STERN
WOHIN MIT DEN ALTEN
LEBENSABEND IN MIAMI BEACH
MARCH 1984
Photographs by MARY ELLEN MARK


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Ein 70jahriger fahrt seine herzkranke Frau zum Strandpark. Die beiden gehoren zu der grosen, uberwiegend judischen Gemeinschaft amerikanischer Pensionare, die ihren Ruhestand dort geniesen, wo Florida noch billig ist: im >>Poor Man's Paradise<< am Sudende von Miami Beach. Doch dem >>Paradies der Armen<< droht jetzt der Bauboom. Es soll nach den Wunschen der Stadt fur eine kapitalkraftige Schickeria erschlossen warden. Die Frage ist nur.


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Schwimmkurs für Anfänger: >>Es ist nie zu spät!« heißt der Wahlspruch der Senioren Sie deprimierten die Touristen, wirft die City von Miami Beach den Alten vor. Aber die haben eine. starke Lobby. Die wollen aus ihren schäbigen Strandpensionen selbst dann nicht heraus, wenn ihnen vereinzelt »modern<< Sozialwohnungen am Stadtrand« angeboten werden. »Deprimierend ?«wehren sie sich: »Wir haben Steuern gezahlt, Kinder großgezogen, Söhne imKrieg verloren. Jetzt sind wir arthritisch und Wärmen uns auf. Was ist an uns deprimierend?


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»Ich hab' um alles kämpfen müssen. Immer. Man über lebt's. Jetzt kommt meine beste Zeit« Im leeren Gemeinschaftsraum eines Rentnerhotels rockt eine 68jährige zur Musikbox Ein hinreißendes Bild: Es symbolisiert, wieviel an Kraft, Trotz, ja sogar Übermut noch In dem Altenviertel von Miami Beach steckt. Beim Samstags' Seniorentanz in abblätternden Ballsälen geht's nicht sehr viel anders zu als bei den Jungen. Eitelkeit, Koketterie, Eifersucht, Herzklopfen-es ist alles noch' da. Es hört nie auf.


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Gymnastik am Ocean Drive. »Und nun singen wir alle: Ob heiß oder kalt, du wirst niemals alt!« Fruh morgens von acht bis neun macht Rose Silverman vom jüdischen Gemeindezentrum den alten Damen (die Herren lassen sich selten sehen) Mut zur Aktivität. »Steht auf! Zieht euch an! Geht raus!« fordert die 75jährige. Die Alten schwö- ren auf »Rosie«, die oft mit ihnen schimpft: »Denkt nicht soviel an euer Zipperleln! Denkt an andere! Man muß nicht einsam sein! Macht Gedichte! Singt!


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Miami Beach setzt die Formel Sex = Jugend ausser Kraft. Alte Liebe belächelt hier keiner Sylvia und Bernhard Greenbaum sitzen händehaltend auf ihren nylonbespannten Aluminiumklappstühlen, dem Erkennungszeichen der umherwandernden Beach-Pensionäre ohne Swimmingpool. Einhundert PartnerlookOutfits hatte Mrs. Greenbaumgeschneidert. Die alle in einem langen, sorgenfreien Ruhestand vorzuführen war den beiden nicht mehr vergönnt. Das Foto ist eins der letzten, das von Mr. Greenbaum gemacht wurde. Er starb an Herzversagen. South Beach steckt voller trauriger Geschichten.


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Pink ist die Farbe von Miami Beach – leicht verkitscht wie das Lebensgefühl, das Träume nährt Rosa sind nicht nur Flamingos, Möbel und Abendstimmungen in Miami Beach - (insofern waren die pink verpackten Inseln des bulgarlschen Künstlers Christo 1983 nur logisch), es steht auch für das Talent der Senioren, ihr Leben zu verklären. Sie kämpfen einen Kampf, den sie nichtgewinnen können - gegen Alter, Armut, Krankheit und Tod. Doch das hindert sie nicht daran, sich zu produzieren: mit und ohne Publikum.


