GEO GERMANY
GIGOLOS
Für ein paar Dollar Glückseligkeit: In Ballsälen und Tanzhallen rund um Miami kehrt im Herbst des Lebens noch einmal die Jugend zurück.
February 1997
Von Carmen Butta

Und denn lernte Anthony Montalbano die schöne Miranda kennen. Eine Teufelin mit 69. Exilkubanerin. Eine dieser red-hair-green-ezes-sweeties, feurige Natur, wie Latinos eben sind. Mit ihr war es endlicht echtes Gefühl und kein Geld im Spiel. Alles gratis für Miranda. SO etwas passiert schon einmal, auch einem 74jährigen. Das Tanzen mit ihr, das war pures Fliegen. Aber was fand Anthony eines Tages heraus? Seiner  lebenssüchtigen Miranda hatte früher ein Beerdigungsinstitut in Miami gehört. Da verlor er auf einmal jedes Liebesgefühl und sogar fünf Tage lang des Appetit. Er konnte ihre Hände, die lebloses Fleisch angefaßt hatten, nicht mehr berühren. Und als er hörte, was man so alles mit den Toten anstellt, war ihm auch jeder Gedanke ans Sterben endgültig vergangen.

Anthony Montalbano moduliert die Stimme im samtigen Tenor. Er genießt es zu erzählen und wippt dabei in seinen polierten Schuhen. Weiß sind sie und aus weichem Chevronleder –das Standeszeichen der tanzenden Gigolos, jener gereiften Herren mit guten Manieren, die gegen Honorar des harrenden Damen in God’s waiting room das Lebensfinale ein paar Stunden lang auf dem Parkett versüßen.

Über Hunderte Kilometer dehnt sich dieser Wartesaal Gottes nördlich von Miami an der atlantischen Küste entlang zehnstöckige Hotels und Condos, Apartmentblocks, quadratisch, trapezförmig, turmähnlich –steinerne Bienenkörbe, die am Rande sich überschneidender Asphaltstreifen aufragen. Boca Raton, Pompano Beach oder Hallandale heißen die sonnenwarmen Refugien der vom Alter Gestellten und Überraschten. Auf acht Frauen kommt hier ein Mann. Doch in manchen Condos wohnen nur zehn Männer und 190 Frauen, deren Minuten, Stunden, Tage mit mechanischen Gymnastikübungen am Strand, mit Bridge- und Bowlingpartien, mit nie endenden Patiencespielen dahintropfen: God s waiting room –ein größer Markt für Herren wie Anthony.

In Luigiäs Ballroom, einer mit Lichterketten, Lamettagirlanden und bunten Papierschlangen geschmückten rosafarbenen Bonbonniere, harren über 200 schwarzgepolsterte Stühle auf den Ansturm. Dienstag, 13 Uhr, beginnt der Tanz. Vier Dollar Eintritt, Kaffee und Käsekuchen inklusive.

Im weißen Leinenanzug, zu dem seine gebräunte Haut so wirkungsvoll kontrastiert, mit schweren, goldenen Manschettenknöpfen und frivoler Micky-Maus-Krawatte, ist Anthony als Zugpferd am Eingang zum Ballroom postiert und dafür vom Eintrittsgeld befreit. Wieder und wieder zwingt er mit dem Kamm seine silbergraue Mähne nach hinten. Komplimente wirken besser als Medikamente, schnurrt Anthony und sonnt sich in den neidischen und anhimmelnden Blicken.

Doch unerwartet läuft ihm heute Nachmittag dieser Stanley Ulrich den Rang in der Bewunderung ab. Mit zwei Damen an seiner Seite präsentiert sich der ehemalige Landjunge und lächelt unermüdlich, wie immer. Wollige aschblonde Locken hat Stanley. Und er ist erst 61. Aus dem Augenwinkel verfolgt Anthony den hereinschreitenden Rivalen.


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Er heißt John, aber nennen wir ihn einfach „Jean Gabin“; in seinen Armen beginnt eine Partnerin zu entschweben. Er ist ein Gentleman, wie einer aus den fünfziger Jahren, aus der Hoch-Zeit des eleganten Hotels Eden Roc in Miami Beach.

Neun Köpfe mit dauergewelltem, violettgefärbtem, toupiertem, graugelocktem oder kess gesträhntem Haar schwenken wie ausgezogen mal nach rechts, mal nach links ..die Punktrichter der durch den Saal stolzierenden Gigolos. Auf Wiener Kaffeehausstühlen scharen sich diese neun single ladies um dem cremefarbenen Flügel und scheiden zunächst scharfäugig und scharfzüngig die echten von den gelegentlichen Paaren. Allein die Dame im langen Schwarzen mit Rollkragen und dem entblößten sommersprossigen Rücken, den weit nach außen gezogenen Lidstrichen und den so straffen Gesichtzügen schweigt. Nur manchmal, bei einem besonders treffenden Kommentar, verengen sich für einen kleinen Moment ihre Augen zu einem Schlitz.

