Stern
Eine trügerisch zarte Person
Mona Simpson schrieb mit »Bel Air«, der Geschichte einer Mutter-TochterBeziehung, einen Bestseller.
February 1989
Evelyn Holst besuchte die Autorin des neuen STERN-Romans


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Sje flattert durch ihre Wohnung wie ein kopfloses Huhn. Stolpert über eine Riesentüte, aus der schlecht eingewickelte Geschenke quellen. Zieht zwei Teebeutel durch lauwarmes Wasser, holt die Gabel aus der Champagnerflasche, stößt leise Seufzer aus, sagt: »Shit, ist der noch gut? Sorry, ich bin nicht so ganz. . «
           
Wie James in »Dinner For One« schafft sie stolpernd jede Tisch- und Schrankkante. Dieses Interview paßt ihr gar nicht. In drei Stunden geht der Flug nach San Francisco, wo ihre Familie wartet. Auch das paßt ihr nicht. Sie ist nämlich mittendrin in der literarischen Schwangerschaft ihres zweiten und dritten Babys, die sie parallel austrägt. Jede Störung ist ihr deshalb verhaßt.
           
Mona Simpson, 31 Jahre, Elfenkörper, eierbechergroBe blaue Augen, ist ein literarisches Wunderkind, das 1987 mit ihrem Erstlingsroman »Bel Air« amerikanische Kritiker zu Worten wie »brillant« (»Village Voice«), »außergewöhnlich« (»Boston Globe«) und »meisterhaft« (»Newsweek«) hingerissen hat. Das Buch ist fett wie ihr Talent (535 Seiten) und groß wie ihr Land.
           
»BeI Air« handelt von der quälenden, leidenschaftlichen, anstrengenden Beziehung der Adele August zu ihrer Tochter Ann. Zweierlei treibt sie aus Bay City/Wisconsin nach Los Angeles: Adele, Ende Dreißig, will sich einen reichen Kerl angeln, und Ann, 12, soll ein Kinderstar werden. Sie fliehen in einem schneeweißen, nicht bezahlten Lincoln Continental mit der - geklauten -
Kreditkarte von Ehemann Ted.
           
»Ein Bild entstand in mir«, sagt Simpson, »Mutter und Tochter unterwegs. Sie streiten sich, weil die Mutter gelogen hat. Das Kind steigt aus. Mutter fährt weg. Kind weint, sie kommt wieder. Probleme in einer Nußschale, die sehr privat und gleichzeitig sehr amerikanisch sind.« Der Roman »Bel Air« ist die beklemmende Beschreibung einer
           
Mutter-Tochter-Symbiose, die an die Nerven geht wie manchmal die eigene Mutter.
           
»Nein, meine Mutter ist nicht wie Adele«, kommt Simpson der jedesmal gestellten Frage zuvor, »und sie legt großen Wert auf die Feststellung, daß ich immer ein richtiges Kinderzimmer und nie das Zeug zu einer Shirley Temple hatte.« Eine Mutter also, um die Ann sie beneiden würde. Eine, die ihr Freiräume läßt, bei der sie Kind sein darf. Keine Nabelschnur, die Würgemale macht.
           
Adele ist eine verwahrloste Mutter, die ihrer Tochter die Kindheit nicht gönnt. Ein trauriges Kind, das nicht erwachsen werden will. »Das Leben ist einfach zu wenig«, sagt Adele. Sie verkörpert die dunkle Seite der Weiblichkeit. Gefühlvoll, untreu, verschwenderisch, eitel und gierig. Eine Rolle, um die sich jede Schauspielerin reißen würde. Meryl Streep hat die Filmrechte erworben und läßt gerade ein Drehbuch für »Bel Air« schreiben.
           
»Adele ist eine Träumerin«, sagt Mona Simpson, die sich endlich gesetzt hat, auf ein spitzkantiges Blechgebilde, das sie als Stuhl verwendet. »Sie träumt den amerikanischen Traum. Sich ständig neu erfinden, das alte Leben
zurücklassen - um die Ecke wartet das Glück. Ist sie eine gute Mutter oder eine schlechte? Keine Ahnung, mir ist sie jedenfalls ans Herz gewachsen.«
           
Die Autorin hat nichts gemein mit ihren literarischen Objekten. »Ich bin geradezu lächerlich verwurzelt, klebe an den Dingen. Noch heute schreibe ich Weihnachtskarten an meine Schulfreunde und hänge fanatisch an meinen Gewohnheiten.«

In dieser so trügerisch zarten Person steckt eine ungeheure Disziplin. Jeden Morgen um sechs steht sie auf, schreibt sechs, sieben Stunden. Ungeduscht, mit ungeputzten Zähnen, denn »ich muß ganz weich und offen sein, unbewußt, wie halb im Schlaf«. Nachmittags joggt sie, dann erst geht sie unter die Dusche.
           
Mit ihrer kleinen, sorgfältigen Schrift bedeckt sie Block um Block, ändert, ändert, ändert. Sie ist chronisch unzufrieden mit sich, und wenn sie jetzt »BeI Air» liest, »bin ich ein bißchen enttäuscht. Es ist nicht ganz so universell, wie ich wollte, nicht ganz so farbig und präzise, wie ich es im Kopf hatte«.
           