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Wie posiert man,wenn man nicht mehr ju g ng ist? Sündig; Vielleicht selbstironisch Ein Bericht von Eva Windmöller mit Fotos von Mary Ellen Mark Die alten Menschen, die Mary Ellen Mark in Miami Beach portraitierte, waren durchweg kamerafreundlich. »Das lag an ihrem Ausgehungertsein nach der Aufmerksamkeit eines Jüngeren«, vermutet sie. »Und an der Hoffnung auf ein Stückchen Foto-Unsterblichkeit.« Nach anfänglichem Zögern legten sie ihre guten und schlechten Eigenschaften, die sich mit den Jahrzehnten bekanntlich verstärken, ungehemmt frei. Sie sagten: Okay, was soll's. Was hab' ich zu verlieren. Alter engt nicht nur ein. Es macht auch frei Seltsam unwirklich ist dieser Ort, laü im Winter, tropisch heiß im Sommer, eine Mischung aus Palmenstrand und Chicago. In den Hotelfoyers falscher Marmor, falsche Blumen, falsche Zähne. Der Himmel voller TouristenJumbos, die auf dem internationalen Flughafen von GroßMiami landen, einem Alptraum für sich. Groß-Miami gilt als die Boom-City der Banken, des Handels und des Grundstücksbusiness, die erst baut, dann plant; als die heimliche Hauptstadt der Exilkubaner (56 Prozent von 370 000 Einwohnern); als das Verwaltungs-Hauptquartier von 80 lateinamerikanischen Multis und, last not least, als Domäne der Mafia und des Drogenschmuggels. Ein halbes Dutzend Verkehrsdämme verbinden das FestlandsMiami mit seinem Weltbad Miami Beach, einer 14 Kilometer langen, anderthalb Kilometer schmalen Inselzunge mit 90 000 Einwohnern und eigener Stadtverwaltung.

Bei der Busfahrt auf der parallel zum Meer entlangführenden Collins Avenue wird sichtbar, daß der Reichtum hier im NordSüd-Gefälle verläuft. Zwischen den mit Nummern bezeichneten Querstraßen der Achtziger und Sechziger das gepflegte Grün der Parks und Golfplätze. Zwischen den Sechzigern und Vierzigern die betonierte Einöde der Eigentumsapartment-Türme, abgelöst von den Grandhotels »Doral«, »Eden Roc« und »Fontainebleau«, deren nachgemachte Louis-XVI-Lüster, Apollostatuen und venezianische Brunnen bezeugen, daß ihren Besitzern nichts zu europäisch und zu teuer war. Zwischen den Vierzigern und Zwanzigern Fußgängerzonen, Geschäftsviertel, Restaurants. Von da an geht's mit dem Glamour bergab. Die Wohnhäuser werden zusehends niedriger, die Hotels billiger, die Alten ärmer wir sind in South Beach. Die meisten Pensionäre aus den Luxuskästen kennen es gar nicht. Die netten Mendelsons zum Beispiel, Apartmenteigentümer aus Ohio, die auf die Frage, was sie so den ganzen Tag machen, freundlich Auskunft geben: »We have fun, darling, wir haben Spaß«, sind noch nie »da unten« gewesen. Wozu auch? Das ist nicht ihre Welt. Das massierte Sich-gehen-Lassen der »boys« und »girls« ihrer eigenen Altersgruppe am Volksstrand würde sie nur deprimieren.

Zugegeben, es hat schon was Brutales, wenn ein böses Mittagslicht die unaufhaltsame Auflösung von Mensch und Materie grell beleuchtet, hitchcockgrell. Wenn die Sirene des Krankenwagens zum dutzendsten Mal den Lautsprecher am Swimmingpool übertönt: »Mister Silverstein, zum Telefon bitte!« Je nach eigener Verfassung gibt es Tage, an denen die Kennzeichen des Alters eine beklemmende Qualität bekommen: die sichtbare Mühsal schlurfender Fortbewegung im Aluminiumlaufgestell. Das Verdämmern eines Greises, der morgens um acht allein auf einer Terrasse an der 10. Straße vor sich hindöst, den leeren Blick auf eine Garageneinfahrt gerichtet. Der rührende Versuch einer Witwe, ihr Altenapartment mit Teilkomfort (Kochplatte, Kühlschrank, Ausguß und Vorhang zum WC nebst Dusche) durch Plastiksesselbezüge und gerahmte Fotos auf dreiteiliger Frisierkommode ein bißchen menschlicher zu machen.

