STERN
In der Manege der Literatur
BÜCHER
AUGUST 1995
By PETER PRASCHL
Photographs by MARY ELLEN MARK

Geht aufs Ganze: Literatur-Maximalist Irving im Ringerdres Virtuoser Balanceakt entlang der Abgründe des Irrwitzes: Bestseller-Autor John Irving hat seinen jüngsten Roman »Zirkuskind« im Milieu indischer Clowns und Außenseiter angesiedelt

So, wie er hinter seinem Schreibtisch sitzt, in rote. Shorts und Ringerleibchen, einen Bleistift hinters linke Ohr geklemmt und von Familienfotos umstellt, wirkt er wie jemand, der sich vor der Welt verschanzt. Doch er tut es nur, um eine neue zu erschaffen. Jeden Morgen Punkt halb acht nimmt John Irving hier Platz, und ehe er das erste Mal auf die Uhr gesehen hat, ist es halb drei. Keine Zeit, die Postkartenidylle ringsum wahrzunehmen -. Vermont, satte Wiesen, sanfte Hügel, die Rasen vor den Hausern sehen aus wie von Nagelscheren gestutzt. Sein Job ist es, Geschichten zu erzählen, wirkliche Geschichten, in denen man sich verlaufen kann wie in einem Labyrinth, mit einer Handlung, die die aberwitzigsten Kapriolen schlägt, mit Helden und Schurken und am Ende sogar mit einer Moral. Geschichten wie damals, als er noch ein Kind war und nach der Schale nach Hause rannte, um sich sofort irgendeinen Schmöker zu greifen. »Es gab kein größeres Vergnügen«, sagt er, »als mich, mein ewig gleiches Selbst zu verlieren.« Noch heute, mit 53, kennt Irving keine stärkeren Glücksgefühle, als in seiner Imagination zu verschwinden. Aber nun verschafft er sie sich selbst, indem er Bücher schreibt, Bestseller wie »Garp«, »Hotel New Hampshire« oder »Owen Meany«.. Geht aufs Ganze: Uteratur-Maximalist Irving im RIngerdross Seinen jüngsten Roman »Zirkuskind« (Diogenes, 970 Seiten, 49 Mark) hat er dem Rotlicht einer Ampel in Toronto zu verdanken. »Da stand dieser Gentleman, der aus Indien zukommen schien. Ende fünfzig, bestens gekleidet, sehr kultiviert, sehr würdig. Und während in der Dämmerung sachte Schnee auf seinen Kopf fiel und er ins Leere starrte, erschien er mir mit einem Mal als der einsamste Mensch der Welt.«


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401T-574-011 Vor-Bilder: Zu seinem Roman lies sich Irving durch die Fotos anregen, die seine Freundin Mary Ellen Mark von indischen Artisten gemacht hat

Dieses Bild fiel Irving kurz nach Weihnachten 1988 an, und es ließ sich nicht wieder abschütteln. Was bloß mochte den Inder ins kalte Kanada verschlagen haben? Welche Erinnerungen pochten hinter seinen ziellosen Blicken? Wo wollte er hin - und wo über- haupt kann jemand hinwollen, den eine so verstörende Aura der Einsamkeit umgibt?

Als dann noch bei einem Wochenendbe- such eine Freundin, die Fotografin Mary Ellen Mark, Irving ihre Aufnahmen indischer Zirkusartisten zeigte, war es endgültig um ihn geschehen. Was wäre, wenn er den indischen Gentleman mit ihnen zusammenbrächte und sie zu Freunden werden ließe? Und so machte er sich daran, dem Fremden von der Straßenkreuzung, den er nur für ein paar Sekunden gesehen hatte, ein imaginäres Leben zu schenken, in einer monumentalen Kopfgeburt, deren Wehen ganze sechs Jahre dauerten.

Dr. Farrokh Daruwalla heißt der Mann nun in »Zirkuskind«, und er ist mit einer Biographie ausgestattet, die sich liest wie die Konstruktion einer Ein-Mann-Minderheit. Daruwalla wird in Indien als Parse geboren und geht zur Jesuiten-Schule, ehe er, noch vor der Unabhängigkeit, das Land verläßt, im besetzten Wien der Nachkriegsjahre studiert und heiratet, bis er sich schließlich als orthopädischer Chirurg in Toronto niederläßt..4 Vor-Bilder: Zu seinem Roman ließ sich Irving durch die Fotos anregen, die seine Freundin Mary Ellen Mark von Indischen Artisten gemacht hat

Em Zuhause kann er nirgendwo finden. In Toronto läuft er immer wieder durch das Spalier verhalten rassistischer Blicke, die ihn mustern, abschätzen, nicht gerade aussondern, aber auch nicht willkommen heißen. Nach Indien, dessen gleichgültiger Umgang mit dem Massenelend ihn abstößt und das ihn dennoch nicht losläßt, kehrt DaruwalIa nur alle paar Jahre zurück, um einige Monate in einer Klinik für verkrüppelte Kinder zu operieren. Und um Zirkus- zwergen Blut abzuzapfen nicht nur, weil er die genetische Ursache für ihre Kleinwüchsigkeit entdecken will, sondern weil er sich nirgendwo sowohl fühlt wie in der Gesellschaft dieser Clowns und Außenseiter.

