ROLLING STONE GERMANY
GELIEBTES MONSTER
Er ist das bizarre Produkt einer völlig deformierten Kindheit -und trotzdem feiern Musiker, Autoren und Filmemacher JEREMIAH TERMINATOR LEROY als das neue literarische Wunderkind
December 2001
Von Peter Murphy
Foto: Mary Ellen Mark

Als 12‑Jähriger wurde er von der Mutter auf den Strich geschickt und mutierte zum ,,Truck stoplizard". Als 21‑Jähriger brachte er seine traumatischen Erlebnisse zu Papier. Und ist nun selbst überrascht, dass seine therapeutischen Schreibübungen als eine literarische Großstat gefeiert werden.

Von Peter Murphy


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Foto: Mary Ellen Mark

Schick mir deine Adresse, dann schick ich dir den Penisknochen eines Wasch­bären." Eine solche Offerte bekommt man nicht jeden Tag. Aber J.T. LeRoy ist auch kein Mensch, dem man jeden Tag begegnet. Die Geschichten des 21‑jähigen Autoren sind bereits von solchen Institutionen wie der ,,New York Times", dem ,,Guardian" und ,,Esquire" gepriesen worden, aber welchen Status er wirklich bereits besitzt, beweisen eher noch die zahllosen Literaten, Filmemacher und Musiker die sich geradezu drängeln, dem literarischen Wunderkind ihre Aufwartung zu machen: Chuck Palahniuk, Shirley Manson, Courtney Love, Mary Gaitskill, Gus Van Sant, Suzanne Vega und viele andere. Tom Waits interviewte ihn für das Magazin “Vanity Fair", und auf dem neuen Garbage‑Album gibt es gar einen Song namens ,,Cherry Lips (Go Back Go!)" über ihn.

Die Literaten unterscheiden sich in ihrem Hunger nach Frischfleisch durch nichts von den Kollegen der Film‑ und Musikindustrie ‑ Beispiele von Jim Carroll bis zurück zu Arthur Rimbaud gibt es da jede Menge. Das Außergewöhnliche im Falle von J.T. LeRoy besteht allerdings darin, dass er überhaupt überlebt hat ‑ und dann obendrein einen Roman vom Kaliber seines Debuts ,,Sarah" ablieferte. (Die Besprechung gab es im letzten ROLLING STONE ‑ Red.) In dem bitterbösen Märchen schildert er seine Erlebnisse als ,,Truckstoplizard", auf deutsch: die eines kleinen Gauners und Strichjungen, der auf einem Truckstop im ländlichen West Virgina sein Unwesen treibt. Die Sarah des Titels ist J.T.'s Mutter, eine Teenage‑Punk‑Braut, die in Wohnwagen und Motels haust, ihren 12‑jährigen Sohn als Mãdchen verkleidet und imm alles beibringt, was sie übers Anschaffen und Abzocken weiß.

Einige Romane hinterlassen beim Leser das Gefühl, als würden sich beim Lesen die Gene verändern: ,,Der Fänger im Roggen" war dafür ein Beispiel oder ,,Fear and Loathing in Las Vegas". ,,Sarah" ist ein weiteres von diesem Kaliber. LeRoys neuestes Buch, “The Heart Is Deceitful Above All Things", eine Sammlung von autobiographischen, miteinander verwobenen Kurzgeschichten, bereits vor ,,Sarah" verfasst und gerade in den USA erschienen, ist vom Ton her derber, aber stilistisch nicht minder brillant. Wenn er so weitermacht, wird aus J.T. LeRoy mit Sicherheit ein literarischer Ein‑Mann-Kult.

Das klingt wesentlich besser, als jemanden sagen zu hören, das sei doch nur Scheiße", sagt er mit schläfriger Stimme und leichtem Südstaaten‑Akzent.J.T. spricht per Telefon aus San Francisco, denn der Autor hasst Interviews von Angesicht zu Angesicht. Bei Foto‑Sessions bevorzugt er bizarre Verkleidungen und Masken. So war er unlängst in ,,Vanity Fair" und ,,The Face" als Cinderella und als Jodie Foster in ,,Taxi Driver" zu bewundern.

