SUDDEUTSCHE ZEITUNG MAGAZIN

30 JAHRE HAIR. SEITDEM KONNEN WIR VON HAAREN EIN LIED SINGEN.
APRIL 30, 1998
By BERTRAM JOB
Photographs by MARY ELLEN MARK

ÈIch verdiene mein Geld nicht mehr mit meiner Frisur.

Sorry, Marsha Hunt, aber das ist alles, was wir von Ihnen wu§ten.


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SZ-Magazin: Sie haben noch immer eine erstaunliche Haarpracht.

Marsha Hunt Ehrlich gesagt, mache ich mir Ÿber meine Haare heute Ÿberhaupt keine Gedanken mehr. Normalerweise kŠmme ich sie in zwei dicke BŸndel, um sie aus dem Weg zu haben. Mein Beruf ist das Schreiben, nicht mehr meine Frisur.

Stimmt es, da§ Ihr sogenannter Afro ein Zufallsprodukt war, weil Sie im Regen auf einen Termin zum Vorsprechen fŸr das Londoner Hair-Ensemble warten mu§ten?

Ja, genau. Als ich schlie§lich auf der BŸhne stand und vorsprach, sagten die: ÈWenn du die Haare so lŠ§t, bekommst du die Rolle.Ç Dabei fand ich mich damit gar nicht besonders attraktiv.

Haben Sie diese Frisur erfunden?

Nein, die gab es schon vorher, und man nannte sie eigentlich nicht Afro-Look, sondern The Natural. Dieser Look war von den Schwarzen auch politisch gemeint; wir wollten nicht lŠnger krampfhaft versuchen, unsere Haare zu glŠtten.

Wie kommt es, da§ in der Erinnerung eigentlich nur Sie mit dieser Frisur identifiziert werden - und nicht Billie Jean King die Tennisspielerin, oder die BŸrgerrechtlerin Angela Davis?

Keine Ahnung. Man hat mich mit diesem Kopf voller Haare ins Wachsfigurenmuseum von Madame Tussaud gesteckt, gleich neben Twiggy. Und ich fŸhle mich geehrt, da§ ich fŸr eine bestimmte Modeepoche in London stehe. Aber da soll meine Vergangenheit bitte auch bleiben - im Wachsfigurenkabinett. Wollen wir jetzt die ganze Zeit Ÿber meine Haare reden und Ÿber alte Geschichten? Ich habe schlie§lich weitergearbeitet und mir eine Karriere als Schauspielerin und Schriftstellerin aufgebaut. Ich denke Ÿberhaupt nicht mehr darŸber nach, wer ich vor drei§ig Jahren war. Ich glaube sogar, da§ das ungesund fŸr mich wŠre.

Dennoch hat die OberflŠche der Dinge ihre eigene Geschichte. Ihre Akt- und Modeaufnahmen haben dazu beigetragen, Schwarze populŠr zu machen - Jahre, bevor sie mit Tyra Banks, Naomi Campbell und anderen selbstverstŠndlich wurde. Waren Sie das erste weltweit akzeptierte schwarze Photomodell?

Zu der Zeit, als die Photos entstanden, war ein schwarzes Photomodell sicher bahnbrechend. Dazu kam, da§ ich mit meiner Rolle in Hair bereits in einer sehr erfolgreichen Show war und dann beginnen konnte, eigene Platten zu veršffentlichen. Ich war also nicht nur Model, sondern auch SŠngerin.

Eines Ihrer Aktphotos mit der Afro-Frisur wurde Anfang der Siebziger zu einem der meistverkauften Poster in Deutschland. Haben Sie auch etwas davon gehabt?

Ein Poster? Sind Sie sicher, da§ ich das war? Genauso sicher, wie Sie damals in dem legendŠren Afri-Cola-Spot von Charles Wilp auftauchten.

Ja, der entstand in DŸsseldorf. Charles trug stŠndig diesen orangefarbenen Overall. Aber nein, von irgendwelchen Photos habe ich definitiv nichts gehabt. Ich wei§ nicht, wohin da Geld geflossen ist. Irgendwann machten sie sogar mal Puppen, die so aussahen wie ich, und stellten sie in die LŠden. Auch dafŸr habe ich nie Geld gekriegt. Man kann seinen Namen schŸtzen lassen, aber nicht sein Image.

Stimmt es, da§ die ÈDionneÇ nicht mal eine der grš§eren Rollen in der Londoner HairInszenierung war?

Sie war klein, ganz klein. Ich fiel nur auf, weil ich anders aussah und viel mehr Haare hatte als die anderen. Genauso ist es heute mit den Spice Girls: Die Schwarze merkt man sich wahrscheinlich schneller als die vier anderen.

Dieses Engagement. mit dem Sie bis heute identifiziert werden, dauerte nicht einmal ein Jahr, richtig?

