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INDIENS GAUKLER
Fakire, Akrobaten, Schlangenbeschwörer, Zauberer, Bärenführer oder Hundedresseure: In den Strassen von Bombay und Neu-Delhi nimmt das Spektakel der Gaukler kein Ende. Eine Fotoreportage von Mary Ellen Mark.
January 1981


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Fakire, Akrobaten, Schlangenbeschwörer, Zauberer, Bärenführer oder Hundedresseure: In den Strassen von Bombay und Neu-Delhi nimmt das Spektakel der Gaukler kein Ende. Eine Fotoreportage von Mary Ellen Mark.


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Der Kampf mit dem Bären

Rehmat, der Dompteur, zieht mit seinem Bären Moti durch die Strassen von Neu-Delhi. Hat er einen geeigneten Platz gefunden, lockt er mit einer Trommel das Publikum an. Und Moti zeigt auf Befehl, wie wild ein wilder Bär sein kann. Höhepunkt des Schau ist immer ein Ringkampf. Das Drehbuch will, dass des Bär jedes Mal seinen 55jährigen Meister besiegt.


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Für eine Handvoll Rupien

Nicht alle Gaukler und Fakire Indiens sind Profis. Das Elend in den Slums der Städte macht die Kinder erfinderisch: Sonntags produzieren sie sich an Bombays Strand Chapatti. Für einen langen Lohn, einige wenige Rupien lässt sich dieses Mädchen im Sand vergraben. Und sein Bruder hilft ihm dabei, so wie er es vielleicht bei einem echten Fakir gesehen hat.


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Glauben, was zu sehen ist

Die Inder sind dankbare Zuschauer. Sie akzeptieren Tricks, die auch dem leichtgläubigsten Europäer nur ein müdes Lächeln entlocken würden. Wie diese Schwebenummer eines Zauberers: Holzpflöcke unter dem rosa Tuch sollen das Publikum glauben machen, dass der Mann in der Horizontalen schwebt. In Wirklichkeit kniet er; um echt zu wirken, hat er nur den Kopf nach hinten geneigt.


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Nach dem Willen Krishnas

Shankar und seine sieben Brüder und Schwestern leben am Strand von Bombay. 50 Rupien, etwa zwölf Franken, sind der Lohn für die drei täglichen Vorstellungen der Akrobatenfamilie.

„Was sollen wir tun, Krishna?“ fragten meine Vorfahren den Gott», erzählt Shankar. «Krishna dachte lange nach und vollführte dann einen Salto in der Luft. So sind wir Akrobaten geworden.»


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Ein Stamm der Beschwörer

Wie viele seiner Kollegen kommt Rosannath, der Schlangenbeschwörer, aus dem Dorf Iteda nahe Neu-Delhi. Er gehört zum Stamm der Jogis, die berühmt sind für ihre Medizin gegen den Biss der Kobra. Die Jogis würden nie eine Schlange töten oder ihre Haut an den Lederhändler verkaufen. «Wenn eine Kobra stirbt, fliegt sie direkt in den Himmel», sagt Rosannath.


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Fragestunde mit Hunden

Der Hundedresseur Baba stiehlt seinem Sohn, der mit einem abgerichteten Stier auftritt, regelmässig die Schau. Babas Hunde können alles. Ihr Meister fragt sie: «Was geschieht, wenn die Seele den Körper verlässt?» Sie lassen sich fallen und liegen da wie tot. «Wer hat eine Zehn-Rupien-Banknote?» Einer der Hunde läuft zu einem Zuschauer und geht nicht mehr weg, bis dieser zahlt.


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«Lasst ihn arbeiten!»

Um seine Frau und seine vier Kinder ernähren zu können, stellt Waris seine Affen in den Strassen von Neu-Delhi zur Schau. Doch oft verjagt ihn die Polizei, droht sogar, ihn zu verhaften. Dann zieht Waris ein zerknülltes Dokument aus der Tasche, auf dem amtlich steht: «Dieser Mann verdient auf diese Weise sein tägliches Brot. Lasst ihn in Frieden arbeiten, er ist ungefährlich.»