Was nach Abzug der Miete (150 bis 400 Dollar) von der Sozialversicherungsrente (300 bis 450 Dollar) im Monat übrigbleibt, ist für viele SouthBeach-Bewohner so knapp, daß sie sich nur noch von Dosenkost in Form von Suppen, Thunfisch, schwarzen Bohnen und sogar Katzenfutter ernähren. Oder vordem Billigrestaurant »Wolfies« Schlange ste- hen, wo es Essiggurken und Krautsalat als Beilage gratis gibt. Das Warten ist von zentraler Bedeutung. Es bringt Gesellschaft mit sich und hilft die Zeit totschlagen.

Triste Bilder? Nicht nur. Es steckt auch eine große Kraft in dem Viertel. Man muß dort mal eine Weile leben, sich in einem Altenhotel, im »Tides« oder im »Victor«, einmieten, in der Halle fernsehen, zur Post gehen, die Brötchen im Eckladen kaufen, wo die Besitzer noch hinter der Theke stehen und jeden mit seinem Namen ansprechen. Da geht einem auf, daß man es mit einem gewachsenen Viertel voll nachbarschaftlicher Verflechtungen zu tun hat, mit einer Art tropischem Kreuzberg, in dem es laut, kleinbürgerlich-proletarisch, kulturell gemischt und auf jeden Fall sehr direkt zugeht.

Über einen Mangel an Kommunikation braucht sich hier niemand zu beklagen. Wo können Rentner und Pensionäre das ganze Jahr über auf ihren Aluminiumstühlen in der Sonne sitzen, gelegentlich den Kopf auf vorgestrecktem Hals seitlich drehen, um etwas Bemerkenswertes loszuwerden? Wie die sechs Frauen auf der Veranda, die im Beisein eines stummen Mannes (was etwa dem Witwen-Witwer-Verhältals in Miami Beach entspricht) kleine Mitteilungen am Köcheln halten. »Ich hab' sie entflöhen lassen«, berichtet eine Dicke, tief Gebräunte, mit Nachdruck, »es ist eine wunderschöne Katze!« Die anderen nicken, der Mann stützt das Kinn auf seinen Stock.

Wo können sie ohne Eintrittskarte das Schauspiel der Straße verfolgen, das Leben, das spannender als Kino oder Fernsehen ist, weil die Akteure mit all ihren Schwächen alte Bekannte sind? Und erst der Auftrieb auf den Wiesen des Lummus Parks! Da lagern sie zu Hunderten unter Palmen, gucken aufs Meer, klatschen, kokettieren, spielen Karten, die sie auf ihren Pappkartonbrettern unter kreuz und quer gespannte Gummibänder schieben, damit der Wind sie nicht fortträgt. Emigranten aus Rußland zupfen die Balalaika. Überlebende des Zweiten Weltkriegs aus Europa stimmen Wiener Lieder an. Hochgerollte Ärmel legen tätowierte KZ-Nummern frei.

