Stern
Wenn Kinder Kinder kriegen
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September 1980
By Uta Konig and Sigrid Trankner
Photographs by Mary Ellen Mark


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Zärtlich streichelt Victor seine schwangere Freundin Jeanette. Zwei Kinder, die Eltern werden: Er ist 14, sie 15 Jahre alt. Für Jeanette war dies die schänste Zeit ihres Lebens: >>Nie war Victor so lieb wie damas zu mir<<

>>Vor dem Baby war mein Leben furchtbar langweilig<<


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Jeanette Ist nicht allein bei der Geburt. Ihr Freund Victor tröstet sie, hält bei den Wehen ihre Hand und wischt ihr die feuchte Stirn ab. Nach der Geburt ihrer Tochter Chastity ziehen die Kinder zu Victors Familie. Dort übt sich der l4jährige in seiner neuen Rolle als Vater. Noch etwas un­beholfen gibt er dem.

Baby die Flasche. Mutter Jeanette ist praktischer: Sie nimmt ihre Tochter mit, wenn sie zu Freunden eingeladen wird. Ob sie jemals ihren Schulabschluß nachholen wird, weiß sie nicht: >>lch kann nicht planen, das Kind war ja auch nicht geplant<<


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Die l7jährige Silvia Püschmann stammt aus elner zerrütteten Familie. Verlassen von ihrem Freund, brannte das Mädchen von zu Hause durch, als es Tochter Silke erwartete

>>Mein Kind soil es besser haben, als ich es jemals hatte"

Em Bericht von Uta Konig und Sigrid Tränkner

So wie die beiden auf dem Sofa sitzen, könnte man sie für Schwestern halten. Die eine schmal, 17 Jahre, kurzgeschnittene blonde Haare und groBe blaugraue Augen. Die andere, gerade neun Monate alt, rund und blauaugig, mit feinem blondem Haarflaum und einem breiten Babylachen irn Gesicht. Doch Silvia Püschmann halt nicht ihre kleine Schwester im Arm, sondern ihre Tochter Silke.

,,Auf der Stral3e drehen sich manchmal die Leute nach uns urn und tuscheln: Die 1st doch selber noch em Kind und hat schon em Kind"', sagt Silvia. Schiefe Blicke oder gar spöttische Bemerkungen seien ihr ,,schnuppe", so was sei nun wirklich kein Grund zum Heulen. Viel eher schon die ,viel zu enge Bude", em zwölf Quadratmeter groBes Zimmer zur Untermiete

am Stadtrand von MUnchen. Hier wohnt sie mit Kind und Freund Fredi. Zum Heulen eher auth die panisthe Angst, schi appzumachen, aufzugeben. Dabei will sie doch allen, der Mutter und denen bei der Behörde, gerade das Gegenteil beweisen. Und das heiBt: ,,Ich ziehe mich selber aus dern Dreck heraus, auch wenn ihr mir das nicht zutraut." Das heiBt aber auch: ,,Mein Kind soil es besser haben, als ich es jemals hatte."

Die Hilflosigkeit kann Silvia PUschrnann mit trotzigen Spruchen nicht mehr übertiinchen, wenn ihre Silke krank oder nur quengelig ist. ,Dann filhle ich mich überfordert und bin sauer ‑den ganzen Tag lang." Dann beneidet sie die Gleichaltrigen, die in der Disco tanzen, während ihr daheini die Decke auf den Kopf fällt. Dann kriegt sie eine ,,Sauwut" auf den Helmut, der sie geschwängert und entthustht

Nur Vorwürfe hörte Hanni Röggeberg von ihren Eltern, als sie mit 16 schwanger war. Von dem Vater ihres Sohnes Manuel hat sie sich schnell getrennt. Ihren neuen Freund will sie heiraten, sobald sie volljàhrig ist

>Ein Kind 1st keine Puppe, das babe ich jetzt gemerkt<< hat. ,,Dann", sagt Silvia Püschmann kleinlaut, ,argert mich auch, daB ich Uberhaupt mit dem ins Bett gegangen bin."

Silvia Püschmann ist em Teenager mit Kind. She ist eine von den rund 40 000 deutschen Miittern, die im vergangenen Jahr em Kind zur Welt gebracht haben, bevor she erwachsen geworden sind. Mit dem Mangel an Aufklarung über VerhUtung und Sexualität läBt sich die hohe Zahi jugendlicher Mutter nicht allein erklaren.

