Stern
FREMDE IM EIGENEN LAND(3)
Eine Serie von Eva Windmoller uber die Schwarzen in den USA
October 1998
Photographs by MARY ELLEN MARK


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Als Versicherungsvertreter fing Jim Obi--hier mit seiner Fra Bose in seiner Villa in Stamford/Connecticut -vor 25 Jahren in New York an. Heute ist er Verkaufssdirektor der Equitable Life Assurance-ein Workaholic der zu leben versteht.
                                                                                                                                           
Man hort wenig von ihr, aber aufzuhalten ist sie nicht mehr: die schwarze >>Power-Elite<< von Topmanagern, Bankern, Arzten und Anwalten. Einige kommen noch aus dem Getto. Viele haben in Stanford, Harvard oder an schwarzen Prestige-Universitaten studiert. Fur alle bedeutet Gleichberechtigung, doppelt so gut zu sein wie die Wei§en. Ihr Credo:

>AKZEPTIERE NIEMALS EIN NEIN!<
Was mich schon immer beschŠftigt hat: Wann macht man als Schwarzer in den USA zum erstenmal die Erfahrung, da§ man wegen seiner Hautfarbe benachteiligt ist? ÈSpŠter, als Sie glaubenÇ, sagt mir ein Kollege von >>Time<< auf nŠchtlicher Wahlkampfbusfahrt durch den SŸden. >>Kinder haben keine Vorurteile. Die lernen sie erst am Abendbrottisch. Zum Beispiel durch die Art und Weise, wie die Mutter, vorsichtig, fragt: >Sag mal, ist eure Lehrerin eine Schwarze?< Das eine Kind antwortet unbefangen: >Wei§ ich nicht. Die ist nett.< Das andere fŠngt an zu Ÿberlegen. Was meint die Mutter? WarŸm fragt sie? What's wrong?<<

Pastor Herbert Daughtry, 57, von der >>House Of The Lord Pentecostal Church in Brooklyn ein frohlicher Gottesmann in der Gemeinde, ein kampferischer -Fuhrer der militanten >> Black United Front<< -, ist das klassische Beispiel fŸr das >>on-the-wrong-side-of-the-track<<-Syndrom: >>auf der falschen Seite der Bahngleise<< aufzuwachsen. >>Ich war noch ein Kind<<, erzahlt er, >>da zogen wir von Savannah nach Augusta/Georgia, wo mein Vater eine neugegrundete Kirche ubernahm. Ich stand, auf unserer Stra§e, am Schnittpunkt zweier Wohngebiete: nach Norden zu das der Wei§en, mit sauberen Burgersteigen und manikŸrten Vorgarten. Nach SŸden zu das der Schwarzen, mit Ungepflasterten Schotterwegen und zusammenfallenden Holzhausern.<<

>>Wie haben Sie sich das erklŠrt?<< frage ich.

>>Ich war noch zu klein, um zu analysieren<<, sagt Daughtry, >>ich sah nur den Kontrast. Aber der sa§. SpŠter, ich mu§ so acht, neun Jahre alt gewesen sein, arbeitete ich in einem diese kleinen chinesischen GemŸselŠden in unserem Viertel und stellte fest, da§ wir – die Schwarzen - nicht an- stŠndig behandelt wurden. Zum Ausgleich habe ich unseren Leuten, wenn keiner hinsah, anstatt fŸnf Pfund Bohnen fŸr 50 Cents zehn Pfund in die TŸte getan. Und ich wu§te auch schon, wer michverpfeifen wŸrde: ein schwarzer Junge namens Budd, hellhŠutiger als ich, den der Chinese an Sohnes Statt aufzog. Ich wurde gefeuert. You see, so hatte ich schon mit neun ein ziemlich komplexes Bild von der sozialen Ordnung.<< Der Pastor mu§ lachen. >>Ja, und als ich mich im Koreakrieg zur Army meldete und die alten,, noch kurz zuvor nach Rassen.getrennten Kasernen sah - die der Wei§en sauber gestrichen, die der Schwarzen abgeblŠttert -, da schlo§ sich der Kreis.<<

Mir geht Jesse Jackson durch den Kopf, der sich noch gut erinnern kann, >>wie wir als junge Leute immer nur durch den Hintereingang ins Kino durften. Oder wie wir 1963 beim Marsch auf Washington an den TŸren schwarzer Familien klingeln mu§ten, um das WC zu benutzen, weil šffentliche Toiletten for uns off limits waren<<.