Sechs Monate. Es war irgendwie absurd: Die anderen hatten die gro§en Rollen, fŸr die sie Beachtung verdienten, und ich bekam mit meiner Minirolle die ganze Aufmerksamkeit. Aber man kann die Medien nicht darin beeinflussen, wie und warum sie sich auf wen oder was einschie§en. Die Medien sind der grš§te Fabrikant von Images und Schšnheitsidealen.

Warum sind Sie von dieser Fabrik nicht verschluckt worden?

Wir alle haben unsere SchwŠchen und Eitelkeiten. Viele Menschen haben ein Look-atme-Monster in sich. Die mŸssen immer im Licht stehen. Ich hatte diese Sucht nie, fŸr mich war die Show nur ein Arbeitsplatz. Ich fand ihn interessant und habe alles gut beobachtet. Aber ich ging darin nicht auf.

Dann war Ihre Rolle in Hair auch kein selbstloser Beitrag zu der Kulturrevolution, von der die Hippies trŠumten?

Es waren ein paar gute Zahltage. Diese ganze Epoche ist so stark trivialisiert worden... Hair ist ja eigentlich ein Anti-KriegsstŸck mit einem jungen Mann als Hauptfigur, der seinen Einberufungsbescheid verbrennt, am Ende aber doch ins Feld ziehen mu§ und stirbt. Daran kann sich heute kein Mensch mehr erinnern. Woran. man sich erinnert, ist ein Haufen bunter Leute, die Let the Sunshine In singen und sich ausziehen. Das ist alles, was die Medien davon Ÿbriggelassen haben: Foildore.

lind nun leben Sie zurŸckgezogen in diesem lautlosen Haus, umgeben von HŸgeln und WŠldern. Ist das der Endpunkt Ihrer Entwicklung seit den Tagen des Swinging London?

Meine Umgebung hatte immer mit meiner Arbeit zu tun. Als ich mit knapp zwei Dollar in der Tasche nach London kam, war ich eine Berkeley-Studentin, die ein bi§chen kellnern und dabei Europa sehen wollte, um danach wieder an die Uni zu gehen. Dann kam der Erfolg mit Hair, der mir plštzlich unwiderstehliche Angebote einbrachte. DafŸr mu§te ich im Zentrum des Ganzen sein. Als ich spŠter hauptsŠchlich als Schauspielerin arbeitete, war es schon einfacher" mich zu distanzieren. Und jetzt, als Schrift-, stellerin, habe ich einen wundervollen Partner, ein gro§es Arbeitszimmer und sechs. Hektar Land. Ich kann ohne Furcht auf die Berge steigen, und ich schreibe jeden. Tag. DafŸr braucht man seine Ruhe. Ich habe in Frankreich einen zweiten Wohnsitz, der sogar noch abgelegener ist.

Ist Schreiben Ihr alleiniges Ausdrucksmittel geworden?

Ich wei§ nicht recht. Ich habe gerade meinen dritten Roman geschrieben, also mein fŸnftes Buch. Au§erdem habe ich inzwischen ein Kinderbuch gemacht und mit der BŸhnenfassung von Free, meinem zweiten Buch, begonnen. Aber bringe ich Ÿberhaupt die richtige Persšnlichkeit fŸrs Schreiben mit? Ich liebe die Ruhe, aber manchmal... Einmal habe ich hier aus dem Fenster auf die BŠume geschaut und mir eingebildet, da stŸnden zwei MŠnner. Ich dachte: È0 nein, wie kommen die denn hierher?Ç Es waren aber nur zwei Ziegenbšcke. Die haben wir dann eine Zeitlang behalten.

Woher kam der Ansto§, eines Tages eine Autobiographie zu schreiben?

Ein englischer Autor, Andrew Motion, hat mich mal zu einer Biographie Ÿber einen verstorbenen Freund befragt. Er fand, da§ ich interessante Dinge Ÿber die sechziger Jahre erzŠhlen konnte und die Art, wie das Rock -'n'-Roll-GeschŠft damals lief. Zwei Jahre spŠter wurde er Herausgeber bei einem gro§en Verlag und fragte mich: ÈWillst du jetzt nicht deine Autobiographie schreiben?Ç Zuerst sagte ich: ÈNein. †ber mein Leben haben schon genug andere Leute. Wer vor drei§ig Jahren hip sein wollte, mu§te aussehen wie Marsha Hunt. Eine Nebenrolle im Londoner Hair-Ensemble machte sie und ihren Stil berŸhmt. In den Zeiten der freien Liebe hatte sie eine kurze AffŠre mit Mick Jagger, an die sich die 49jŠhrige (Photo) immer wieder erinnert: die ge-meinsame Tochter Karis wird bald 30. Nach der Karriere als SŠngerin, Afri-Cola-Model und Schauspielerin verlegte sich Marsha Hunt ganz aufs Schreiben.

