TEMPO
SEX & HOPP
May 5, 1991
Eine Reportage von Christian E. Kracht
Mit Fotos von Mary Ellen Mark

Einmal in Jahr fallen 400 000 Studenten aus ganz Nordamerika in Florida ein. In Daytona Beach feiern sie die größte Party der Welt und pfeifen vier Wochen lang beim Spring Break auf die amerikanische Moral.


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Enttäuscht nach ihrem großen Auftritt: Pam, Sharon und Kelly aus Michigan hatten beim Wet-T-Shirt Contest nicht den Hauch einer Chance.


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Richard Ken, Anthony, Luis und Patrick aus Hamilton in Kanada versackten im „Thunderbird Motel“. Ihre Bilanz nach fünf Tagen Spring Break: 600 leere Dosen Bier, acht Liter pro Mann und Tag.


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Ab zwei Uhrnachmittags steigen vor den Strandhotels immer die Wet-T-Shirt-Contests. Für die schönsten Brüste gibt es 100 Dollar. Manche Mädchen haben sich so mit ihrer Oberweite den Spring Break finanziert.

„Okay, das Wasser ist verdamnt kalt, aber wenn du gewinnen willst, brauchst du Nippel, so groß wie gefrorene Himbeeren.“
Donna, 22, University of Florida.


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Zeig uns deinen Hintern, und wir sagen dir, ob er was taugt. Spring Break heißt auch: vier Wochen Verarschung total.


215H-114-018 Wenn die letzte Bar schließt, geht es in den Hotels zur Sache: Party, Party! Gegrapscht wird in den Zimmern, gebumst wird später auf dem Klo.

„Ey, will’s mal jemand mit meiner Freundin machen? Cathy bumst wie ein Monster!“
Mike, 21, Indiana University


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Schnell in den Suff, ohne zu schlucken: Beim Bongen schießt ein Liter Bier mit Hochdruck in drei Sekunden direkt in den Magen. Der Hit für jede Party, das Ende für jedes Hotelzimmer.

Marie ist immer noch betrunken. Sie liegt auf einem Bett in einem schmuddeligen Hotelzimmer. Sie hat Schmerzen. Es riecht säuerlich nach erbrochenem Bier und süßlich nach Blut. Ihre Kotze, ihr Blut. Marie ist vor einer Stunde von drei jungen Männern vergewaltigt worden. Nachdem sie fertig waren, sind sie schnell verschwunden. Einer hat ihr hinterher, eher schüchtern, ein Budweiser‑Badetuch zwischen die Beine gelegt.

Eine Stunde liegt sie schon da, nicht fähig, das Telefon abzuheben, um Hilfe zu rufen oder aufzustehen. Zweimal hat sie sich seitdem übergeben, einmal rechts von ihrem Kopf, einmal links. Es ist Abend. Draußen, an der Strandpromenade, etwas weiter die Küste hinunter, gibt Vanilla Ice ein Konzert. Die Musik dringt durch das offene Schiebefenster ins Zimmer. "Ice, Ice, Baby", klingt der Refrain, und die Baßtrommel hämmert in Maries Kopf.

Marie hatte die Reise nach Daytona Beach in einem Preisausschreiben der Firma Budweiser gewonnen. Alles inklusive: Hin-und Rückflug, eine Woche Aufenthalt in einem Hotel, Badetücher, Strandschuhe, Luftmatratze, T‑Shirt, Umhängetasche, alles von Budweiser. Marie sah gut aus, und sie wußte es. Sie hatte eine schwarze Radfahrerhose an und trug ihre Haare offen. Sie war stolz auf ihre Figur und darauf, daß sie es geschafft hatte, sich vier Dosen Bier hintereinander durch ei­nen Schlauch in die Kehle kippen zu lassen. Ohne kotzen zu müssen. Es machte Spaß, radikal zu sein, exzessiv und völlig ausgelassen. Partys sind geil.

Marie liegt immer noch auf dem Bett, ohne sich zu rühren. Noch eine Stunde vergeht, bevor ihre Freundin kommt, um sie zum Abendessen abzuholen. Dann geht alles ganz schnell. Die Sanitäter und die Polizei sind rasch zur Stelle. Marie wird auf eine Bahre gelegt und behutsam die Feuertreppe hinuntergetragen, vorbei an betrunkenen Jugendlichen. Alle setzen ihre Bierdosen ab und starren auf die junge Frau, die zum Krankenwagen getragen wird. Einer sagt, da habe sich wohl wieder jemand zu Tode gesoffen. Verschämtes Lachen, und die Party geht weiter.

Unten auf der Straße stehen Steve, sein Hund und seine Freundin Dawn. Sie sehen hinauf zum ersten Stock. Auf dem Balkon drängen sich 20 Leute, die in das Hotelzimmer hineinwollen. Steve und Dawn tragen riesige Mülltüten über ihren Schultern. Beide sind barfuß, Dawn trägt ein indianisches Stirnband in ihren langen blonden Haaren und Steve ein völlig verfilztes Batik T‑Shirt. Los jetzt. Sie steigen die Betontreppen hoch zum Balkon. Auf der Treppe finden sie die ersten Bierdosen: Miller Light, Coors, Milwaukee's Best, Budweiser. Steve zertritt die erste, hebt sie auf und wirft sie in seinen Müllsack. Jede Bierdose bringt fünf Cent. Plattgetreten passen mehr in den Sack. Früher haben Steves Füße jeden Abend geblutet, jetzt hat er Hornhaut.