„Anthony, wie immer elegant,“ haucht die Dame in dem längst aus der Form gekommenen Paillettenkleid. „Very elegant,“ seufzen die anderen Ladies in Chor. „Seht da, Betty und Lucille mit Stanley –sie teilen sich den Goldjungen!“ Feixt die pensionierte Bibliothekarin und schützt den knochigen Ellbogen auf den Flügel, „der hat’s wohl nötig.“ Die anderen nicken jetzt nur wie geisteabwesend. Ihre Finger spannen sich um die Täschchen, spielen mit einer Haarsträhne. Ach, würde doch dieser junge, schöne Mann auch sie einmal auf die Tanzfläche führen und seinen Arm um ihre Taille legen und sie drei Minuten lang vor dem Abgrund der Einsamkeit zurückhalten und wieder wie ein junges Mädchen über das Parkett wirbeln lassen, bis sich alles um sie herum dreht und sich jenes wunderschöne beschwipste Gefühl wieder im Kopf ausbreitet...

La vestida de blanco schluchzt auf, ein sentimentaler Bolero. Stanley beherrscht die Arena. Anmutig führt er den Arm über den Kopf, als wolle er die Luft darüber streicheln, knickt in der Hüfte mal nach links, mal nach rechts ein und dreht Pirouetten wie eine Ballerina. Die Arztwitwe Betty in glockenförmigen Jeansrock und befranster Jeansweste swingt mit schmachtendem Blick und erhobenen, flatternden Händen im Gleichtakt. Mit rasanten Schrittkombinationen ziehen die beiden ihre Schleifen provozierend dicht an Anthony vorbei, der seine in azurfarbenes Chiffon gehüllte Dame mit behutsamen Drehungen träumen lässt, wirbeln dann durch das quirlende Gewimmel zu John Santori hinüber. Im Zweireiher, mit weinrotem Seidenhalstuch und dem, trotz seiner 84 Jahre, immer noch schwarzen Haar, hält John die spatzenhafte, auf goldenen Sandaletten trippelnde Margie Liebevoll an den Händen. 94 Jahre ist sie alt und in ihrer Verzückung mit John und den Erinnerungen ganz allein auf dem Parkett.


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Er heißt Lucky, aber nennen wir ihn, den Ex-Broadway-Tänzer, „Fred Astaire“.

Mit immer wieder denselben Schlichten spinnen die Tanz-Maestri ihre Damen ein. Hält der sizilianischblütige John eine ungelenke Tänzerin in den Armen, singt er leise die Schrittfolge vor, einzweidrei, und säuselt ihr zwischendurch Komplimente ins Ohr. Nie eine Lady blamieren, nie ungeduldig sein. Auch im schlimmsten Fall dauere alles nur drei Minuten. Und niemals Sex. Damit könne er kaum glänzen –aus Mangel an Inspiration. Zu schön und zu lange habe er das früher gekostet. Und wenn Anthony die Tanzschritte mal nicht genau weiß, macht er gute Figur, indem er einfach den Mittelfinger der umherwedelnden Hand graziös nach unten krümmt. Die andere legt er mit genau dosiertem Druck, beschützendstarkzärtlich, um die Taille seiner Dame. Flammt in ihr Verliebtheit auf,  dämpft er mit Zurückhaltung das Gefühl und lässt es zugleich durch keine Aufmerksamkeiten „vor sich hinschwellen, um den Markt nicht zu verlieren.“ Und geleitet Stanley eine gehemmte Dame aufs Parkett, streicht er mit den Fingern wie ein Hauch über ihre Hand, und aus der Gipsfigur wird ein fließendes Geschöpf. Und da die Frauen sich nach einer Haut sehnen, die sich weich und jung anfühlt, reibt er sich ausgiebig mit Aloe Vera ein und schwimmt jeden Morgen im Ozean –eine Meile weit. Das stählt für den Parcours im Tanzsaal.

Vor den ausgebreiteten Käsekuchen, Doughnuts und dem Schmalzgebäck des Buffets nutzen John und Anthony den Freigang für einen Plausch. Ihre Gesichter sind gerötet, glänzen wie betaut. „Dieser Stanley mit seinen albernen, verrenkten Posen und all den Drehspielchen..,“ mokiert sich der elegante Anthony, „ ...ist doch nur ein Softie. Wieviel Kriegt er eigentlich?“ John der Sizilianer zieht   das Kinn herunter: „Acht Ladies hat er einmal pro Woche und eine sogar für drei Tage.“ Anthonys Stirn umwölkt sich,  „Ach! Und was hat er davon?!“ posaunt er schließlich. Seine Ladies lüden ihn zu Kreuzfahrten in die Karibik und zu Kasino-Trips nach Freeport ein. Seinen Schrank füllten 335 Schlipse und 48 Anzüge. 66 Paar Schuhe reihten sich dort. Alles Präsente. Und was habe dieser Stanley zu Haus? Anthony gluckst: „Bestimmt nur ein Kleiderschränkchen und –eine Ehefrau.“

„Love Potion Number Nine“ hämmert aus den Lautsprechen, und alle sind wieder auf dem Parkett. Beschwingt wiegen sich die echten und die gelegentlichen Paare im Cha-Cha-Rhytmus, kreiseln zum Tequila Mambo und lassen sich vom Tango of the Roses zu noch gewagteren Figuren treiben. Immer ausgelassener, immer furioser fegen, trippeln und hopsen sie durch den Saal, bis schließlich der letzte Tanz anbricht. Das Licht wird abgedämpft, und zu den seidigen Klängen von „Somebody Is In Love with You“ lehnen die Damen ihren Kopf an die Schulter der Herren. Sie gleiten, schweben. Sie haben ihre Jugend wiedererlangt. Sogar für die Kavaliere in den weißen Schuhen ist das Parfum ihrer Lady plötzlich der Geruch vom damals, und einen Moment lang vergessen sie all ihre Schlichte, die Rivalität, das Geschäft.

END