Psychologen und Farnilienpianungs‑Experten wissen, weshaib so viele Teenager ungewollt schwanger werden und sich dennoch gegen eine Abtreibung entscheiden: Da ist die Hoffnung, vorn Freund geheiratet zu werden und den ungeliebten Eltern entfliehen zu könneri. Da ist die Sehnsucht nach einer eigenen ,,heilen Familie". Da ist der Wunsch, etwas ,,Eigenes" zum Schmusen zu haben. Da ist der Dickkopf, den Eltern das Recht auf eine eigene Existenz abzutrotzen.

Die Arztin und ,Pro Farnilia"Beraterin Dr. Mariane Reineck aus Wilhelrnshaven nennt dies ,,Trotz‑Schwangerschaften". Besonders gefahrdet sind nach ihren Erfahrungen Mädchen, die streng autoritär erzogen werden und mit Mutter oder Vater nicht offen über Liebe, Sex und Verhütung sprechen können. Das einzige, was these El­

>>Mit gutem Gewissen kann man keinem Kind zum Kind raten<<

Frauenärztin Dr. Elke Franzki aus Hamburg

tern zu diesem Thema zu sagen haben: ,Komrn mir ja nicht mit einem Kind nach Hause." Und auch Töchter aus gutbUrgerlichen Faniilien, in denen soiche Themen tabu sind: ,Unsere Tochter tut so etwas nicht."

1st es dann passiert, dann soil die Schande rnoglichst schnell beseitigt werden. Was die Eltern kategorisch fordern, wird von den jungen Mädchen oft als erneute Bevormundung erlebt. ,Sie wehren

men zu lassen, was nur ihnen gehört. She schwärmen von einem Spaziergang bei Sonnenschein mit ihrem Kind im Park und malen sich aus, wie she das Kinderzimmer mit Pli.ischtieren ausstaffieren." So beschreibt die Hamburger Frauenärztin Dr. Elke Franzki die Vorstellungen schwangerer Teenager.

Diese Illusion von einer friedlichen Zukunft mit Kind ist vor allem für diejenigen verlockend, die mit Schule und Elternhaus nicht zurechtkornrnen oder keine Lehrstelle finden. Sie setzen aufs private Glück und hoffen, damit em leeres Leben auszufüllen.

Bei Silvia Püschrnann aus München war es so. Wie die meisten minderjahrigen Mutter stammt she aus einer kaputten Ehe. Ihren Vater kennt she nicht, und mit ihrem Stiefvater hat she sich nie verstanden. Mit zwölf Jahren lief Silvia mehrmals von zu Hause weg. In den darauffolgenden zwei Jahren pendelte sie zwischen Erziehungsheim und .,Elternhaus" hin und her. Dern zerrütteten Familienleben versuchte she zu entkommen, indem sie sich Freunde suchte, in Kneipen herumsaI3 oder tanzen sing.

Nach der Schule begann Silvia mit einer Friseur‑Lehre. ,Als ich Helmut kennenlernte, dachte ich, jetzt hab ich endlich auch jemanden, der zu mir halt, Das brauchte ich, denn zu Hause war die Stimmung ziemlich trist." Em ,ganz wilder Typ" sei er gewesen, der sich nicht vorstellen konnte, mit einem ,.Hasen herumzuziehen, ohne ihn zu bumsen". Silvia ging zum Arzt, urn sich die Pille verschreiben zu lassen. Doch ihre Mutter hatte heimlich den Doktor angerufen und ihm verboten, der Tochter das Rezept zu geben.

Der Arzt verschrieb die Pille nicht. Der ,wilde Typ" nahrn darauf natürlich keine RUcksicht. Silvia: ,,Ich bettelte ihn an, em Kondom zu nehmen, aber er meinte nur: .SteiI dich nicht so an. Es passiert schori nichts.'" Von da an hielt Silvia den Mund.

Mit 16 war sie schwanger, lief aus Angst von zu Hause weg und brach die Lehre ab. Freund Helmut liel3 sich auch nicht mehr blicken. Silvia verkroch sich in eine leerstehende, baufallige Mietskaserne im Münchner Stadtteil Hasenbergl. ,,Ich hatte zwar gespürt, daB ich

Mutter, ,aber ich woilte es nicht wahrhaben."

