TEMPO
GROß. STARK. WILD.
Januar 1994
Von Paul Solotaroff und Mary Ellen Mark (Fotos)

Stationen eines Selbstdarstellers: Gigant. Mr. Universum. Phantom Bodybuilder. Steroid-Depot. Chemische Bombe auf zwei Beinen. Dann der Zusammenbruch: Autounfall. Beinlähmung. Leberzysten. Intensivstation. Impotenz. Entgiftung.
Paul Solotaroff über die Karriere des Steve Michalik.


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Steve Michalik war ein Gigant. Mr. Universum. König der Bodybuilder.
Abgefüllt bis zur Halsmuskelkrause mit Steroiden. Eine chemische Bombe auf zwei Beinen.
Wie er zum Wrack wurde, alles verlor und sich selbst auch, erzählt er hier. Eine Geschichte für alle, die in Fitne1-Centern jeden Preis bezahlen, um den Körper zu stählen. Gott sei ihnen gnädig.


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Meine Oberschenkel waren so groß wie die eines Bären.“ Steve Michalik, 46, mit Freundin am Strand von Long Island.

Sein Brustumfang betrug einen Meter fünfzig, sein Armumfang 58 Zentimeter, und wenn das Anadrol und das Bolasteron sich in seinem Blut trafen, wurden seine Augen so rot wie die Laser-Zieleinrichtung einer Uzi. Er warf Menschen durch Fenster und jagte Autofahrer wie ein Verrückter, wenn sie die Frechheit besessen hatten, ihn zu schneiden. Und die Unglücklichen, die ihn beim Trainieren in seinem eigenen Fitneß-Center beobachtet hatten, wachten gewöhnlich blutend auf der Straße wieder auf. Halb verrückt von Androgenen und Pferde-Steroiden, war er der Meinung, daß Zuschauer ihn seiner Energie beraubten, 900 Kilo mit den Beinen zu stemmen.

Steve Michalik. Mr. America und Mr. Universum, hatte nur noch zwei Ziele. Er wollte am 15. November 1986 bei der "Night of Champions" der professionellen Bodybuilder im Beacon Theater in New York auf die Bühne gehen und den Laden mit seinen 118 Kilo zerrissener, entblößter und vakuumversiegelter Muskeln auf den Kopf stellen. Und dann wollte er sterben, vor allen Leuten, im Licht der blitzenden Scheinwerfer, tot umfallen, gigantisch und steif, 39 Jahre alt, und eine spektakuläre Leiche hinterlassen.

"Ich wußte, daß für mich alles vorbei war", sagt Michalik. "Alle Systeme meines Körpers waren hinüber, meine Hoden zur Größe von Knabbernüssen geschrumpft. Die Frage war nur noch, welches Organ als erstes explodieren würde. Ich hatte so viele Widerwärtigkeiten in mir von all den Medikamenten, die ich nahm, daß ich abends nach Hause ging und Gott fragte, warum er mich noch nicht getötet hatte. Und im nächsten Atemzug sagte ich: 'Bitte, ich weiß, ich habe eine Menge furchtbarer Dinge getan Steroide an Kinder verkauft, Fremden die Scheiße aus dem Leib geprügelt - aber, bitte, laß mich nicht wie ein Arschloch den Löffel abgeben, lieber Gott. Bitte laß mich sterben, wenn ich im Beacon die letzte Pose einnehme und mir das Publikum stehend Beifall klatscht.'"

Michalik hätte seine Gebete besser an einen Leberspezialisten gerichtet.

Zwei Wochen vor der Show wachte er morgens um vier zu Hause mit einem unerträglichen Schmerz unterhalb des Brustkorbs auf. Seine Frau Thomasina, seit langem vertraut mit solchen Notfällen, lief los, um Eis zu holen.

"Vergiß das Eis", stöhnte er. "Ruf Doktor Ludwig an."

"Bringen Sie ihn lieber, so schnell Sie können, ins New York Hospital", sagte Ludwig zu Michaliks Frau am Telefon. "Die haben den besten Leberspezialisten. Ich erwarte Sie in einer Stunde in seinem Büro."

Der Leberspezialist, ein brüsker Puritaner, der über Michaliks Steroidkonsum informiert war, rief Steve in sein Büro.

"Sehen Sie das?" fragte er und zeigte auf die Ultraschallaufnahme, die man nach der Einlieferung von Michaliks Leber hergestellt hatte. Er machte sich nicht die Mühe, ein verächtliches Grinsen zu unterdrücken. "Das ist von Ihrer Leber übrig, Mr. Michalik. Und das hier" - er deutete auf vier Klumpen darin, einer davon so groß wie eine reife Grapefruit - "das sind Lebertumoren. Sie haben Leberkrebs in fortgeschrittenem Stadium, Sir."