Wenn man auf der Straße ihr Lächeln erwidert, bleiben sie stehen und gießen Ströme von Erinnerungen aus. Worüber reden sie untereinander? Über ihre Krankheiten. Über die Preise. Und immer wieder über die Kinder, wobei die Schilderungen vom jeweiligen Zuhörer abhängen. Generell sind »the kids« natürlich wundervoll. Sie haben die Eltern aus dem kalten Philadelphia oder Detroit hier in diese herrliche Seniorenpension mit Seeblick und allem Service eingekauft, weil sie sich das leisten können, you see! Weil sie's zu was gebracht haben! Diesen Stolz auf den Nachwuchs charakterisiert ein alter Miami-Beach-Witz von der jiddischen Mama, die in der Hochsaison den vollbepackten Strand entlangläuft und schreit: »Zu Hilfe! Zu Hilfe! Mein Sohn, der Doktor, ist am Ertrinken!«

Aber meist -ist der Stolz auf den Nachwuchs geschönt. Auf den Veranden blüht der Klatsch: Die arme Miriam Schwartz ist von ihren Kindern abgeschoben worden, sie wird ja auch schwierig, you know. Den Scheck jeden Ersten schickt ihr der Anwalt aus New Jersey, zu Jom Kippur kriegt sie eine Karte, und zum 75. Geburtstag haben sie ihr eine Kochplatte geschenkt, weil die alte kaputt war, you know, what I mean? Die Klage »Die Kids haben nie Zeit« ist die euphemistische Umschreibung des bekannten Sachverhalts, daß Kinder undankbar sind. Undankbare Egoisten, ja, das sind sie!

Aber auch dankbare Kinder haben ihre Probleme. David Singer, Jeansfabrikant aus der New Yorker Bronx, Goldkettchen mit Davidstern im tiefoffenen Hemd, blickt melancholisch zu der rosafarbenen Altenpension hinüber, in die er seinen Vater für 1500 Dollar im Monat inklusive Wäsche, Putzfrau und drei Mahlzeiten am Tag eingekauft hat. Der Vater, 94, hat nur gesagt: »Wo bringt ihr mich hin? Zu den senilen Trotteln?« Der Sohn seufzt. »Er hat sich nie was gegönnt. Ist früher nie mit der Mutter nach Florida in Ferien gefahren. Jetzt, wo er hier ist, mag er's nicht. Er haßt es.«

Für jeden Alten in Miami Beach arbeiten ein halbes Dutzend Jüngerer in der Dienstleistungsindustrie und auf dem sozialen Sektor. Die gelben Seiten des Telefonbuchs verzeichnen nicht weniger als 117 staatliche, städtische, religiöse und private Agenturen der Altenbetreuung, •die auf Medizin, Psychologie, Rechtsberatung, Mieter- und Verbraucherschutz, Drogen- und Alkoholtherapie bis hin zu »Freundlichen Hausbesuchen«, der Schwesternhilfe und des Gebrechlichentransports spezialisiert sind.

Das satte Angebot an Serviceleistungen stammt aus den sechziger Jahren, als die Stadtväter in den Rentnern und Pensionären mit ihren Ersparnissen und festen Einkünften ein nicht zu unterschätzendes Wirtschaftspotential entdeckten. Mit dem Weltbad ging's damals nämlich durch das Aufkommen des Massenflugtourismus bergab. Die alternden Grandhotels am handtuchschmalen Strand waren für die Urlauber nicht mehr so attraktiv, sie flogen lieber auf die karibischen Inseln. So gesehen erschienen die Senioren geradezu als die Retter und wurden mit der Aussicht auf Steuerfreiheit, Serviceangeboten, niedrigen Lebenshaltungskosten und ewiger Sonne ins goldene Florida gelockt.

Und sie kamen. Als die nördliche Hälfte der Inselzunge mit Luxusapartments zugebaut war, blickten die Stadtväter gedankenvoll auf den schäbigen Süden. Doch der setzte ihren Zugriffsgelüsten etwas Überzeugendes entgegen, nämlich eine schicksalsträchtige Vergangenheit.