Steve und Dawn leben in einem alten zweistöckigen Holzhaus in Daytona Beach. Dort haben sie ein großes, helles Zimmer mit zwei aneinandergelegten Matratzen, zwei Stühlen und einer Couch. Über der Couch hängt ein großes Poster. Das Bild zeigt einen Soldaten, der im Spanischen Bürgerkrieg erschossen wird. Beide Arme sind hochgeworfen, das Gewehr schwebt in der Luft, der Soldat sieht erstaunt darüber aus, daß er gerade stirbt. Über seinem Kopf steht in großen schwarzen Buchstaben das Wort „Why?". Auf ihrem letzten Trip haben Steve und' Dawn mit Buntstiften wirre und krakelige Blumen an den Rand des Posters gemalt.

Im Haus wohnen noch acht andere Leute. Die Miete für das Haus beträgt im Monat 400 Dollar. Das macht, durch zehn geteilt, 40 Dollar für jeden. Durch Bierdosensammeln verdienen Steve und Dawn am Abend je 50 Dollar.

Steve, Dawn und der Hund betreten den Balkon. Die Studenten sind zu betrunken, um die beiden zu bemerken. Auf dem Bett tanzt eine junge Frau. Sie hat ihr T‑Shirt und ihren BH ausgezogen und ist so betrunken, daß sie dauernd umfällt. Ein Student läßt vor Steve eine leere Dose Coors fallen, um zu sehen, ob er sie aufhebt. Steve tritt drauf, bückt sich und wirft sie in seinen Müllsack. In zehn Minuten fast 300 Bierdosen. Nicht schlecht, denkt Steve. Beim Rausgehen fällt jemand über den Hund.

Dawn kommt aus Louisiana. Sie hat Steve an der texanischen Golfküste in Corpus Christi kennengelernt. Das war vor vier Jahren. Zusammen sind sie in einem alten VW‑Bus durch die Südstaaten gedriftet. In Florida hat der Wagen seinen Geist aufgegeben, und sie sind dageblieben, wo der Wagen stehenblieb: in Daytona Beach. Bierdosen sammeln sie seit drei Jahren an jedem Spring Break. In einem Monat verdienen sie sich die Miete für ein ganzes Jahr. Über die Zukunft denken sie nicht nach. Die Sonne scheint, und der Winter ist nicht kalt. Dawn ist 27, Steve 28 Jahre alt. Sie haben Freunde gefunden und wollen erst einmal bleiben. Ab und zu kommen die Grateful Dead, auf Tour durch die Südstaaten. Dann machen Steve und Dawn Ferien. Sie trampen der Band von einem Auftrittsort zum nächsten hinterher. Irgendwann einmal wollen sie Kinder haben. Als Dawn das sagt, leuchten ihre wasserblauen Augen.


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Manche sind zu alt, wie Joe, der Bodybuilder aus Orlando.


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Manche sind zu rechts, wie Brandon, der Skin aus Daytona Beach. Randgruppen sind beim Spring Break nicht erwünscht.


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Roy aus Philadelphia hat ein anderes Problem: Er feierte zu laut - für einen Schwarzen.

Kathleen ist 76. Hier in Daytona Beach wird sie sterben. So wie ihr Mann, der vor zwei Jahren über seinem Shuffleboardschläger zusammengebrochen ist. Shuffleboard spielen hier unten die Alten. Ein nutzloses Spiel, bei dem Plastikscheiben mit einem Schläger über ein Nummernfeld geschoben werden. Kathleen spielt nie. Es gibt ihr das Gefühl, schon furchtbar alt zu sein. Nur Dahinsiechende spielen Shuffleboard. Nur solche, die schon aufgegeben haben.

Wenn die Studenten kommen, spielt sowieso niemand. Die Alten verstecken sich in ihren Wohnungen, sehen nachts, wenn sie nicht schlafen können, durch die Jalousien auf die Straße und schütteln den Kopf. Der Lärm nachts ist nicht auszuhalten. Hip Hop wummert aus 1000 Autos durch die Stadt. Es wird geschrien und gekreischt, Betrunkene ziehen zu Tausenden durch die Straßen, auf der Suche nach Partys. Oft bis morgens um sieben.

Der Spring Break ist wie eine Heuschrekkenplage. 400 000 Studenten sollen diesmal gekommen sein, getrieben von Sex und Bier. Jedes Jahr dasselbe, seit Kathleen hier ist.

Kathleen ist vor elf Jahren nach Florida gezogen. Eigentlich gezogen worden. Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn haben ihr in Daytona Beach ein Condominium gekauft, ein Apartment in einem großen Wohnhaus.

Florida ist das Altersheim des weißen Amerikas. Hierher werden die Großeltern abgeschoben, wenn die Familie nicht mehr weiß, wohin mit ihnen. Das Wetter ist immer schön, die Luft gesund und das Meer türkisblau. So lassen sich die letzten zehn, 20 Jahre im Leben aushalten.

Kathleen haßt die Studenten nicht. In einem Monat wird alles vorbei sein, und danach vergißt sie, daß die Studenten in einem Jahr wiederkommen. Wenn sie weg sind, ist alles ruhig hier. Keine Polizeisirenen, kein Geschrei, keine Bierdosen. Abends nur das einschläfernde Geräusch der Brandung, der Wind in den Palmen und ab und zu ein warmes Sommergewitter.

»Eigentlich liebe ich diesen Ort", sagt Kathleen und sieht auf die braunen Altersflecken auf ihrer Hand. Sie lächelt, und es ist ein Lächeln, so schön, so alt und so häßlich wie Amerika.

END