"Tatsächlich?" grinste Michalik und hätte sich fast vor Freude selbst umarmt. "Was glauben Sie - wie lange habe ich noch?"

„Mr. Michalik, haben Sie mich überhaupt verstanden?" schnappte der Doktor, offenbar beleidigt, daß seine Mitteilung kein Wehklagen ausgelöst hatte. "Sie haben Krebs, und Sie werden innerhalb von Wochen oder auch nur Tagen tot sein, wenn ich nicht sofort operiere."

"Operieren!" platzte Michalik heraus und sah den Mann an, als habe er nicht alle Tassen im Schrank. "Mit einem Messer kommt mir niemand zu nahe! Das würde eine Narbe hinterlassen."

Der Doktor wollte Michalik gerade aus seinem Büro werfen, als Ludwig hereinkam. Er sah sich die Ultraschallaufnahme lange an und erklärte dann, die Klumpen seien keine Tumoren. Sie waren etwas weitaus Selteneres, aber nicht weniger Tödliches: durch Steroide erzeugte Zysten, dicke Beutel voll Blut und Muskelgewebe, zum Platzen gefüllt - und sie wuchsen.

Michalik wurde festgeschnallt - die kleinste Bewegung konnte die Zysten jetzt zum Bersten bringen - und nach oben auf die Intensivstation gerollt. In den nächsten 24 Stunden, erklärte er, würde die Entscheidung über Leben und Todfallen. Wenn die Zysten durch Absetzen der Steroide aufhörten zu wachsen, gab es eine kleine Chance für Michalik, durchzukommen. Wenn sie sich andererseits von dem Zeug, was immer es auch war, das er sich in den letzten paar Tagen injiziert hatte, ernährten – nun ja, dann würde zumindest sein Wunsch in Erfüllung gehen, als Gigant zu sterben.

Michalik wußte natürlich, daß es die Leber war. Er wußte so viel über Steroide, daß er ein Benutzerhandbuch geschrieben hatte und zur Fernsehshow "Today" eingeladen worden war, um mit Ärzten über die Wirksamkeit dieser Medikamente zu debattieren. Wie die Steroid-Gurus von Südkalifornien war Michalik ein autodidaktischer Hexer, und sein eigener Körper war sein Labor.

Als Jugendlicher war er schmächtig und haßte sich bis auf seine Zellen. Michalik zufolge schlug sein Vater, ein despotischer Trinker mit enormen Unterarmen, ihn mit allem, was gerade zur Hand war, und drückte sein Gesicht zum Spaß in einen Teller Kartoffelbrei. "Ich war klein und schwach, mein Bruder war groß und elegant, und mein Alter machte kein Hehl daraus, daß er ihn liebte und mich haßte", erinnert sich Michalik. Seine Kindheit verbrachte er in ständiger Angst und ohne Freunde, suchte Zuflucht in Comics und Steve-Reeves-Filmen und brannte darauf, riesengroß und unbesiegbar zu werden. Mit dreizehn schrubbte er Toiletten in einem Fitneß-Center, nur um in der Nähe der ersten Generation von Eisenriesen zu sein. Als er mit zwanzig auf einer AirForce-Basis in Südostasien stationiert war, ignorierte er Heckenschützenfeuer und 49 Grad Hitze, um auf einer Lichtung eine Zementhantel zu stemmen. Dem Psychiater der Truppe erklärte Steve Michalik, er könne nicht getötet werden, weil er dazu bestimmt sei, Mr. America zu werden. Aber mit 34 Jahren, als er schon längst nicht mehr wußte, wo er all seine Trophäen gelassen hatte, quälte er sich um zwei Uhr morgens aus dem Bett, um seine achte Mahlzeit des Tages einzunehmen, weil er immer noch nicht stark genug war.

Und dann waren da natürlich noch die Steroide. Über die Dynamik von anabolischen Steroiden weiß man seit Jahren recht gut Bescheid. Das sind synthetische Variationen des männlichen Hormons Testosteron, die als chemische Nachrichtenübermittler in den Blutkreislauf eindringen und sich an Muskelzellen ankoppeln. Einmal mit diesen Zellen verbunden, verkünden sie ihre zweifache Botschaft: Wachsen und die Belastbarkeit vergrößern.