Im Ersten Weltkrieg war das Gebiet noch Mangrovensumpf. Ein verrückter Millionär namens Carl Fisher steckte sein Geld in das Unternehmen eines nüchternen Kanal- und Brükkenbauers namens John Collins. Die beiden erschlossen weite Landgebiete, und so kam es Mitte der zwanziger Jahre zum legendären Florida-Boom: Wer Geld hatte, investierte. Wer investierte, war willkommen, auch wenn es sich dabei um Mafia-Geld handelte oder um Kapital von Juden, die damals noch nicht gesellschaftsfähig waren. Miami Beach entwickelte sich zum schicken Treffpunkt der Millionäre aus New York, denen das feinere Florida-Modebad Palm Beach zu snobistisch war. Und wenn ein Mächtiger wie der Unterweltfinanzier Meyer Lansky von einem Club brüskiert wurde, der keine Juden aufnahm, dann gründete er eben selber einen.

Land kaufen war einfach, das taten viele Spielernaturen. Was draus machen war schon schwerer. Dann kam Ende der zwanziger Jahre die Depression. Mit dem Florida-Boom war's vorbei. Doch Miami Beach profitierte davon, daß einfallsreiche Unternehmer der überwiegend jüdisch orientierten New Yorker Bekleidungsindustrie ihr Geld aus der rückläufigen Modebranche in den Bau solider kleiner Familienhotels retteten. Jenen Hotels in South Beach eben, die zum Altersparadies ganzer Generationen von in Rente gehender Textilarbeiter werden sollten. Zwei weitere jüdische Einwandererwellen folgten nach 1945, zuerst aus Europa, zuletzt aus Rußland.

Kann man Menschen mit einem solchen Schicksal je wieder vertreiben? Natürlich nicht. Jedenfalls nicht offen. Hinter den Kulissen des Rathauses wurde freilich davon geredet: Da sah mancher Politiker nicht mehr ein, warum ausgerechnet die ärmsten Bürger für Spottmieten auf den teuersten Grundstücken saßen und die Entwicklung aufhielten. So ließ die Stadtverwaltung denn auch 1973 die Südspitze von Miami Beach zur Slumgegend deklarieren, was zur Folge hatte, daß ein Wohngebiet von 7000 Seelen von den Banken abgeschrieben wurde und keinen Anspruch mehr auf öffentliche Gelder hatte, nicht mal mehr für dringende Reparaturen. Was taten die aufsässigen Alten? Sie klatschten eine weitere Schicht Pastellfarbe auf ihre Häuser. Nun sollte mal einer sagen, sie seien asozial!

Drei Jahre später legte die Stadt einen 635-Millionen-Dollar-Plan vor, nach dem das mittlerweile tatsächlich degenerierte Südende mit privaten und öffentlichen Mitteln in ein tropisches Venedig mit Kanälen, einem Yachthafen für 700 Boote, Hotels, Shopping-Zentren, Tennisplätzen und einem Vergnügungspark a la Kopenhagener Tivoli verwandelt werden sollte. Was taten die Bürger? Sie klagten auf Unterlassung. Ohne Erfolg zwar, doch mit gehörigem Pressewirbel. »Kanäle! Wer braucht Kanäle?« höhnte die Wortführerin Frances Mitnick, 83, Inhaberin des Calvert-Apartment-Hotels, auf dessen Verschönerung durch ständigen Weihnachtsflitter sie ebensoviel Sorgfalt verwendet wie auf das eigene Äußere. Indes, der Fortschritt war nicht aufzuhalten. Planierraupen ebneten als erstes die Windhundrennbahn ein. Auch der Treffpunkt-,der Juden, das »Jewish Comnunity Center«, mußte geräumt werden. Vorher feierte es noch den Ge-burtstag der 90- bis 100jährigen. Der Ältesten, Mabel Bird, 99, brachten die Besucher das Stündchen »Mable, wenn du fähig bist, halt die Ellbogen vom Tisch!« und schenkten ihr eine Kochplatte und neue Dauerwellen. Dabei war es ein offenes Geheimnis, daß die gute Mable aus Eitelkeit neun Jahre dazugeschwindelt hatte, weil sie von dem Komplex besessen war, ihr wahres Alter von 90 nehme ihr, so verknittert wie sie aussah, niemand mehr ab.

