigt und diese portraitiert. Mit diesem Bildband ist ihr das ultimative Fotobuch zum Thema geglückt.

*Mary Ellen Marks Bildband "Twins" ist im Steidl Verlag erschienen und kostet 50 Euro