Stern
Aufgetaucht aus der Vergangenheit
November 2005
Photographs by Mary Ellen Mark

Die Kindheit ohne 'later und ein sexueller 'vlissbrauch haben
Bestsellerautor JOHN IRVING
immervertolgt. Dann begann er, elnen Roman darUber zu schreiben und die
Wahrheit holte ihn
ein. Fast ware er daran zerbrochen


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Furseinen neuen Roman recherchierte John Irving, 63, auch in Tatowierstuben
- und lieB sich
selbst stechen Das Ahornblatt, Kanadas Nationalsymbol, ist em Liebesbeweis
an seine kanadische
Frau Janet

Das Ende, sag' John Irving, kommt immer zuerst. Die letzten Seiten seines
neuen Romans ,Until
I find you" hatte er schon vor sieben Jahren geschrieben - doch alles, was
noch da vor kommen
soilte, wurde schwieriger. Vie! schwieriger als bei semen anderen Buchern,
Welterfolgen wie
,Garp und wie er die Welt sah" oder,,Das Hotel New Hampshire' Immer wieder
musste er
abbrechen und das Manuskript auf dem Schreibtisch zurücklassen. ,Die Pausen
waren absolut
notwendig' sagt er. Wenn ich dieses Buch nicht ab und zu weggelegt hatte,
ware es mein direkter
Weg in die Depression gewesen."

WIE ER DA in seinem Arbeitszimmer sitzt, ist es fast so, a!s konnte man
ihm den Kraftakt noch
ansehen. Seine Jeans sind em bisschen sehr weit über das Poloshirt
hochgezogen. Fruher war
Irving Ringer, in der Amateurkiasse zwar, aber mit professionellem
Anspruch. Jetzt ist sein
athletischer Korper schmal geworden - 15 Kilo hat er abgenommen, eine Folge
der Ereignisse,
die das Entstehen seines neuen Romans begleitet haben.

,,Until I find you" ist am Ende em gewaltiges Buch geworden: sieben
Zentimeter dick, mehr als
800 Seiten stark. Der Roman, der im Sommer in den USA erschien und im
nachsten Fruhjahr
auf Deutsch herauskommen soil, erzahlt die Lebensgeschichte des vaterlosen
Jack Burns. Es ist
die Geschichte ether Suche nach dem verschwundenen Vater und nach sich
selbst. Es ist die
Geschichte von John Irving.

Der Roman soilte für ihn eine Art therapeutische Lebensbeichte werden.
,,Man reiht in jedem
Buch seine Dämonen auf wie Schiefbudenfiguren' sagt er, ,,und dann versucht
man, eine nach
der anderen abzuknallen." Die sexuellen Obsessionen, die uberstarken
Frauen, der abwesende
Vater - all das kennt man schon aus Irvings fruheren Romanen. Und sicher
hätte das mit dem
Abknallen der Dämonen auch dieses Ma! funktioniert

ware nicht plotzlich das wahre Leben in

die Fiktion eingebrochen. -
Im Dezember 2001 bekam er den Anruf eines Assistenten der Universität von
Iowa, an der John
Irving studiert und spater gelehrt hatte: ,Ich babe eben eine Stunde lang
mit einem Mann
telefoniert, der behauptet, Ihr Bruder zu sein. Und so viel kann ich sagen:
Er horte sich nicht an
wie em Spinner'

Gemeldet hatte sich Chris Blunt, em

Investmentbanker aus New York, der erzählte, dass sich sein Vater eines
Tages zu ihm gesetzt
und gesagt habe: ,Als ich in deinern Alter war, habe ich eine Frau
geschwangert. Ich habe das
Kind the gesehen' Das war's. Nun aber hatte Chris ein

Fernsehinterview gesehen, in dem Irving von seinem verschwundenen Vater
erzählt und semen
Geburtsnamen erwahnt hatte - John Wallace Blunt. Chris rechnete nach,
verglich Geburtsjahr
und —ort und ahnte: Der Schriftsteller John Irving musste dieser Halbbruder
sein.

Die beiden trafen sich. Irving erfuhr, dass er noch drei weitere
Halbgeschwister hat. Sein Vater
hatte viermal geheiratet und war 1996 mit 77 Jahren gestorben. Am Ende litt
er unter
schweren psychischen Problemen - genau wie der Vater von Irvings Romanfigur
Jack Burns.