Mona Simpson ist - hoffentlich - ein Dauerbrenner, keine Wunderkerze. Sie hat hochdotierte Stipendien der Universitäten Berkeley und Columbia bekommen, war jahrelang der heiße Tip, auf
den Kollegen wie James Atlas, Jayne Anne Phillips und Walker Percy warteten. »Die Kleine wird mal ganz groß«, sagt Louise Erdrich (»Die Rübenkönigin«), »ein unglaubliches Talent.« Und ein besessenes. Vier Jahre hat Mona Simpson an »Bel Air« geschrieben, und zehn verschiedene Fassungen.
           
Ihre Lebensparallelen zum Buch sind nur äußerlich. Sie ist in Green Bay/Wisconsin aufgewachsen und als Teenager mit der Familie westwärts nach Los Angeles gezogen. Der Vater, ein Collegeprofessor, war eine Nullnummer, die verduftete, ohne Spuren zu hinterlassen. Mona war ein braves Mädchen mit dicken Nylonstrümpfen. »Der erste Tag an der Beverly High School war ein Kulturschock für mich. Ich war an Pyjamapartys gewöhnt und Gummitwist, und hier nahmen die Mädchen Drogen, tranken Alkohol und hatten Sex.«


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Aus Protest und Angst, nicht beliebt zu sein, rastete sie aus. Wilde Phasen, die ihre Mutter den Schlaf kosteten. Stellte dann fest: »Das bin ich wirklich nicht.« Und wird Klassenbeste, die abschreiben läßt. Still, intensiv, kann zuhören. Wildfremde Menschen drängen ihr Lebensgeschichten auf. Eine Frau, die man auch mit einer ganz frischen Liebe allein läßt.

Ihre Prosa ist ein reichgedeckter Tisch, mit Damastdecke und Silberbesteck-voll von Bildern, Geruchen, Sinnesreizen, Jedes Detail liebvoll und haarspaltengenau beschrieben. Zum Nachschmecken. Die Veranderung der Luft, wenn ein Zug durchfahrt. Das Gefuhl der Fusknochel, vom Schlittschuh befreit. Die Geilheit eines matschigen Kuchens. Der alltagliche, winzigkleine Gefuhlsmord an Ann. Die Diat aus Eiscreme und nicht erfulten Versprechungen. Keine Mobel, damit sich das Elend nicht stabilisiert. Zershnittenes Steak aus dem Kuhlschrank, weil Mam keine Lust zum Kochen hat. Dafur trinkt sie aus der Milchtute, was die Tochter ekelt: >>Milch mit Spucke.<<

Die Tochter racht sich, indem sie sich erinnert. So geht auch Mona Simpson mit dem Leser um. Sie regt uns auf und regt uns an, sie alarmiert und erschreckt uns. Wir stehen unter ihrem Bann.

>>Auch wenn man sie hast, weil sie dein Leben zerstort<<, sagt Ann uber Adele, >>sie hat etwas Besonderes. Romantik. Macht. Sie ist absolute sie selbst. Und wenn sie mal stribt, wird die Welt flach sein, zu einfach, zu vernunftig, zu fair.<<

>>Jede Frau ist ein bischen Adele, ein bischen Ann<<. Sagt Mona Simpson und mochte damit das offizielle Gesprach beendet wissen. Stolz zeigt sei ihre Wohnung, drei kleine Zimmer fur 800 dollar, fur New Yorker Verhaltnesse ein Schnappchen. Sie hat dem Zeitgeist mit Art Deco und Blech gefront. Bis auf Bett und Schreibtisch wirkt die Wohnung wie ein Stilleben. Zu aufgeraumt. >>Ach ja<<, seufzt Mona. >>Blumen, Hunde, Kinder. War schon gut.<<

Nachts tickt die biologische Uhr besonders laut. Jetzt ein Baby an der Brust. Doch dann wird sie vernunftig. Windelwechseln mitten im Musenkus? Mama, ich mus mal, wenn sich gerade ein afregender Gedanke formt? Sie hat einen Freund, der in Princeton an seiner Doktorarbeit fummelt. Irgendwas mit Voodoo in der Literatur. >>Der erste Schwung ist leider weg<<, seufzt sie. Wie in >>Bel Air<< speilen Manner in ihrem Leben eine kummerliche Rolle. Man hatte sie gern etwas schooner, starker, aufregender – doch ie Realitat blickt hart zuruck.


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Alles haben wollen, mit Anfang Dresig scheint dieser Traum noch machbar. Der lange Holztisch mit Mann und Kindern, auf dem Ofen die duftende, selbstgemachte Suppe, im Computerdisc der nachste Betsteller. Mona Simpson gehort zu den begnadeten Schreibern, die keine Blockade kennen. Es fliest aus ihr, in immer neuen Stromen. >>Ein Buch schreiben ist wie der erste Liebesrausch<<, sagt sie. >>Alles ist moglich, der Horizont ist endlos. Dann erkennt man: Dieses Buch kann nicht alles sein. Es kann nicht die ganze Welt umarmen.<<

END