Ich frage mich, wie hŠtte ich reagiert, wenn ich vor 25 Jahren im Kino auf der >>Peanut Gailery<< hŠtte sitzen mussen? Wie hŠtte ich mich, ohne mir das RŸckgrat zu verbiegen, mit dem >>Fur Boten und Lieferanten<<-Status von Gnaden der. Herrschaft arrangiert? Wenn der Gro§vater oder Urgro§vater als Sklave gehalten worden ist - wie tief sitzt das noch drin?

Da war viel gutzumachen in Amerika, und da ist inzwischen auch schon viel gutgemacht worden. †bertrieben viel nach Ansicht der Reagan-Republikaner. Die haben sage und schreibe sechs Jahre lang versucht, die BŸrgerrechts-Verordnung der affirmative action in Musterprozessen anzufechten.

Affirmative action gibt >>Minderheitsgruppen und Frauen<<  eine juristische Handhabe, das Recht auf job equality, auf gleiche Arbeitsmšglichkeiten, einzuklagen. Das wurde krŠftig genutzt. Eine Lawine von Prozessen ging los - zum einen gegen Behšrden und staatlich gefšrderte Unternehmen, die seit Inkrafttreten des Civil Rights Act von 1964 gesetzlich verpflichtet sind, Angehšrige von Minderheiten im VerhŠltnis zu deren Bevšlkerungsanteil in der Umgebung zu beschŠftigen. Zum anderen aber auch gegen Èlilienwei§e<< Privatfirmen, die der Quotenregelung freiwillig nicht folgen mochten.

Affirative action war, nach der …Offnung wei§er Schulen, Colleges und Universitaten, in der Carter-Ara der siebziger Jahre fur die Schwarzen der Passepartout zum Einstieg in die Washingtoner Regierungsburokratie und ins mittlere Management der Wirtschaft. Langsam, ganz langsam folgte der Aufstieg zu den letzten mŠnnlich-wei§en Bastionen der Banken, Anwaltsfirmen und Hochschulen. WEITER AUF SEITE 136


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BILDUNG Drei College-Generationen: Top-Manager Randy kinder (I.) mit Frau, zwei Sšhnen, Schwiegermutter, Tochter und Schwiegettochter im Garten seines Weekendhauses auf Long Island
         
Verhalten und Leistung der neuen Aufsteiger wurden - und werden - mit scharfem Auge verfolgt. >>Um als gleichberechtigt anerkannt zu werden, mŸssen wir doppelt so gut sein wie die Kollegen<<, ist ihre Grunderfahrung. >>Wir verdienen ein Drittel weniger. Wir durfen keinen Fehler machen. Wir werden als letzte geheuert und als erste gefeuert. Verantwortung an der Spitze traut man uns nšch nicht zu. Die traditionellen Clubs, in denen Business-Kontakte geknupft werden, sind uns verschlossen. Wir durfen nicht zu ehrgeizig, zu aggressiv im Ton, zu auffallend in der Kleidung, mit einem Wort, nicht wir selbst sein.<<

Das hab' ich doch alles schon mal gehšrt? Richtig. In gewisser Weise sind die Afro-Amerikaner heute die>>Women's Libber<<, die Frauenrechtlerinnen der sechziger Jahre. >>Oh, ist niemand da?<< tragt der Firmenbesucher, als er einen Schwarzen/eine Frau hinterm 'Schreibtisch erblickt. Oder: Der Schwarze/die Frau hat kaum den Raum verlassen, da brechen die Kollegen Ÿber einen rassistischen/sexistischen Witz in Gelachter aus.

>>Es ist immer noch ein Schock fur die Leute, wenn sie zum erstenmal - bei mir durch die Tur kommen<<, sagt Jerry Williams, 49, Prasident des Multmiillionen-Dollar-Unternehmens AM International. Doch es sei schon viel. besser geworden. In seiner Jugend habe ein Schwarzer ein Konferenzzimmer nur mit dem Staubsauger betreten.