J.T. steht für ,Jeremiah Terminator". Der Name ist Rsultat des bibelfesten Familien‑Backgrounds seiner Mutter (Der Titel des neuen Buchs 1st ein Zitat aus dem ,,Buch Jeremiah" ‑ als Kind wurde J.T. von den Großeltern oft auf die Straße geschickt, um dort zu missionieren). Eine der lustigsten Passagen in ,,The Heart..." schildert den Siebenjährigen, der seinem versteinerten Großvater voller Unschuld die An­fangszeilen von ,,Anarchy In The UK" vorsingt. Der ,,Terminator" war nur als Scherz gedacht: Das Baby war bei der Geburt etwas klein ausgefallen. Doch LeRoy stellte schnell fest, dass ihm der Beiname bei anderen, größeren Kindern Respekt verschaffte ‑ der Kerl schien tougher zu sein, als es den Anschein hatte.

Auf Anraten seines Therapeuten begann LeRoy mit dem Schreiben. Dank seiner Kontakte zu diversen Agenten und Verlegern bekam er bereits im zarten Alter von 17 einen Vertrag ‑ was ihn derart verscbreckte, dass er fast mit dem Schreiben Schluss gemacht hätte. Um sich vor dem Buch herumzudrücken, schrieb er Artikel für ,,Spin" und ,New York Press". Was ihn nicht nur stilistisch vorwärts brachte: Die Autoren, die er bei diesen Gelegenheiten interviewte, bat er auch gleich, seine Texte – als ,,Terminator" verfasst ‑ kritisch zu kommentieren.

Bis heute vermeidet er es, Lesungen seiner eigenen Werke zu veranstalten ‑ das überlässt er lieber Freunden. ,,Ich will einfach nicht, dass mir die Leute zu Füßen sitzen, das finde ich krank", erklärt er. ,,In diesem Punkt bin ich unheimlich paranoid, ich kann's nicht ab, wenn mich die Leute anstarren. Vielleicht tãten sie's ja gar nicht, aber wenn doch, wurde ich irre."

Er erwähnte mal in einem Interview, dass er tatsãchlich die Gedanken der Leute ,,hören" könne, wenn sie ihn nur anblickten.

,,Yeah, das hangt davon ab, was ich eingepfiffen habe", lacht er. Aber in jedem Fall wird es reichlich laut in meinem Kopf. Mein Hirn fängt an mir zu erzählen, was ich denke, das sie über mich reden. Rein logisch gesehen weiß ich, dass sie wahrscheinlich 'nen Scheiß drauf geben, aber kaum siehst du jemanden nur eine Sekunde lang an, dann macht's schon Klick und du glaubst, alle würden nur die miesesten Dinge über dich denken." Ein Charakterzug, den seine E Mail‑Freundin Shirley Manson als ,,Hyper‑Sensibilisierung" bezeichnet. In anderen Worten: LeRoys Fähigkeit, andere Leute lesen zu können, ist womöglich einer dee Gründe dafür, warum sie ihn jetzt lesen.

,,Um sich sicher fühlen zu können, musste er die anderen Leute studieren", sagt Manson. Sein Leben stand ständig derartig auf der Kippe, dass er lernen musste, eine Person in einer Millisekunde einzusschätzen. Dass jemand solch schreckliche Erfahrungen heil übersteht und den eisernen Willen besitzt, uns von seiner Existenz Kenntnis zu geben, das ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Wunder."

Man erfährt eine Menge über eine Person, studierte man ihre Reaktionen auf die Arbeit von LeRoy. Manche entwickeln Beschützerinstikte, wollen ihn in die Arme nehmen und zusammen mit ihm verschwinden. Andere sind voller Ehrfurcht angesichts seiner fast mühelos wirkenden Fähigkeit, unvorstellbaren Schmerz in Romanform verarbeiten zu können. Sympathie spielt hier jedoch keine Rolle: Wenn LeRoy seine Geschichten nicht mit einem solch plastischen Insiderwissen vermitteln könnte, würde wohl kaum ein Hahn nach ihm krähen.