Erstaunlich: Schon bevor er semen Halbbruder traf, hatte Irving den
verlorenen Vater als einen
psychisch kranken Mann konzipiert, verruckt, aber sympathisch. ,,Ohne
meinen Vater zu
kennen, hatte ich einen Mann erschaffen, der ibm glich' sagt der
Schriftsteller. ,Mein Vater war
rnanisch-depressiv und extrem schwermutig'

Irvings Leben begann sich immer starker mit seinem neuen Buch zu
vermischen. Und die
Dämonen der Kindheit drangen wieder an die Oberfläche. ,,Niemand hat je mit
Mir uber meineri
leibli
chen Vater gesprochen' sagt Irving. ,Das war kein Fehier meiner Mutter -
Trennungen wurden
Mir einfach nicht diskutiert. So war das damals. Abet ich habe Mir als Kind
ausgemalt, class
mein Vater em sehr schrecklicher Mensch sein mUsSe. Warum sonst hatte er
nicht einmal
nachgesehen, wie es Mir ging?" Als sein Stiefvater Cohn Irving ihn mit
sechs Jahren adoptierte
und seinen Namen von John Blunt in John Irving änderte, war er erleichtert.
,Endlich war ich
diesen Typen los, Uber den keiner reden woilte." Abet der Typ verschwand
nicht aus seinem
Kopf. Als Teenager bei den Ringermeisterschaften steilte Irving sich vor,
sein Vater säfe im
Publikum und beobachtete ihn.

Die Mutter brach ihr Schweigen erst, als John 39 jabre alt und gerade dabei
war, sich von
seiner ersten Frau scheiden zu lassen, inzwischen berUhmt dutch den Roman
,Garp und wie er
die Welt sah". Wie zufalhg vergaI seine Mutter ein Bündel Briefe auf dem
Kuchentisch, aus dem
jahr nach seiner Geburt- 1943.

ES WAREN BRIEFE seines Vaters, aus Indien und China, wo er als Pilot bei
der Luftwaffe
kampfte. ,Es ging darin nur urn eines: Wie leid es ibm tue, dass er nicht
mehr mit ihr
verheiratet sei, wie sehr er dennoch hoffe, eine Beziehung zu seinem Sohn
aufbauen zu können",
berichtet Irving. ,Meine Mutter hat es ihm nicht erlaubt. Ich will das gar
nicht bewerten, ich
babe nicht in ihrer Haut gesteckt, damals in den 40ern, in einer
amerikanischen Kleinstadt."

Was die Briefe schon intoniert hatten, konnte ihm seine neue Familie Mir
bestatigen: ,,Ich
weiss jetzt, dass meine Geschwister ihn geliebt und als guten Vater erlebt
haben. Das bedeutet
Mir viel."

Wenn der Erzähler seine Famiiengescbichte zusammenfasst in seinem
gepflegten Ostkusten-
Amerikanisch wird sein Redefluss fast zum Sprechgesang. Vor ihm auf dem
Schreibtisch lehnt
an der elektrischen Schreibmaschine eine Postkarte mit dem Spruch,,Nicht
mal einem Tier mag
man das Leben zumuten" Kurt Vonnegut, der gro& alte Mann des US-Romans und
Irvings
Lehrer, hat sie ihm geschickt.

Der Satz konnte von Irving selbst stammen, der in semen Buchern immer
wieder Au1enseiter
zu Helden macht. RegelmalMg brechen Uber seine Charaktere Katastrophen
herein, deren
Ausma1 sie kaum begreifen. So auch über Jack Burns: Als Zehnjahriger wird
er von einer 4

Die eigenen Kinder sollen elne unbeschwerte Kindheit haben: John Irving mit
seinem ältesten
Sohn Cohn (I.), Schwiegertochter Heather, seiner zweiten Ehefrau Janet und
dem gemeinsamen
Sohn Everett. Unten: Irvings Vater Lieutenant John WaVace Blunt (Kreis) mit
Fhiegerkameraden imAugust l943im chinesischen Kunming
ziemlich gewichtigen portugiesischen Kickboxerin verführt, die ihn immer
wieder dazu bringt,
mit ihr zu schiafen - obwohi er gar nicht will.

SOLCH BIZARRE SEXUALITAT gehorte schon immer zu Irvings Inventar. Doch Jack
Burns ist
auch in dieser Hinsicht Irvings Alter Ego. Der Sex mit einer vie! Alteren
ist die zweite
autobiograflsche Enthullung des neuen Romans.