Auf dem Flur traf she Fredi, einen l9jahrigen Tankwart. Er brachte ihr Essen in die Behelfswohnung und ki.imrnerte sich urn she ‑ bis she eines Tages ihrer Mutter in die Arme lief. Sofort wurde Silvia in em Mutter‑Kind‑Heirn eingewiesen. ,A1Ie redeten auf mich em, abtreiben zu lassen. Ich hätte sonst meine letzte Chance vertan. Beim

Gestörte

Familienverhältnisse können junge Mädchen dazu bringen, urn jeden Preis em Baby zu wollen<<

Dr. Mariane Reineck, Arztin und Beraterin aus Wilhelmshaven

Jugendamt hielt man mir rneine dicke Akte unter die Nase und drangte mich, das Kind nach der Geburt zur Adoption freizugeben. Ich sei unfahig, em Kind groBzuziehen. Ich hatte die Nase you von diesen Ratschlägen und wolite mein Kind behalten."

Seit das Kind da ist, hat Silvia die Hoffnung nicht aufgegeben, eine kleine Wohnung zu finden. ,Aber wer vermietet schon an eine Mm­

derjahrige mit Baby, die unverheiratet ist und einen Freund hat?" Silvia und ihr Kind leben zur Zeit von Sozialhilfe. ,,Ich lasse mich nicht unterkriegen. Wenn mein Kind alter ist, will ich einen Beruf erlernen." Auch wenn sie heute ihre Tochter Silke nicht missen rnöchte, ist ihr klargeworden, daB Kinder lieber keine Kinder zur Welt bringen soilten.

DaB em Kind keine Puppe zurn Spielen ist, merken die TeenagerMutter spätestens dann, wenn ihr Baby sich seibstandig macht. ,Für mich ist es em richtiger Schock, zu sehen, wie Stefan von mir weg krabbelt und oft nicht schniusen will, wenn ich es möchte." Karoline Schulz*, 17, lebt mit ihrern zwölf Monate alten Sohn bei den Eltern in Frankfurt. In dem Einfamilien­

Partei gar nicht so recht ware.

Sie wiirde ihm das Regieren ja nicht leichter machen eben wegen der Linken in der SPD.

Warum auch immer, vor die Alternative gestelit, sagen

• 55 Prozent: .Ich halte es für gefährlich, wenn eine Partei allein regieren kann. So eine Partei kann dann alies durchsetzen, ohne daB em

Ausgleich durch eine andere Partei geschaffen wird";

• aber nur 27 Prozent: ,,Ich finde es gut, wenn eine Partei allein regieren kann. Diese Partei kann dann ihr Programm verwirklichen, ohne auf eine andere Partei Rücksicht nehnien zu rnussen."

Da mogen in den vergange­ nen Jahren die Liberalen den Sozialdernok‑raten das Regieren und die Verabschiedung von Reformgesetzen schwergemacht hahen, ob es urn die Mitbestimmung ging oder urn stärkere Entlastung von Arheitnehmern anstatt Unternehmern bei Steuerreformen. Da mag so manches Mal der kleinere Koalitionspartner die Richtlinien der Politik bestimrnt haben und nicht der Bundeskanzler, wie es das Grundgesetz vorsieht. Als ob der Schwanz mit dem Hund wedelte anstatt umgekehrt. Doch das ist der Mehrheit der BundesbUrger lieber. Sie wollen Helmut Schmidt, vie sie einst Kirad Adenauer woll‑­ ten, aHc als Koalitionskanzler unu icht als SPD‑Regierungschef.

Die Mehrheit (61 Prozent) hilt es deshaib fth hesser, wenn die FDP im Bundestag bleibt, und nur eine Minderheit (24 Prozent) wUnscht, daB es nur noch zwei groBe Parteien geben solite, SPD und CDU/CSU. Die Mehrheit (59 Prozent) halt die FDP als ,dritte Partei" für wichtig, weil ,die FDP als Regierungspartei verhindern kann, daB die groBen Parteien sich mit ihrer eigenen Politik durchsetzen". Nur eine Mmderheit (24 Prozent) meint, es sei nicht nötig, daB es die FDP gibt. Die jeweils stärkste Partei soilte ihre Politik durchsetzen können, ohne von einer kleinen Partei gebremst zu werden. Und bei alien Fragen ist gerade unter den SPD‑Anhdngern der Prozentsatz der Gegner eines Zweiparteiensystems, der Gegner einer absoluten Mehrheit also, überdurchschnittlich hoch.