,,Ich krieg 'ne Menge Post", sagt er. Vie1e Leute schreiben und danken mir dafür, dass daß ich die richtigen Worte getroffen habe, um das zu beschreiben, was she selbst durchlebt haben ‑ selbst wenn ihre Story eine völlig andere war. Was ich beschreibe, gibt ihnen so etwas wie ein Vokabular. Die Reaktionen sind höchst unterschiedlich: Da gibt es Männer, denen sich ganz neue Perspektiven auftun, Leute, die gute Eltern werden wollen, und es gibt Leute, von denen ich glaube, dass sie sauer darauf sind, dass ich so jung und erfolgreich bin ‑ und mich deshalb niedermachen wollen.

In der New York Times erschien eine Kritik von Ann Powers, einer Journalistin, die ich mal bewundert habe. She ist eine Rock‑Kritikerin, und ich weiß wirklich nicht warum sie mein Buch einer Rock‑Kritikerin zum Besprecben gaben. She scheint ein Problem mit meinem Alter zu haben und macht mich zur einer Art ,Baby‑Prominenz'. Ich glaube nicht, dass she das Bucb wirklich gelesen hat. She schrieb, The Heart...' sei nicht lyrisch, was ich nicht nachwollziehen kann. Aber wenn du ein abgestumpfter New Yorker bist, dann ist dieses Buch vielleicht nicht die beste Lektüre fir dich. Sie sagt lauter Nettigkeiten über ,Sarah', aber ich frag mich, verdammt noch mal, ob sie auch das Buch überbaupt gelesen hat. Bei ihr wird der,Sarah'‑Protagonist zu einem Straßen‑Strolch, und solchen Blödsinn hab icb bei keinem anderen Kritiker gelesen ‑ egal, wie weggetreten er war."

Nun, vielleicht sollte sich er nicht unnötig echauffieren, aber J.T. hat natürlich Recht: Das Terrain der Strolche in ,,Sarah" ist nicht die Straße. Es mag vielleicht arg erbsenzählerisch klingen, aber diese Differenzierung ist entscheidend, um das Buch nicht mit den urbanen Hustler‑Klassikern wie ,,The Basketball Diaries" oder ,Letzte Ausfahrt Brooklyn" in einen Topf zu werfen. Eher sollte man es zwischen die Südstaaten‑Erzählungen von Flannery O'Conner und Carson McCullers einreihen. Es könnte durchaus eine ihrer unsentimentalen Observationen einer runtergekommenen Kaschemme sein ‑ mit dem Unterschied, dass hier das Klientel aus Transen und ihren Trucker‑Spezies besteht.

Die Geografie bei ,,Sarah" spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: Wo man in der Großstadt ständig mit der nackten Realitãt konfrontiert wird, ist das Nicht-wissenwollen auf dem Land ein probater Ueberlebens-mechanismus. LeRoys Appalachen sind ein Landstrich mit faulenden Kohlköpfen, Sumpfgas und religiösen Ikonen, voller Aberglauben und Mirakeln, eine Gegend, in der die Pflanzen Menschen fressen (,Ja, das tun sie wirklich, allenfalls bei der Art und Weise, wie sie die Leute attackieren, hab ich vielleicht etwas übertrieben"), und die Menschen immer noch an die magische Kraft eines Waschbär‑Penisses glauben.

,,Es ist alles eine Frage der Perspektive", sagt LeRoy nach­denklich. ,Man könnte sagen, dass es um Truckstoplizards geht, man könnte sagen, dass es um die Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn geht, man könnte sagen, dass es um die Suche nach sich selbst und man könnte sagen, dass es um die Suche nach seiner Geschlechterrolle geht."