,,Ich war elf Jahre alt' sagt Irving ruhig, ,,als ich Sex mit einer alteren
Frau hatte. Sie war
damals Anfang 20, eine Frau, der alle Erwachsenen in meiner Famiie
vertrauten. Ich war so
jung, dass ich noch nicht einmal begriff, dass das, was wir taten, Sex war.
She fuhrte, und ich
folgte. Wir hatten em gemeinsames Geheimnis.

Niemals hatte ich das Wort Missbrauch benutzt. Ich schwarmte für die Frau.
Und ich glaubte,
dass she das Kind John anbetete. In den Sommern 1953 und 1954 passierte es
immer wieder.
Und als es authOrte, verrnisste ich sie. Ich wusste nicht, wie sehr ich
missbraucht worden war,
bis ich alt genug war, um Sex mit einem Madchen meines Alters zu haben. Da
babe ich begriffen:
Oh, das ist nicht das erste Mal. Das war es damals also."

Irving hat lange daruber geschwiegen. ,,Ich habe es meiner ersten Frau
nicht erzählt. Erst mit
Janet habe ich daruber gesprochen' sagt Irving und meint seine jetzige,
zweite Frau, mit der er
den 14jahrigen Sohn Everett hat. Die beiden SObne aus erster Ehe, Cohn und
Brendan, sind lange
aus dem Haus. ,Aber als

meine Sohne zehn oder elf wurden, habe ich she gewarnt. Ich sagte ihnen: Da
ist etwas, das ihr
wissen sohlt. Es konnte passieren. Ihr mUsst euch daruber im Klaren sein,
dass es
Auswirkungen auf euch haben wird, wenn eine Frau sich euch so nähert.
Selbst wenn ihr es
eigentlich ganz nett findet."

,,Die Folgen des Missbrauchs bemerkt man erst später' fährt Irving fort,
,wenn man plOtzlich
vie! ältere Frauen attraktiv findet und noch nicht mal weif, warurn. Ich
war an den MUttern
meiner Freundinnen meist mehr interessiert als an den Freundinnen selbst.
Ich wusste, dass
das nicht richtig war. Und so glaubte ich, these Gefuhle kärnen von den
schlechten Genen meines
Vaters."

Wenn eine ältere Frau versuchte, etwas mit ihm anzufangen, konnte er nicht
widerstehen - und
das sei Ofter passiert, als er zugeben mochte. Dann sagt er lange nichts.
,Es hat meine
Teenagerjahre bestimmt. Und es blieb pragend, bis ich Ende 20 war." Also
auch, nachdem er mit
22 Jahren das erste Ma! geheiratet hatte.

Irving steht auf, urn nach dem Lachs zu schauen, den er in der Kuche
mariert Aber bevor er den
Raum verlässt, reicht er eim Exemplar von ,Until I find you" herUber. Seine
Lieblingspassagen
sind mit Eselsohren markiert, in einer ist von einer,verlorenen Kindheit"
die Rede. Irving
kehrt zuruck, in der Hand alte Fotos.

1ST IHM DIE KINDHEIT gestohlen worden? ,,Ich denke schon' sagt er und zeigt
ein graues Foto:
,Um Ihnen einen Emdruck zu geben." Das verblichene Foto aus dem Jahr 1954
zeigt eine
Baseballmannschaft, Irving sitzt in der vorderen Reihe, eim pummehiger
Zwolahriger.
,,Stellen She sich theses Kind eiri Jahr jünger vor. Da hatte ich these
Erfahrungen schon hinter
mir."

Etwas spater fährt John Irving vom Huge! seines Grundstucks hinunter, urn
den Sohn Everett
vom Friseur abzuholen. eim hoflicher 14-Jabriger mit hoher Stimme und
dichten dunklen
Haaren. Everett hat noch nicht viele Bucher seines Vaters gelesen. Aber
,Until I find you" ist
ibm gewidmet: ,,In der Hoffnung, dass du, wenn du dies liest, eine ideale
Kindheit gehabt haben
wirst (oder noch mittendrin steckst) - so unterschiedlich von der bier
beschriebenen, wie man
es sich

uberhaupt vorstehlen kann." GREGORY KIR5cHLING MITARBEIT: ANDREA RITTER

,,Man muss auf eine Geschichte zugehen wie auf einen Gegner", hat der
begeisterte Ringer John
Irving - hier in seinem privaten Fitnessstudio - mal gesagt. Dieses Mal
hätte er sich fast
verhoben

,,Da hatte ich these Erfahrungen schon hinter mir": der zwolfjahrige John
(Kreis) 1954 mit
seiner Baseballmannschaft, den Dodgers, die in der ,,Little League" in
Irvings Geburtsort
Exeter, New Hampshire, spielten

END