Die Steroide bewältigen ihre erste Aufgabe durch Verstärkung der Proteinsynthese. Bei ausreichender Menge machen sie den Körper zu einer Art Kernschmelzapparat, der alles, einschließlich Fett, in Masse und Energie verwandelt. Ein "chemischer" Bodybuilder kann in sechs Monaten über zwanzig Kilo an Muskeln zulegen, weil der größte Teil der 6000 bis 10 000 Kalorien, die er am Tag zu sich nimmt, vom Körper aufgenommen
und nicht ausgeschieden wird. Zur Erfüllung der zweiten Aufgabe - die Belastbarkeit zu vergrößern - wird die Synthese eines Moleküls namens Kreatinphosphat oder KP angekurbelt. KP ist eine Art Hydraulikflüssigkeit für die Muskeln, die ihnen erlaubt, länger als nur ein paar Sekunden zu arbeiten. Je mehr KP man im Tank hat, desto mehr Kraft erzeugt man. Olympische Gewichtheber zum Beispiel haben riesige Reserven von KP, von denen ein Teil zweifellos genetischen Ursprungs ist. Der Großteil stammt allerdings wahrscheinlich aus einer Flasche Anadrol, einem beliebten oralen Steroid, das einen groß, stark und wild macht - und nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Im Laufe von vielen Jahren als Bodybuilder hatte Michalik sündhafte Mengen von Anadrol genommen. Wenn seine Kumpel zwei 50-Gramm-Tabletten pro Tag nahmen, nahm er vier. Sechs Wochen später, als sein Körper begann, sich an die Dosis zu gewöhnen, erhöhte er den Einsatz auf acht. Genauso machte er es mit Dianabol, einem weiteren brutalen oralen Steroid. Wo früher eine einzige Fünf-Milligramm-Pille genügt hatte, schluckte er bald zehn oder zwölf pro Tag, zusätzlich zu dem Anadrol.

Natürlich wußte er, was er sich antat. Er wußte beispielsweise, daß Anadrol, wie alle oralen Steroide, tödlich für die Leber ist. Aber verglichen mit dem anderen Zeug, das Michalik nahm, mutet es wie Babynahrung an. Auf dem Bodybuilding-Schwarzmarkt, wo immer noch unglaubliche Dinge erhältlich sind, kauften Michalik und ein paar seiner Kumpel die Schädel toter Affen. Sie brachen sie mit bloßen Händen auf und tranken die hormonreiche Flüssigkeit aus der Hirnanhangdrüse. Oder sie füllten riesige Spritzen mit einem französischen Mittel namens Triacana und spritzten es sich direkt in den Hals, in dem Bemühen, die schlüpfrige Schilddrüse zu treffen.

"Irgendwie, ich weiß nicht warum, bin ich beim ersten Mal, 1972, als ich für den Mr.America-Titel trainierte, der Abhängigkeit entronnen. Vielleicht lag das daran, daß ich die Steroide nur für kurze Zeit genommen hatte und außerdem in relativ geringer Menge. Meistens bekam ich nur einmal pro Woche von einem Arzt eine Spritze in den Hintern. Ich hab' nie herausgefunden, was drin war, aber, mein Gott, hat mich das verrückt gemacht. Ich, ein sanftmütiger katholischer Kirchgänger, zerrte plötzlich Leute im Restaurant von ihren Stühlen hoch und drohte, sie umzubringen, nur weil kein Tisch frei war. Ich war ein Irrer, ein Psycho, ständig außer Kontrolle - und dann kam Gott sei Dank der Wettbewerb, ich gewann, setzte die Mittel ab und wurde plötzlich wieder menschlich."


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Comeback einer Leiche: Michalik mit Sohn Steve


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und beim Training

Einige Jahre später passierte jedoch etwas, das ihn wieder zu dem Zeug zurücktrieb. "Ich fand heraus, daß meine Frau eine Affäre hatte. Ich war am Boden zerstört, meine Seele war zerrissen. Ich hatte all die Jahre gebraucht, um mich endlich als Mann zu fühlen, um über all die Dinge hinwegzukommen, die mein Vater mir angetan hatte... und sie schnitt mir, verdammt nochmal, das Herz heraus."