,,Sarah" beginnt damit, dass der Erzãhler das heilige Penisknochen-Amulett von Glad bekommt, dem Oberhauptall all der ,,Truckstoplizards", die ,,The Doves Diner" bevölkern. Es ist ein Ritus, der an die katholische Erstkommunion erinnert ‑ doch in der Version des Südens sind Sex, Aberglaube und Religion untrennbar miteinander verbunden. Tatsächlich erinnert http://sichJ.T.an "sich J.T. an Kirchen, wo die ,,Lizards" Gottesdienste besuchten, bevor sie die Parkplätze unsicher machten. ,Es gibt Priester, die lesen wirklich für jedermann die Messe. Ich erinnere mich an eine Kirche, wo der Priester gleichzeitig Zuhalter war. Für die Trucker war das eine ideale Kombination ‑ nach dem Beten bekamen she gleich was zum Ficken."

Zu der generell surrealistischen Stimmung des Buches kommen einzelne Handlungsstränge, die oft an die Märchen der Gebrüder Grimm erinnern: Knast, Flucht, ein menschenfressendes Ungeheuer namens Le Loup und eine Truppe weiser Matronen. ,,Ich wollte einfach über Waschbär‑Penisknochen schreiben", reflektiert LeRoy. ,,Ich dachte, ich würde eine Kurzgeschichte schreiben, und die würde ich recht schnell hinkriegen. Ich brauchte mit Unterbrechungen sechs Monate, hatte aber die Landkarte für die Handlung bereits von Anfang an im Kopf. Es ließ mich nicht los, es nagte ständig an mir. Alles, was ich wollte, war endlich damit fertig zu werden, aber zur selben Zeit... Es ist so, als würdest du ein Dessert essen: Du genießt den Vorgang, doch das Ziel ist, das Ding endlich zu verputzen. Man kann es auch mit Sex vergleichen. Ich wollte den Orgasmus, aber gleichzeitig würde ich ständig abgelenkt:,Soll ich jetzt schon kommen?',Nein, du musst jetzt erst Ihre Zehen lecken, du musst mit ihren Nippein spielen!' Es hört einfach nicht auf."

Als ich anmerke, dass der Erzähler von,,Sarah" weder zweigeschlechtlich noch geschlechtslos ist, sondern mehr wie ein drittes Geschlecht rüberkommt –ein spitzohriges Teufelchen, das auf einem Giftpily hockt‑, sagt JT.:,,Das ist lustig, denn auf einem Ohr hab ich ein spitzen Punkt."

Bislang habe ich die grafischen Schilderungen von Gesetzesüberschreitungen und sexuellem Missbrauch außen vorgelassen und mich auf die ,,traditionellen Werte" des Werks beschränkt. Dennoch kann man seiner Prosa die brutale Energie nicht absprechen, ein ungestümer Rhythmus, der die ihm angeborene sprachliche Melodik vorantreibt. Oder wie es Tom Waits ausdrückte: ,JT.'s Geschichten erinnern mich an Nadelstiche und eiternde Wunden. Um sein Buch zu lesen, brauchst du Taschentücher und Novocain. Es ist eine goldene Taucherglocke, die durch die haiverseuchten Gewässer seiner Kindheit kriecht."

Man nehme nur das Anfangs- und das Schlusskapitel von “The Heart Is Deceitful…". ,,Disappearences" schildert, wie die 18‑jãhrige Mutter ihren vier-jährigen Sohn aus der Obhut der Pflegeeltern entführt, wie sie ihn mit dem Keilriemen ihres Autos verprügelt ‑ wie er ein Sperma‑beflecktes Laken in den Mund gesteckt bekommt, damit man die Schreie nicht hört. In der Titelstory wird er von einermder ,,Ehegatten" seiner Mutter vergewaltigt, nachdem die mit dessen Geld abgehauen ist.