Der New Yorker Rechtsanwalt Richard Parsons, 39, Partner in der Anwaltsfirma Patterson, Belknap, Webb & Tyler, vertrat vor zehn Jahren einmal den republikanischen Ex-Gouverneur und Kunstmazen Nelson Rockefeller in einer Verhandlung mit dem Metropolitan Museum of Art. Zwei Anwaltskollegen und deren Assistenten begru§ten ihn und sahen- wieder zur Tur. >>Wir warten auf Gouverneur Rockefellers Berater.<<  >>Ich sag' Ihnen das ungern<<, lachelte Parsons, >>aber der sitzt bereits hier.<<

Im Grunde meines Herzens furchte ich, es wird nichts mehr werden mit der Verstandigung zwischen denen und uns. Unser vorherrschendes Gefuhl den Schwarzen gegenuber - als WahlNew-Yorkerin seit zwšlf Jahren kenne ich es auch - ist eine fatale Mischung aus tiefsitzender Angst und kolonialer Herablassung. Wir haben sie langst in den Genen.

>>Eure Angst<<, sagte mir eine Gospelangerin in Atlanta, >>ist die Angst des Unterduckers vor der spaten Rache seines Opfers.<< †ber den Satz kann man lange nachdenken. Rational la§t sich die Angst aus der zunehmenden Kriminalisierung der Gro§stadt-Gettos erklaren. Wenn uns auf einer stillen Stra§e zwei Schwarze entgegenkom men, drucken wir instinktiv die Tasche fester an uns.

Auf die erfolgreichen Schwarzen dagegen reagieren -wir >>paternalistisch<<, wie das der linksintellektuelle Burgerrechtler Roger Wilkins vom Washingtoner Institute for Policy Studies formuliert. Erst hatten wir ihnen zur Verwirklichung der Rassengleichheit die Burgerrechte zugeteilt, sagt Wilkins, um dann, als sie imstande gewesen seien, wirtschaftlich und intellektuell mit uns zu konkurrieren, zu fragen: Aber haben sie das auch verdient? So wie man fruher gefragt habe: Aber wissen sie denn nicht, wo ihr Platz ist? Die Fernseh-Producerin Pat Naggiar vom New Yorker ZDF-Buro hat den Zuzug reicher schwarzer Familien in ihrer grunen Wohnstadt Montclair in New Jersey uber die Jahre miterlebt. >>Eine Mischung fand nicht statt. Sie sitzen fur sich auf ihrem Hugel, haben. zehnmal mehr Bildung und Lebensart als die meisten Alteingesessenen und heben ironisch die Braue, wenn diese bei einem Zufallstreffen ausrufen: >Oh, how nice to see you! Warum sieht man sich nur so selten?< Ja, in der Tat.- warum nur?

Wochenlang hing Pat Naggiar am Telefon, um fur die STERN-Mitarbeiterin Mary Ellen Mark Fototermine mit schwarzen Familien zu arrangieren. Die meisten seien kooperativ gewesen, berichteten die beiden. Vereinzelt hatten Butler oder Bodyguards jede ihrer Bewegungen registriert. >>Einige von den Reichen mochten uns nicht. Einige von den Armen ha§ten uns.<<

Es gibt eine neue Klasse schwarzer Yuppies, das sind die Buppies (von Black statt Young Urban Professionals). Das Wirtschaftsmagazin Black Enterprise stellte in der Februar-Ausgabe >>The 25 hottest black managers in corporate America<< vor: dynamische Manner zwischen 35 und 55 mit hellblauem Hemd und roter Krawatte, die ihren MBA (Master of Business Administration) in Stanford, Harvard oder an einer schwarzen Elite-UniversitŠt gemacht haben, 250 000 bis 1,5 Millionen Dollar im Jahr verdienen, hart arbeiten und wenig auffallen.

Vom >>Old Boys Network<< der Wei§en ausgeschlossen, haben sie sich ein eigenes Netz von Beziehungen geschaffen und halten sich gegenseitig die Karriereleiter. Als besonders fšrderlich fur Schwarze gelten die Konzerne Xerox, IBM, Hewlett-Packard, Avon, Philip Morris, AT & T und Equitable Life Assurance (Amerikas drittgrš§te VersAcherungsgesellschaft).