Da wundert es nicht, daB nur 10 Prozent der Befragten (von SPD‑Anhdngern immerhin 19 Prozent) glauben, eine alleinregierende SPD könne eine bessere Politik machen als die heutige SPD/FDPKoalition. 39 Prozent finden: Das gebe eine schiechtere Politik. 36 Prozent glauben, da würde sich überhaupt nichts ändern. Ohnehin halten es nur 12 Prozent der Wahiberechtigten (und auch von den SPD‑Anhängern nur 22 Prozent) für moglich, daB die SPD bei der Bundestagswahl die absolute Mehrheit bekommt.

So die Meinung der wahiberechtigten Bundesburger drei Wochen var dem Wahltermin. 10 Prozent von ihnen sagen schon heute, daB sie ihre Stimmen ,,splitten" wollen, Das heil3t: Rund vier Millionen W'áhler denken daran, mit ihrer ,,Erststimme" einen Wahlkreiskandidaten ihres Vertrauens zu unter­ stützen, die für die zahienmaIlige Zusammensetzung des Parlamerits entscheidende ,,Zweitstimme" aber einer anderen Partei zu geben. Da 5 Prozent der CDU/CSU‑Anhanger und 11 Prozent der SPD‑An hanger soiches Splitting" erwägen, ware em Stimrnenzuwachs  der FDP

Uber ihre heutigen 7,9 Prozent bis nahe an die erträumten 10 Prozent nicht mehr auszuschlieBen ‑ aber eher zu Lasten der SPD als der CDU/CSU.

DaB und in welchem Urnfang bis zum 5. Oktober noch Veranderungen moglich sind, zeigt die STERN‑Umf rage recht pr'âzise an: Vor drei Wochen sagten 84 Prozent, sie wüBten schon genau, welche Partei sie wählen wollen, und 16 Prozent: ,Ich Uberlege noch." Jetzt wissen 87 Prozent, für weiche Partei sic stinimen wollen, und 13 Prozent uberlegen noch. 3 Prozent Unentschiedene we­ niger: Der Wahlkarnpf scheint zu wirken.

Und nun für die hisher nicht festgelegten 13 Prozent noch drei Wochen lang Wahikampf? Drei Wochen lang Parolen, Plakate, Reden. Versammiungen, Marschmusik und Fernsehspots .‑ und lächerliche Beleidigungsverfahren vor der Schiedskommission obendrein?

Man muB anders rechnen: 13 Prozent, das sind 5.5 Mulionen Wähler. Und daran denken: 1976 ist Helmut Kohl gescheitert, veil der CDU/CSU 350 000 Stimmen fehiten.

Die Wahlkampfmanager der Parteien soliten noch genauer rechnen. Sie können aus der STERN‑Umfrage ablesen, daB von den 18bis 29jährigen sogar 18 Prozent ,,noch uberlegen". Und daB von den überwiegend juendlichen Grunen, die nicht mehr ,,Grün" wählen wollen. weil sie wissen, daB verlorene Seimmenpro7ente doch nichts bringen, sogar 43 Prozew sich noch nicht schlUssig sind, welcher Partei oder ob sie uberhaupt einer Partei am 5. Oktober ihre Stimme geben wollen.

Em Wählerpotential, das sich nicht mit unverhindlichen Parolen und Unterhaltungsabenden gewinnen läBt, die allenf aIls fUrs Bei‑LauneHalten der ohnehin sicheren Stammwähler gut sind. Hier braucht es Arguniente, glaubhafte Aussagen darUber, was wer für wen tun will ‑ und auch tun kann.

Wer nur die Wahi hat, sich zähneknirschend für em geringeres tlbel zu entscheiden, wählt womoglich gar nicht.

Ainim v. Manikowskv

Warum es auf die Zweitstimmen ankommt, was sich in der heiBen Phase des Wahikampfes noch verändert, wie die Chancen der Parteien in der Woche vor der Wahi sind, und was die Deutsehen von den Männern halten, die nach Helmut Schmidt kommen könnten, erfahren Sie in der nächsten STERN‑Umfrage in zwei Wochen.

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