Unsinn verbreitet.Ç Dann aber machte ich mir klar, da§ die Geschichte einer jungen Schwarzen, die nach London geht, eine Nebenrolle in einem Musical bekommt und daraufhin zu einer internationalen Ikone wird, ziemlich au§ergewšhnlich ist und den Geist der Zeit widerspiegelt. Damals, 1984, empfanden viele schon nostalgische GefŸhle fŸr diese Epoche, in der ich im Mittelpunkt gestanden hatte. Auch wenn ich Ihnen jetzt wahrscheinlich konservativer vorkomme, als Sie es erwartet haben. Also habe ich alles Ÿber diese Zeit aufgeschrieben.

Immerhin zeigt Ihre Biographie Real Life einen Mick Jagger, der sich, geizig wie Onkel Dagobert, jahrelang um jede finanzielle UnterstŸtzung fŸr

Ihre gemeinsame Tochter Karis herumzudrŸcken versucht. Haben sich die Prominenten, die in Ihrer Autobiographie vorkommen, je Ÿber solche Passagen beschwert?

Ich war noch sehr gnŠdig mit den Lebenden. Auch Mick wei§ das. Wer immer dabei nicht gut abschneidet - seien Sie versichert: Er hŠtte noch viel, viel schlechter abschneiden kšnnen.

Und danach sagten Sie sich, da§ Sie fŸr den Rest Ihres Lebens weiter BŸcher
schreiben wollen?

Um Gottes willen, nein! Ich dachte: Das ist ja schrecklich, das tust du me wieder! Mir fiel das Schreiben schwer, und ich finde nicht, da§ es mir in der Autobiographie richtig gelungen ist. Finden Sie das Buch nicht langweilig? Seien Sie ehrlich!

Es enthŠlt immerhin den besten Satz Ÿber die sogenannte Flower-powerHipness:
ÇTo be weird was to be wonderful.Ç Auf deutsch in etwa: VerrŸckt zu sein hie§, toll zu sein.
Na, na, na. Inzwischen habe ich drei weitere BŸcher geschrieben, und ich glaube, da sind mir auch ein paar gute SŠtze gelungen. In der Autobiographie war ich ja noch ein wenig zurŸckhaltend mit meinem Ausdruck.

Wie haben Sie Ihre SchŸchternheit Ÿberwunden?

Stellen Sie sich einfach mal diesen Schock vor: Sie haben eine Autobiographie geschrieben und meinen, Ihre eigene Geschichte und die Ihrer Familie zu kennen sechs Jahre spŠter stolpern Sie Ÿber eine Gro§mutter, die Sie fŸr tot hielten und die mehr als fŸnfzig Jahre in einer psychiatrischen Anstalt verbracht hat. †ber diese erschreckenden VorgŠnge in meiner Familie habe ich dann mit Repossessing Ernestine eine Art Fortsetzung von Real Life geschrieben. Ich denke, da§ ich mit der Arbeit an meinem zweiten Buch gelernt habe, gute SŠtze zu schreiben.

Was sagten die Kritiker zu Ihrem ersten Roman?

Als Joy veršffentlicht wurde, kamen zunŠchst všllig Ÿberraschte Kommentare wie ÈDas ist ja Literatur!Ç. Die hielten mich fŸr ein ausrangiertes Bimbo-Modell, von dem man ein bi§chen Schund zum Thema Rock 'n' Roll erwartet. Inzwischen ist das Buch in den USA in der achten Auflage. Aber ich bin keine Bestsellerautorin, die bequem vom Schreiben leben kšnnte. Was wohl auch daran liegt, da§ in Deutschland nicht mal meine Autobiographie erschienen ist.

Immerhin werden Sie inzwischen mit Schriftstellerinnen wie Toni Morrison und Alice Walker auf eine Stufe gestellt.

Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich diesen Vergleich schon gelesen habe. Es ist immer das gleiche Spiel: Kategorien bilden. Ja, ich bin auch schwarz und weiblich, aber was noch? Schon Toni Morrison und Alice Walker sind so verschieden in ihrem Stil, da§ es em Witz ist, sie in einem Atemzug zu nennen. Ich wŸrde es vorziehen, einmal mit jemandem wie Elmore Leonard oder Richard Ford verglichen zu werden.

Kšnnen Sie sich vorstellen, eines Tages wieder als Musikerin aufzutreten?

Nicht in dem Sinne, da§ ich noch einmal mit einer Band durchs Land ziehe. Ich bin weiter von Musik umgeben und habe Spa§ daran zu singen. Aber hey! Vergessen Sie nicht, da§ ich ein gutes StŸck Šlter bin als Sie! Haben Sie bemerkt, wie ich ausgeflippt bin, als wir von Literatur sprachen? Sehen Sie, so steht es wirklich um mich: Das Aufregendste fŸr mich sind jetzt die Wšrter.

END