Letztere beschaftigt gleich vier Schwarze im Top-Management. Drei davon besuchen wir zu Hause. Frank Savage, 49, steilvertretender Vorstandsvorsitzender der Tochterfirma Equitable Capital Management und Vater zweier sturmischer Kinder, spricht Arabisch, Swahili und Japanisch und hat der Rassendiskriminierung nie gestattet, ihn aufzuhalten. ÈIn der Welt der internationalen Hochfinanz bin ich die meiste Zeit der einzige Schwarze. Das ist bedauerlich, aber damit mu§ ich leben.>>

Sein Freund Jim Obi, Direktor der VerkaufsAbteilung mit Vertretungen in 17 Lundern der Erde, ist die Personifizierung des amerikanischen Traums. Der geburtige Nigerianer aus reichem Hause erlitt den Kulturschock seines Lebens, als er vor 25 Jahren aus politischen Grunden mit seiner jungen Frau nach New York emigrierte und sich als >>one of those poor blacks<< in der Bronx wiederfand. Auf eine Zeitungsanzeige hin bewarb er sich im Equitable-Hauptquartier in Manhattan, wohin er mangels Fahrgelds zu Fu§ ging. >>Das kann nicht Ihr Ernst sein<<, wies der Personalchef ihn zuruck. ÈSie kommen neu hier an, sind kein Amerikaner, kennen nicht einen Schwarzen - wie wollen Sie da Versicherungen verkaufen?<<

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Als Prasidentin der >>Planned Parenthood Federation of America<< kampft Faye Wattleton oben mit Tochter Felicia - fur Sexual-erziehung und das Recht auf Abtreibung. Prude Fanatiker drohen ihr mit Mord.

>>Geben Sie mir drei Monate.<<

>>Das ware blo§ Zeitverschwendung.<<
>>Nur drei Monate<<, insistierte Jim Obi. >>Fur einen 300-Dollar-Mindestlohn.<< Das half. Dreierlei Dinge hatte der Mann aus Nigeria fur sich: Menschenkenntnis, Charme und gute Fu§e, die er 18 Stunden am Tag-bewegte. Nach drei Monaten war er fest angestellt. >>Akzeptiere niemals ein Nein!<< ist seine Maxime.

>>Wenn's fur Jim ein Geschaft ware, kšnnte ich ihm sogar meine Mutter verkaufen<<, sagt lachend Vize-Prasident Randy Kinder, Chef der Pensionskassen des Versicherungskonzerns und des Financial Managements von Equitable. Au§erdem ist er politischer Berater des demokratischen Prasidentschaftskandidaten Michael Dukakis. Wir trinken Eistee auf dem Rasen seines Wochenendhauses in Sag Harbor auf Long Island und erleben eine Familie, die mit Stolz auf vier Generationen CollegeErziehung hinweist. Seine Frau, Joan Logue-Kinder, ist VizeprŠsidentin einer schwarzen Rundfunk- und Fernsehgesellschaft in Manhattan.

Tochter Catherine, 21, so schšn wie Pop- und Soulstar Whitney Houston, geht aufs College in Massachusetts. Sohn Hal, 23, mit einer wei§en Studentin verheiratet, studiert Journalismus an der Universitat von Minnesota.

Schwiegermutter Helen Logue aus Charleston! South Carolina, eine von den hellhautigen, selbstbewu§ten Damen der feineren Lebensart, die nur der Suden hervorbringt, versichert uns: >>So wie ich aufgewachsen bin, war mir nie bewu§t, eine Schwarze zu sein.<< Auch nicht, als sie vor 38Jahren mit der Familie als erste Nicht-Wei§e das Haus in Sag Harbor baute - eine unerhšrte Pioniertat damals? >>Ach, man wei§ doch, worauf man sich einlŠ§t<<, sagt Mrs. Logue souveran. >>Man will etwas. Man kampft dafur. Man kriegt es.<<

Heute gilt das idyllische Sag Harbor unter den feinen wei§en >>Hamptons<< als das Weekend-Refugium der schwarzen Mittelklasse, was seine Entwicklung zum alternativen Badeort ohne SnobAppeal eher befšrdert hat. An den langen StrŠnden zwischen East- und Southampton dagegen kann manmeilenweit laufen, ohne einem Schwarzen zu begegnen. Selbst mit heller Haut ware er hier fehl am Platz, wahrend die Sonnenbraune des Wall-Street-Yuppies nicht dunkel genug sein kann. Verkehrte Welt.