Was Abwrackkolonnen nicht schafften, nämlich den Alten ihr Viertel zu verleiden, besorgten 1980 die »Marielitos«. Von den 125 000 zum Teil kriminellen oder geistesgestörten Kubanern, die Fidel Castro vom Hafenort Mariel aus per Bootlift in die USA geschickt hatte, wurden an die 4000 von der Stadtverwaltung Miami Beach in die Hotels und Pensionen von South Beach eingewiesen. Die Mieten für die Kubaner ließ sich die Stadt von Washington zurückerstatten. »Der Mob war los«, denkt Polizeichef Tom Hoolahan mit Schrecken zurück. »Schießereien, Einbrüche, Überfälle, Messerstechereien, Drogen - you name it. Nichts, was es nicht gab. Die alten Leute trauten sich nicht mehr auf die Straße. Sie schlossen sich in ihre Zimmern ein.«

Daß sich ausgerechnet in dieser schlimmen Zeit auch mal was Erfreuliches anbahnen könnte, daran hatte damals schon keiner mehr geglaubt. Das Erfreuliche trat in Gestalt einer streitbaren Idealistin auf den Plan: Barbara Capitman, 63, Marktforscherin und Witwe eines New Yorker Publizisten und Professors für Volkswirtschaft. Nach dem Tod ihres Mannes war sie nach Miami Beach gezogen, wo sie bald einem Schatz von »beinahe archäologischer Bedeutung« auf die Spur kam. Sie fühlte sich »ein bißchen wie Schliemann in Troja«, als sie ganze Straßenzüge katalogisierte, die in South Beach nach dem großen Hurrican von 1926 von einem halben Dutzend progressiver Architekten im Stil der industriellen Revolution wiederaufgebaut worden waren: stromlinienförmig, pastellfarben, aus Chrom, Glas, Zement und Stuck, mit formalen Anleihen bei Flugzeugen und Ozeanriesen also reines Art deco. Nach unermüdlicher Lobbytätigkeit in Washington gelang es ihrer Liga zur Erhaltung von Old Miami Beach, die Quadratmeile zwischen 6. und 23. Straße mit Rücksicht auf 800 denkmalsschutzwürdige Gebäude zum historischen Viertel deklarieren zu lassen, um so »der Welt größtes Art-deco-Viertel« vor dem Zugriff der Baulöwen zu bewahren.

Bis jetzt freilich hat die Stadt wenig Lust gezeigt, der Erhaltung ihrer historisch wertvollen Bausubstanz durch eine eigene kommunale Verordnung den notwendigen gesetzlichen Nachdruck zu verleihen. Sie konnte sich nur entschließen, es dem Ermessen des Besitzers anheimzustellen, ob er sein seegrünes Haus mit runden Ecken und geätzter Flamingo-Glastür schützen will oder nicht. Bauunternehmer Abraham Resnick, der Miami Beach schon um 70 Eigentumswohnhäuser bereichert hat, wollte nicht. Er kaufte eins der schönsten Artdeco-Hotels am Ocean Drive, das »New Yorker«. Aber statt es steuerbegünstigt im Stil der dreißiger Jahre auszubauen, ließ er's kurzerhand abreißen. Mrs. Capitman rief ihn an und flehte, »Abe, du brichst mir das Herz!« Er versicherte ihr, das Ganze sei nicht persönlich gemeint: »lt's just business, sweetheart. Nur Geschäft.«

Doch nicht alle handelten wie Abraham Resnick. Barbara Capitmans Sohn Andrew, 32, hat mit Hilfe einer Finanzierungsgruppe sieben Art-decoHotels vom Markt gekauft und, bis ins Detail perfekt, zu renovieren begonnen. Was da auf einmal alles los war in Old Miami Beach! Straßenfeste gab's und Flohmärkte und Bürgerinitiativen und einen »Mond über Miami«-Ball mit großer Swing-Band auf der Terrasse des »Victor«. Im vergammelten »Leslie« quartierte sich die Crew des bulgarischen Künstlers Christo ein, -als sie die Inseln vor Miami Beach pink verpackten. Vorm schicken »Carlyle« und »Cardozo« parkten Museumsleute und Galeristen. Und nicht mehr in Pantoffeln, sondern jetzt fein gemacht verfolgten die Alten die Invasion der Rucksacktramper, Musiker, Maler und Alternativ-Intellektuellen, die sich noch jung genug fühlten, ohne Berührungsangst vor abfallenden Lebenskurven vom Reiz des Vier- tels zu profitieren.