LeRoy bescbreibt diese Episode als einen surrealen Albtraum, Vogelflügel flattern vor seinen Augen, eine Bohrmaschine rotiert und höhlt eine Stelle zwischen seinen Beinen aus, während das Laken unter ihm,,rot und feucht wie eine Tomatensuppe" wird. In ,,Natoma Street", der letzten Episode, betritt der nun 15‑jährige Protagonist aus eigenem Antrieb in L A. ein De Sade‑Szenario. Er zahlt 100 Dollar, um ‑ an Handschellen von einer Stange hängend ‑ gefesselt und zerschnitten zu werden. Er sehnt sich danach, kastriert zu werden, um wie Peter Pan von seinem Schatten erlöst zu werden. Hier wird die Schreibe zur Rasierklinge auf der Gãnsehaut, zum heiseren Krächzen einer Krähe.

Und sie lässt dem vermeintlich Verbotenen freien Lauf. ,,In mir gibt es nichts, das sagt: Du darfst das nicht tun, denn sonst gehst du drauf. Es gibt in mir etwas, das definitiv glaubt, dass ich draufgehen ‑ und trotzdem weitermachen kann. Und es will, dass ich draufgehe. Alle möglichen Leute haben deshalb versucht, mich zum Schreiben zu bewegen", verrãt er, ,,denn wenn ich schreibe, sei meine selbstdestruktive Neigung unter Kontrolle. Was wirklich seltsam ist, ist die Tatsache, dass meine Gefühle eigentlich alle intakt sind. Beim Schreiben aber waren sie nicht existent. Es ist fast so, als wäre das Hirn eine Zwiebel, und da sind all diese Schichten, und manchmal hat du nicht den blassesten Schimmer, was da drinnen abläuft. Wenn ich schrieb, dann war es so, als ob diese Schichten Nervenenden wären, die man abgekop­pelt hatte, ohne dass die äußere Schicht etwas davon wusste. So, als würdest du es im Schlaf ausarbeiten."

Wenn er über ein besonders schwieriges Erlebnis schreibt ‑ hat er dann das Gefühl, er habe es dadurch neutralisiert und erträglicher gemacht?

,,Es hilft definitiv. Es ist eine Möglichkeit, die Wahrheit herauszubekommen oder zumindest herauszufinden, was in mir vorgeht. Vieles davon habe ich eigentlich auch nur für (Schriftstel1er) Dennis Cooper und meine Therapie‑Klasse geschrieben. Das war eher lustig, denn als wir die Texte redigierten ‑ und einige der Stories hatte ich schon seit fünf Jahren nicht mehr gelesen ‑, da hatte ich plötzlich das Gefühl:, Hey, ich bin gesünder geworden ! Ich bin nicht mehr so am Arsch.' Früher war das anders. Wann immer ein Lektor oder sonstwer sich meldete und es hieß: Deine Geschichten sind so krass!', dann pöbelte ich sie an:, Was ist dein Problem, Schlaffi?"

Die Schriftstellerin Mary Karr, die vor ein paar Wochen mit LeRoy sprach, hatte Folgendes über ihn zu sagen: ,,Ich liebe ihn. Er ist ein großartiger Mensch und ein brillanter junger Autor. Ich hoffe, dass Hollywood ihn nicht lebendig auffrisst."

Als ich das J.T. gegenüber erwähne, sagt er: ,Sie haut dich wirklich um‑ die beiden Bücher, die mich zwiscben, The Heart Is Deceitful...' und ,Sarah' wirklich beeinflusst haben, waren ihr , Club der Lügner' sowie, Die Asche meiner Mutter' von Frank McCourt, beides autobiografische Romane, aber mit Humor."

Mary Karrs kritische Bemerkungen bezüglich Hollywood sind eher theoretischer Natur, zumal­ die Verfilmung von,,Sarah" durch Gus Van Sant in guten Hãnden liegen dürfte ‑ jedenfalls im Vergleich zu dem traurigen Resultat, das Alan Parker mit der Adaption des McCourt‑Buchs ablieferte.

Die Parallelen zu Van Sants Kultfilm ,,My Private Idaho" (in dem es auch um jugendliche Stricher ging -Red.) liegen eh auf der Hand. Zudem hat LeRoy ganz spezielle Erinnerungen an den Film, weil er früher in San Francisco an dem Kino rumhing, wo der Film regelmäßig gezeigt wurde, um sich dann den Kinobesuchern als Strichjunge anzudienen.