Nebenbei geht DaruwalIa einer geheimgehaltenen Zweitkarriere nach: In seiner freien Zeit schreibt der gute Doktor die Drehbücher für eine schlechte Detektivfilm-Sene, die sich Folge für Folge neue Feinde macht - die korrupten Polizisten, die transsexuellen Nutten, die Glaubenseiferei der diversen Religionen, den ganzen Minderheitenkatalog eines Landes eben, das ohnehin nur' ein Patchwork von Mikrokosmen ist. Am Ende von Irvings fast tausend Seiten langem Roman hat der Doktor nicht nur ein zwanzig Jahre altes Verbrechen im HippieParadies Goa aufgeklärt und eine Nutten-Serienmörderin entlarvt, die vor ihrer Geschlechtsoperation ein frauenhassender Jüngling gewesen ist. Er hat auch Abschied vom Zirkus, vom Drehbuch- schreiben und von Indien genommen-und wenn auch keine neue Heimat, so immerhin eine Aufgabe als Sterbehelfer in einem Aids-Hospiz gefunden. Ein echter Irving also, verschlungen bis zur Unübersichtlichkeit, virtuos entlang der Abgründe des Irrwitzes balancierend und von den absonderlichsten Typen überbevölkert. Literarischer Maximalismus eben, der aufs Ganze geht. Nur so brüllkomisch, wie man es von ihm erwartet, ist »Zirkuskind« nicht. Keine burlesken Anzüglichkeiten, kein sexueller Slapstick wie in »Garp« und »Hotel New Hampshire«, die ihn berühmt machten. Noch nicht mal einer dieser wahnwitzigen Todesfälle wie in »Owen Meany«, wo der Titelheld die Mutter seines besten Freundes mit einem Baseballschlag zur Strecke bringt. Diesmal ist der Sex solide ehelich, die zarten Wonnen der Gewöhnung statt jugendlichem Ungestüm, und die Gewalt ist nur gewalttätig, unmißverständlich.


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Familien-Mensch: John Irving mit seiner Frau, der Literatur-agentin Janet Turnbull

Das Lachen ist Irving vergangen, als er Anfang 1990 für vier Wochen in Bombay war, um sich mit Lokalkolorit vollzusaugen. »Ich hatte schon die Handlung und die Personen exakt festgelegt und mußte nur noch die Details recherchieren«, erinnert er sich. »Deswegen bin ich mit einer Art Einkaufs-Familien-Mensch: John Irving mit seiner Frau, der Literaturagentin Janet Turubull liste in Bombay angekommen, und die war nicht gerade touristisch.« Tag für Tag trieb er sich in schäbigen Bordellen, Mordkommissariaten, Slums, den elenden Quartieren von Zirkusartisten und schlecht ausgestatteten Krankenhäusern herum. »Ich war ein Pferd mit Scheuklappen«, sagt er, »ich wollte nichts Schönes sehen, nur, was auch meinen Doktor beschäftigte.« Und wie seine Romanfigur hat sich auch Irving geschworen, nie wieder nach Indien zurückzukehren; er sagt es so, wie man früher von Südafrika sprach.

Für Irving ist sein Held eine Metapher für eine Zukunft, die nicht gerade gemütlich ausfallen wird. »Immer mehr werden so sein wie er. An einem Ort geboren, an einem anderen ausgebildet, danach irgendwohin verschlagen. Nirgendwo zu Hause, und überall läßt man sie es spüren.« Und er fügt bitter hinzu: »In den sechs Jahren, während derer ich am >Zir-kuskind< gearbeitet habe, um dem Leser einen Fremden zum Freund zu machen, ist Überall in der Welt der Rassismus immer nur schlimmer geworden. Während ich mich bemühte zu zeigen, wieviel wir von Menschen mit multikulturellen Biographien haben könnten, ist die ethnische Säuberung zur politischen Option geworden.« Mit Literatur, das weiß auch Irving, kann er kaum etwas dagegen ausrichten: »Humanistische Werte«, sagt er melanchonisch, »sind bloß noch für ein paar liberale Lehrer ein Ideal.«

Was tun also? Weiß auch nicht, sagt Irving. Er selbst kann ohnehin gar nicht anders als einfach weitermachen, weiterschreiben. Zum Beispiel seine Autobiographie abschließen, die den schönen Titel »An Imaginary Girifriend« trägt und in der er den Verfall des literarischen Lebens in den USA so bitter beklagt, wie er die Freuden des Familienlebens besingt. »Nichts Großes«, grinst Irving, »ich habe ja nichts erlebt. Einmal verheiratet, ge- schieden, noch mal verheiratet. Drei Söhne. Nichts habe ich mehr gehaßt als die Zeit, in der ich Single war. Ich liebe meine Frau und meine Kinder, ich liebe es, ihre Stimmen im Haus zu hören, während ich schreibe. Mein Leben ist großartig langweilig. Ich sitze den ganzen Tag zu Hause herum und schreibe Bücher. Das ist es im wesentlichen.«

END