Politisch hat der Burgerrechtsaufschwung der siebziger Jahre der schwarzen Minderheit in den USA noch mehr genutzt als wirtschaftlich. Nehmen wir nur die Stadtverwaltung von New York City. Der Bezirksprasident von Manhattan: ein Schwarzer. Der Polizeiprasident: ein Schwarzer. Die Beauftragte fur Kultur: eine Schwarze. Der Leiter der Schulbehšrde: ein Schwarzer. Ja, aber, kommt gleich der Einwand von militanten jungen Schwarzen, das macht der Burgermeister Ed Koch doch nur, um seinen Rassismus zu tarnen. Hat der Mann sich etwa nicht hingestellt und, šffentlich gesagt, wer Jesse Jackson wahlt, der mu§ verruckt sein? Schwarze Logik, aber ein bi§ chen kann man sie verstehen.

US-Justizminister Ed Meese ermutigte jedweden Arbeitgeber durch verbale Schuitzenhilfe, die affirmative action mit ihrer Quotenregelung wegen >>umgekehrter Diskriminierung<< - also der Mehrheit durch eine Minderheit - gerichtlich anzufechten. Sie sei >>eine moralische, juristische und: konstitutionelle Tragšdie<<.

Das Oberste -Bundesgericht vermochte dem nicht zu folgen. In der Urteilsbegrundung einer >>Zwillings-Entscheidung<<  bestatigte es im Juli 1986 die Rechtma§igkeit gelegentlicher Bevorzugung von MinoritŠten, wenn das vergangene Unrecht rassischer Diskriminierung am Arbeitsplatz durch weniger drastische Mittel nicht wiedergutzumachen sei.

Im ersten Proze§ hatte die Gewerkschaft der Feuerwehrleute von Cleveland/Ohio gegen die
Stadt geklagt, die Schwarze und Puertoricaner uber die Kšpfe von lŠngergedienten wei§en Feuerwehrleuten hinweg befšrdert hatte. In diesem Fall zu Recht, wie das Oberste Bundesgericht befand.

Im zweiten Fall wurde ein 38 Jahre wŠhrender Proze§ der Stadt und des Staates New York gegen die Gewerkschaft der Leichtmetaller beendet. Die hatte sich trotz mehrerer verlorener Verfahren bis Ende der sechziger Jahre geweigert, uberhaupt einen Schwarzen als Mitglied aufzunehmen, und 1981 lieber 150 000 Dollar Geldstrafe gezahlt, als ihre Quote von 29 Prozent an ethnischen MinoritŠten zu erfullen.

Die endgultige Niederlage der Gewerkschaft war auch fur Prasident Reagan ein schwerer Schlag. Doch auf verschlungene Weise gewann er wieder Oberwasser: Je erfolgreicher die Schwarzen ihre Rechte durchsetzten, desto populŠrer wurde sein Begriff der >>umgekehrten Diskriminierung<<. In der Realitut sieht das dann so aus: Ich denke, ich hšre nicht recht, als mir eine New Yorker Buchhundlerin - der Mann Umweltbiologe, zwei erwachsene Kinder -, die ich noch mit den Grasflecken linksliberaler Sitins in Erinnerung hatte, gesteht, im Grunde habe sie die blacks nie beautiful gefunden. >>Im Grund mag ich sie nicht.<< Und warum nicht? '>>Weil, I don't know.<< Aber das mu§ man doch wissen? >>Weil, they are so different.<< Sie sind so anders.