Heutzutage korrespondiert er lieber mit diesem ganz spezifiellen Menschenschlag, der die Premiere eines Van Sants‑Film besucht. Oder aber er interviewt sie. Wobei sich LeRoy keine Iliusionen macht, was seine journalistischen Arbeiten für die ,New Yorker Press" und ãhnliche Zeitungen betrifft: ,Es ist schon cool, was ich jetzt mache, denn es geht mir leicht von der Hand. Wenn ich aber einen dieser Artikel vom Schlage ‚Wir sitzen hier und trinken Kaffee' beginnen, meinen Gesprächspartner beschreiben und all diese anderen Klischees bedienen müsste, das wär für mich, als... müsste ich einen Roman schreiben! Das wär verdammt harte Arbeit!"

Und das von einem Romanautor!

,,Ich bin verdammt faul! Ich hasse solche Scheisse! Ich bin nur aus purem Zufall zum Autor geworden, ehrlich! Mein Therapeut hat mich zum Schreiben gezwungen, aber lieber würde ich in der Nase bohren. Ich würd mich lieber am Arsch kratzen! Aber ich krieg auch das (den Journalismus) mit links hin, ich werd eine Menge cooler Leute treffen. Ich werd ein Interview mit Joe Strummer machen. Es ist toll, mit Leuten reden zu können. Und es ist cool, denn ich kann ihnen mein Buch schicken. Und manchmal gehen sie wirklich darauf ein, und dann können wir ins Gespräch kommen. Das ist fucking cool!

Nimm nur Suzanne Vega. Bei ihrem Song ,Luka' kamen mir die Tränen; es war einer der ersten Songs über Kindesmisshandlung. Natürlich hab ich das nicht auf mich bezogen... Aber Suzanne las Sarah' noch in der Rohfassung, scbrieb einen Klappentext und nahm an den Lesungen teil. War wirklich toll."

Henry Rollins hingegen zeigte sich nicht so zugänglich ‑ trotz der Tatsacbe, dass J.T.'s Mutter im Hause eines gemeinsamen Bekannten einen Fetzen von seiner Hose geklaut und am Rückspiegel ihres Wagens befestigt hatte. ,Von da an sind wir ‑ wie einem Kompass ‑ immer seiner Hose gefolgt", sagt LeRoy.,,Aber im Ernst, wir haben ihm eine E‑Mail geschickt, ob er nicht mal eine Lesung veranstalten wollte, denn für mich galt immer: ,Verdammt, seine Hosen haben mein ganzes Leben bestimmt!' Gut, das wusste er natürlich nicht, aber er war verdammt harsch. Er war ein echter Sack, er hatte diese (ahmt Rollins' Gebell nach) Attitude, und die klang wie: ‚Kerl, lass die Finger von den Steroiden.'

Andererseits ist es immer wieder 'ne tolle Erfahrung, wenn du auf Leute triffst, die totale Arschlöcher sein könnten ‑ Leute, denen die Gesellschaft zugebilligt hat, welche zu sein ‑, und du dann feststellen darfst, dass sie es nicht sind. Etwa Shirley Manson, die ist echt unglaublich, die ist so echt. Und das, glaube ich, ist der Grund dafür, warum sie manchmal wirklich leidet ‑ weil sie so ehrlich ist. Du solltest dir nur das Tape anschauen, wo sie ‚Meteors' liest. Ich werd das Tape Gus Van Sant geben, denn ich glaube, wenn sie sich noch einen Südstaaten Akzent zulegt, dann kann keiner die Sarah' besser verkörpern als sie. She hatte es voll drauf; Ich hätte weinen können. Und sollte sie irgendwer niedermachen, irgendwelcbe Presse‑Fuzzis, dann werd ich sie jagen und killen. Und vorher werd ich mir noch was ganz Besonderes für sie einfallen lassen "

END