»Integriert euch, Leute! Furcht vor Andersartigkeit ist provinziell!« mahnte Barbara Capitman und forderte potentielle Geldgeber auf, mit staatlichen Fmanzierungshilfen Artdeco-Bauten zu sanieren, um aus South Beach »eines der lebendigsten urbanen Gemeinwesen Amerikas zu machen, bevölkert von richtigen Menschen«. Im Sommer 1983 ließ sie sich als Kandidatin für die siebenköpfige City-Kommission von Miami Beach aufstellen, ein Gremium von prominenten Bürgern mit entscheidendem Einfluß auf die Legislative. Natürlich kam sie da nicht hinein, dafür sorgte schon die Lobby des Big Business.

Wer zahlt, hat also recht? Wenn das so einfach wäre. Die Banker, Anwälte und Baulöwen der City-Kommission stehen ja selber vor einem Dilemma. Sämtlich jüdischen Glaubens, reagieren sie einerseits geradezu paranoid auf den Vor- wurf, die Massenausweisung ihrer eigenen Leute zu betreiben - sie haben in den vergangenen zehn Jahren keine Gelegenheit ausgelassen, auf die Pläne einer »fairen Umsiedlung« hinzuweisen. Andererseits ist die City in chronischer Geldnot, -zig Millionen wurden für die Verbreiterung von zehn Meilen Strand und für den Bau eines neuen Yachthafens ausgegeben. Ziel: Miami Beach endlich das geschäftsschädigende Image zu nehmen, ein »abgetakeltes tropisches Altersheim« zu sein, in dem die internationalen Jumbojet-Touristen nur noch zur Übernachtung vor dem Weiterflug nach Disney World ausgeladen würden.

Die Alten wollen bleiben. Die City will expandieren. Da wir es mit einer freien Marktwirtschaft zu tun haben, noch dazu unter Ronald Reagan, ist abzusehen, wie die Geschichte enden wird. An der Ecke 15. Straße, direkt am Strand, wächst bereits das erste Hochhausmonstrum in den Himmel, 36 Stockwerke. Mit saudiarabischem Geld, wie man hört.

Es steckt eine Menge Zorn in dem Viertel. Alt und reich zu sein, sei schon schwer genug. Alt und arm unmöglich.

»Sieh da, sieh da! Geh'n wir zur Abwechslung mal ein bißchen unsern Slum angucken?« fragt mit ironisch hochgezogener Braue Igor, Exilrusse aus Leningrad. Auf meine Frage, wie es ihm gehe, sagt er: »Nicht gut heute. Ich bin noch nüchtern.«

In der kubanischen Bäckerei sitzt eine Alte und beschwert sich, daß sie das Weißbrot nicht beißen kann. »Iß doch Kartoffelbrei«, sagt die Verkäuferin. »Eine Schande!« giftet die Alte zurück. »Euer vertrocknetes Brot!« Hader hält sie zusammen. Hadernd wird sie in die Grube fahren. Aber vorher auf dem Totenbett wird sie noch ein Auge öffnen und der Tochter einen bösen Blick zuwerfen.

Auf dem Podium des Musikpavillons - amerikanische Fahne links, israelische Fahne rechts - singt ein immer noch klarer Sopran: »Ich hab' geseh'n viel Sachen / zum Weinen und zum Lachen.«

Man sollte sie sich noch einmal einprägen, die kleinen Witwen mit den geschminkten Mündern und den Plastiktüten, die mit grimmigem Humor versuchen, ihre Würde zu wahren. Wer wird sie umsiedeln? »Gott vermutlich«, sagt Hotelier Andrew Capitman.

END