Was nutzt es den Schwarzen, in Prestige-Colleges und Universituten hineingeboxt zu werden, wenn ie sich dort als Outsider fuhlen? Die Zahl . schwarzer Studenten stieg in den siebziger Jahren zwar bemerkenswert, aber ebenso bemerkenswert ist auch der Abgang nach ein, zwei Jahren. Vier von funf schwarzen Studenten und Studentinnen an 16 uberwiegend wei§en Colleges klagten in einer Umfrage Ÿber offene oder versteckte Diskriminierung. Zum Beispiel': >>Die Wei§en wechseln die Stra§enseite, wenn sie uns sehen. Sie setzen sich im Hšrsaal nicht neben dich.<< Oder: >>Jeder au§er mir war reich. Mein Zimmergenosse kam aus Kalifornien und fuhr einen Cadillac.<< Oder: >>Man wird gesnobt. Man kriegt zu hšren: Fur einen Schwarzen sprichst du ein sehr gewahltes Englisch.<<

Was nutzt es den Schwarzen, da§ sie dank dem >>Fair Housing Act<< von 1965 aus der Johnson-Ara gleiches Wohnrecht haben, wenn der Hausbesitzer - sein Schild >>Zu vermieten<< hungt noch uber der Tur - bedauernd sagt: >>Sorry. Aber das Apartment ist gerade vor einer Stunde weggegangen.<< Die Wei§en wohnen fur sich, die Schwarzen wohnen fur sich, nur meistens- sehr viel schlechter. Im Buro oder in der Fabrik arbeiten sie zusammen, freunden sich sogar an, aber nach Dienstschlu§ gehen sie in verschiedenen Richtungen auseinander. Senator Ted Kennedy hat das getrennte Wohnen Èdie amerikani-
sche Apartheid<< genannt. Was nutzt es den Schwarzen, da§ ihre Kinder im Bus zu besseren, gemischten Schulen transportiert werden, wenn die Wei§en die Flucht ergreifen und ihre eigenen Privatschulen bauen?

Ich habe es eilig und mšchte vierhundert Dollar abheben. Hinter den Schaltern meiner New Yorker Bankfiliale sitzen drei neue - schwarze Kassiererinnen. Im Augenblick stehen sie am Computer beisammen und tauschen die Erlebnisse des Weekends aus. Eine von ihnen lšst sich schlie§lich aus der Gruppe. >>Zweihundert<<, sagt sie. Nein, vierhundert. >>Fur vierhundert brauchen Sie die Genehmigung der Zentrale, Ma'm.<< Ich sage, die habe ich, wenn sie bitte in der Kartei nachsehen wollen, und verfluche das amerikanische Banksystem.

Die Kassiererin zieht eine Schublade hervor und vertieft sich stumm in jede einzelne Karte. Nach einer Ewigkeit kommt sie hoch: Mein Name sei nicht dabei. Ich erhebe ein wenig die Stimme, worauf sie unbeeindruckt in ihre Lade zurŸcktaucht. >>For God's sake, doch nicht diese!<< mischt sich die altere - wei§e - Sachbearbeiterin ein, findet sofort das Richtige und sagt mit zur Decke gewandtem Blick: >>Sie hat nicht unter dem Familiennamen, sondern unter E wie Eva gesucht.<<

Ich hatte gern >>Typisch!<< gesagt, rufe mich aber zur Ordnung. Mu§ man, selbst im Wiederholungsfall, auf schwarze Inkompetenz im Alltag gleich rassistisch reagieren?

Man mu§ nicht, aber es passiert. In die eigene Tasche lugt sich, wer behauptet, ihm sei noch nie eines der bekannten Vorurteile durch den Kopf geschossen, die da hei§en: Sie sind faul. Sie lernen nicht genug. Sie wollen alles, und zwar sofort, am besten als Rock- oder Baseball-Superstar. Sie denken nicht an morgen. Sie planen nicht. Wie beispielsweise die koreanischen Gemusehandler: Die machen in Harlem ein GeschŠft nach dem anderen auf, kšnnen kein Englisch, ackern wie besessen - die ganze zehnkšpflge Familie - rund um die Uhr! Und die Schwarzen? Die gehen mit Schildern vor die Laden: >>BUY BLACK!<< Sprinter sind sie, keine Langstreckenlaufer. Das Durchhaltevermšgen des Tellerwaschers, der's zum Millionar bringt, ist wohl nicht ihre Starke.
Affirmative action - ist das die Lšsung? Ich wei§ keine Antwort. Aber nichts tun ist auch falsch. Auf jeden Fall ist es leichter, liberal zu sein, wenn man selber nicht betroffen ist.

END