PHOTO TECHNIK INTERNATIONAL
Mary Ellen Mark
DATE
Die Welt von ihrer SCHATTENSEITE
PHOTOS BY MARY ELLEN MARK

"Was mich interessiert", sagt Mary Ellen Mark, "ist die Realität. Als "sozialdokumentarische Fotografie" bezeichnet sie ihre Vorgehensweise. Skeptisch steht sie zeitgenössischen künstlerischen Konzepten gegenüber. "Diese Arbeiten', so die Fotografin, "sagen mehr aus über ihre Produzenten als über die Gesellschaft." Mark: "1 prefer reality." In der Vergangenheit wurde sie immer wieder mit MargaretBourke-White, Lee Miller oder Dorothea Lange verglichen. Mark selbst sieht sich mit ihrer Arbeit eher dem Werk des legendären W. Eugene Smith verpflichtet Mit Smith verbindet sie die Vorstellung von Reportage als einer Summe ausdrucksstarker Einzelbilder. Und: die respektvolle Behandlung derer, die sie mit ihrer Kamera beobachtet "Ich glaube einfach, daß es unerläßlich ist, den Menschen ehrlich und direkt zu erklären, warum man fotografiert und was man vorhat", hat sie einmal erklärt. "Schließlich nehme ich einen Teil ihrer Seele und folglich sollte man aufrichtig sein." Gehörten noch Bourke-White oder Miller zum festangestellten Staff großer Magazine wie "Life" oder ,,Vogue", so muß sich Mark ihre Themen in der Regel auf eigenes Risiko erarbeiten. Handwerkliches Können, eine künstlerische Ader, aber auch Mut, Enthusiasmus, um nicht zu sagen Besessenheit prägen ihre Vorgehensweise. Mary Ellen Mark ist überzeugt von der gesellschaftlichen Relevanz ihrer Themen, von der Wichtigkeit ihrer Bildbotschaften und nicht zuletzt von der suggestiven Kraft des konventionellen Foto-Bildes. Sie wolle "kräftige dokumentarische" Bilder machen, technisch perfekt und so kreativ wie die besten künstlerischen Fotos. "Das', so Mary Ellen Mark, "ist mein Ziel."

International bekannt wurde sie mit Reportagen wie "Ward 81", "Falkland Road" oder "Streetwise", einer Arbeit über Straßenkinder in Seattle, die "Life" 1983 publizierte. Mark hatte Seattle gewählt, weil die Stadt als eine der angenehmsten im ganzen Land galt. "Und wenn es Straßenkinder in einer Stadt wie Seattle gibt", so die Fotografin, "dann kann man sie überall in Amerika finden, und das bedeutet, daß wir ein großes soziales Problem mit obdachlosen Kindern in diesem Land haben." Was die Bildessays von Mary Ellen Mark verbindet, ist das Interesse an den Randgestalten der Wohlstandsgesellschaft. Prostituierte, Drogenabhängige, Geisteskranke, Obdachlose stehen im Mittelpunkt ihrer überwiegend schwarzweißen Bildrecherchen. Was ihren Aufnahmen abgeht, ist die kühle Teilnahmslosigkeit, der kalte Voyeurismus einer lediglich an nackten Sensationen interessierten MagazinFotografie. Nicht zufällig nannte Robert Hughes, Kritiker der Zeitschrift "Time", ihren Zyklus über Geisteskranke ('Ward 81") "eine der feinfühligsten Reportagen über Verletzlichkeit, die je auf Film festgehalten wurde".

300E-012-22A
Tiny in ihrem Halloween-Kostüm, Seattle, Washington 1983



214H-143-002
Amanda und ihre Kusine Amy, Valdese, North Carolina 1990



300E-027-18A
"Rat' und Mike mit Pistole, Seattle, Washington 198



212L-047-012
South Dallas, Texas 1988

Die Idee kam Mark, als sie 1971 Standfotos für Milos Forman machte. "Ich erfuhr, daß er 'Einer flog übers Kuckucksnest' drehte und daß kein Standfotograf vorgesehen war." Mark bot an, ohne Honorar zu arbeiten und gelangte so in einen Tabubereich der Gesellschaft. Immer schon habe sie sich für Psychiatrie und Geisteskranke interessiert. "Ich sah hier eine Möglichkeit, Menschen kennenzulernen und Zugang zu einem Krankenhaus zu bekommen. Und so war es dann auch."