VON MARY ELLEN MARK

Das Strassentheater in Indiens Grossstädten macht nie Pause. Hier wirft ein Bärenführer sein Hemd beiseite und misst seine Kräfte mit dem Bären. Gewiss - der Bär wurde als kleines Baby eingefangen, sorgfältig dressiert und hängt fast liebevoll an seinem Dompteur; er spielt nur mit seinen Muskeln. Und wenn er einmal Ernst aus dem Spiel machen wollte, so hinderte ihn sein Nasenring blitzschnell daran. Kurz, wenn der Bärenführer einmal den Bären gewinnen lässt, tut er's nur dem Publikum zuliebe.

Dort führt der arme Affenbändiger, der seinen Zirkus auf dem Fahrrad transportiert, sein groteskes und lächerliches Theater auf. Vorausgesetzt natürlich, er überspielt die schikanöse Aufsicht des wachhabenden Polizisten.

Anderswo verzaubert greller Flötenklang die Kobras des Schlangenbändigers. Den Giftsack hat man ihnen gleich beim Fang herausgerissen, aber dem gaffenden Publikum laufen doch kalte Schauer über den Rücken.

Auch der ärmste Inder ergötzt sich an diesen naiven Schaustücken. Und für den Gaukler - der sein Leben nicht weniger ärmlich fristet findet sich immer noch eine kleine Münze, die das Stückchen Traum auf der Strasse lohnt.

So bescheiden sich die Artisten durchschlagen müssen - sie haben ihren Stolz. Als die Fotografin Mary Ellen Mark den Bärenführer Rehmat knipste, geriet sein Konkurrent Nasir Khan in helle Aufregung. Wie konnte sie für Rehmat Augen haben, wenn Nasir daneben stand? Zugegeben, Rehmat lässt sich von einer motorisierten Rikscha kutschieren, wenn er den Rikschafahrer von der Ungefährlichkeit seines Bären überzeugen kann. Nasir muss sich mit einer gewöhnlichen Rikscha zufriedengeben.

Nasir Khan ist Mitglied der «Genossenschaft der vernachlässigten und vergessenen Artisten», einer Art Gewerkschaft der Schausteller Neu-Delhis. Ihr Gründer, der 3 3I-jährige Rajiv Sethi, will das Los der Strassenkünstler der indischen Hauptstadt verbessern. Sethi vermittelt ihnen Auftritte in Hotels und Botschaften. Er verhandelt mit der Polizei, um die Schikanen zu beenden, unter denen Neu-Delhis Gaukler leiden. Er plant sogar, die besten Schausteller auf Tournee durch Europa und die USA zu schicken.

Dieses grosszügige Programm stösst - was niemanden verwundern wird – auf zahllose Hindernisse. Berufliche Eifersüchteleien gehören ebenso dazu wie Rivalitäten zwischen den Kasten oder «all die Hässlichkeiten, welche die Armut mit sich bringt», wie Sethi es ausdrückt. Aber, fügt der Beschützer der Gaukler hinzu: «Diese Menschen haben mir mehr geschenkt, als ich ihnen je geben könnte.» Und, mit ironischem Unterton: «Sogar ein Magengeschwür verdanke ich ihnen.»


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Mary und die Jogis

Während ihrer Reportage in Indien hat sich die Fotografin Mary Ellen Mark mit den Jogis von Iteda, den Schlangenbeschwörern, angefreundet. Nicht einmal mehr die Kobras konnten ihr Angst einjagen!

Ihr erstaunlichstes Erlebnis hatte die Fotografin Mary Ellen Mark mit den Schlangenbändigern Gulabnath und Roshannath, die in der Nähe des Taj-Mahal-Hotels in Bombay arbeiten. Mary Ellen Mark begleitete die beiden in ihr Heimatdorf Iteda in der Gegend von Neu-Delhi. Sie hatten die Fotografin zu einer Schlangenjagd eingeladen:

Die Männer wappnen sich mit einem Holzstock, an dem eine Klinge befestigt ist. Damit stochern sie in einem Loch, in dem sie eine Schlange vermuten. Plötzlich - o Wunder! - schiesst die Kobra aus ihrem Loch, wird in ein Gefecht verwickelt und verschwindet in einem bereitgehaltenen Leinensack.

«Etwas kann doch da nicht stimmen», kommentierte die Fotografin, «eine Kobra lässt sich doch nicht so leicht fangen.»

Da klärte sie Gulabnath auf: «Manchmal brauchen wir einen ganzen Tag, um eine Kobra zu fangen. Also hat Roshannath, um Ihnen eine Freude zu machen, vorher die Kobra in das Loch gesteckt.»

END