Geboren wurde Mary Ellen Mark 1940 in Philadelphia. Sie absolvierte zunächst ein Kunststudium an der University of Pennsylvania, arbeitete kurzzeitig als Zeichnerin in einem Stadtplanungsbüro und kehrte dann, 1962, an die Universität zurück, um Fotografie zu studieren. "Es ist seltsam", bekennt sie im Rückblick, "aber mir war sofort klar, daß dies mein Lebensinhalt werden würde."

209H-026-003
Kindermodenschau, Miami Beach, Florida 1986

212Z-044-010
Teilnehmer der National Senior Olympics, Saint Louis, Missouri 1989

Ein Fulbright-Stipendium führte sie 1965 in die Türkei. Es war ihre erste große Reise. "Passport" wurde ihre erste große Reportage und (1974) ihr erstes Buch. 1979 erschien "Ward 81". 1981 kam "Falkland Road" heraus, eine Farbreportage über Prostituierte in Bombay, mit der sie weltweit Aufsehen erregte. Besser vielleicht als jedes andere Projekt illustriert gerade dieses Mary Ellen Marks wohl hervorstechendste Eigenschaft: Beharrungsvermögen. "Jeden Tag mußte ich mich aufraffen, als ob ich in eiskaltes Wasser springen müßte", erinnert sie sich an die abweisende Atmosphäre des Rotlichtviertels. "Mit der Zeit aber begriffen die Menschen meine Entschlossenheit und wurden neugierig.

212H-097-003
Tanzschule, East Orange, New Jersey 1988

Manche Frauen hielten mich für verrückt. Mein Interesse und mein Verständnis hat sie dann aber doch überrascht. Und langsam, sehr langsam begannen sich Freundschaften zu bilden." In "Life", "Look, "Paris Match", ',Newsweek", ',Geo", ,,Esquire" und im "Stern" sind ihre Aufnahmen erschienen. Lang ist die Liste ihrer Bücher und Buchbeiträge. Inzwischen allerdings scheint das Interesse an kritischen Reportagen regelrecht weggebrochen zu sein. "Die Bereitschaft der Magazine, sozialdokumentarische Fotografie zu drucken", so Mark, "hat in den vergangenen fünf Jahren dramatisch abgenommen. Was die Zeitschriften interessiert, sind Illustrationsfotos, vor allem People und Fashion." So gesehen kommt der Dr.-Erich-SalomonPreis der DGPh, den Mary Ellen Mark am 25. September in Köln entgegennehmen wird, im richtigen Moment. Sie fühle sich außerordentlich geehrt und ermutigt, ihren Weg weiterzugehen. Im übrigen, so die Fotografin, gehöre Salomon zu jenen Fotografen, die ihr von Anfang an Vorbild gewesen seien.

401S-288-009
Flußpferd und Artistin, Great Rayman Circus, Madras, Indien 1989

401T-532-014
Ram Prakash Singh mit seinem Elefanten Shyama, Great Golden Circus, Ahmedabad, Indien 1990

Und was sind ihre Pläne, ihre Vorhaben in nächster Zeit? Gelegentlich mache sie Werbung, um ihre Projekte zu finanzieren. Außerdem arbeite sie zunehmend im Porträtbereich. "Anstelle großer Reportagen", so Mark, "bekomme ich jetzt mehr und mehr Porträtaufträge." Und dann, natürlich, wolle sie ihren großen Zyklus über Zirkusse in aller Welt zu Ende bringen. Das Problem seien nur immer wieder die Finanzen. Im Beschaffen von Geldern sei sie nicht sonderlich begabt. Mark: "Ich ziehe eben lieber los und mache Bilder."       

Michael Koetzle

Im Rahmen des Kodak Kulturprogramms
ist eine große Retrospektive ,,Mary Ellen Mark – 25 Years"
vom 14. September bis zum 6. November
im Kölner Museum für Ostasiatische Kunst zu sehen.
Der begleitende Katalog erschien bei Bulfinch Press.

END