Michalik ging wieder ins Fitneß-Center, wo er immer all seine Probleme gelöst hatte, und konsultierte jemanden, den wir Dr. X nennen wollen. Als Arzt und Insider• der Subkultur hatte Dr. X seit zwei Jahrzehnten Bodybuilder gegen sexuelle Gefälligkeiten mit allen Arten von Steroiden versorgt. Michalik bekam einen Stapel Rezepte von ihm und was das Entgelt anging, fanden sie einen befriedigenden Kompromiß. Michalik, der Bodybuilding-Champion, der dauernd von jungen Möchtegerns belagert wurde, dirigierte ein paar davon eiligst in die zärtliche Obhut von Dr. X.

Es kümmerte Michalik nicht, ob er verrückt oder steroidabhängig wurde. "Es war mir, verdammt nochmal, egal, ob ich davon sterben würde. Das einzige, was ich wollte, war, meinen Körper wiederbekommen. Ich war wieder auf 68 Kilo runter, mein normales Körpergewicht, und niemand im Fitneß-Center wußte noch, wer ich war."

Drei Monate später, erinnert er sich, war er hoffnungslos steroidsüchtig, unfähig, aus dem Haus zu gehen, ohne "drei Pillen von einem Mittel zu nehmen und einen Schuß von irgendeinem anderen. Ich war ein Junkie, das wußte ich, und ich haßte mich dafür. Aber was ich viel, viel mehr haßte, war, nicht in Dr. X' Praxis zu kommen. Er hatte den echt heißen Stoff Primobolan, Parabolin -, den man nirgendwo anders bekam. Das Zeug war so stark, daß man es sofort in den Muskeln spürte und noch nach Stunden auf den Lippen schmeckte. Mein Kopf begann davon zu pochen, und das Blut schoß mir aus der Nase, aber er stopfte sie einfach mit Wattebäuschen und schickte mich weg. Mein Leben drehte sich nur noch um diese Spritzen."

Im Herbst '75 flog er zur Mr.-Universum-Show nach London, bereits so krank von den Steroiden und den acht Mahlzeiten pro Tag, daß er es kaum die Treppe zum Podium hinauf schaffte. "Mein Cholesterinspiegel lag über 400, mein Blutdruck war 240 zu 110- aber, du lieber Gott, ich war eine toll aussehende Leiche. Niemand hatte jemals so etwas wie mich auf einer Bühne gesehen, ich war absolut perfekt symmetrisch. Das Publikum war völlig aus dem Häuschen, alle Juroren liebten mich - aber nichts davon, nicht einmal der Titel, bedeutete mir etwas. Das einzige Gefühl, dessen ich noch fähig war, war blanker Haß." Haß auf sich selbst.

Der Champion fuhr nach Hause, warf seine Trophäe in einen Schrank und begann, wie ein Wahnsinniger für die Mr.Olympia-Show zu trainieren, die wichtigste aller Bodybuilding-Veranstaltungen. Nachdem er seiner Frau in den ersten zehn Jahren ihrer Ehe treu gewesen war, begann er jetzt, jede flachzulegen, die ihm in die Finger geriet. Das verdankte er seiner täglichen Dosis Halotestin, einem Steroid, dessen hauptsächliche Nebenwirkung in einer konstanten - und verräterischen - Erektion besteht. Er warf auch große Mengen Clomid und HCG ein, zwei Fruchtbarkeitsmedikamente für Frauen, die bei Männern die Testosteronproduktion anregen.

"Kurz: Ich war unersättlich und benahm mich auch so. Ich hatte in fünf verschiedenen kleinen Städten auf Long Island Freundinnen, und an einem Tag war ich so hormonverrückt, daß ich sie alle, eine nach der anderen, fickte. Plötzlich verstand ich, warum es in diesem Geschäft so viel zügellosen Sex gibt, warum die Elite-Bodybuilder immer zwei, drei Mädchen in ihrem Hotelzimmer haben oder Tausende von Dollars pro Wochenende bei privaten Schwulenpartys verdienen. Einer meiner Freund im Busineß, ein ehemaliger Mr. America, wurde auf Tour tatsächlich so geil, daß er den Cola-Automaten in seinem Hotel fickte."

Durch den Mr.-Universum-Titel war er top, verdiente entsprechend und war mit 113 Kilo absolut galaktisch. Für seine Kollegen war er der einzige, der Arnold Schwarzenegger als Mr. Olympia ablösen und diesen Titel fünf oder sechs Jahre lang halten konnte. Er hatte sich sogar mit Schauspielunterricht und Sprachausbildung darauf vorbereitet, Arnold ins Show-Busineß nach Hollywood zu folgen.

Und dann kollidierte Michalik auf dem Weg zu dem Flugzeug, das ihn zur Mr.Olympia-Show bringen sollte, mit etwas Größerem als Steroiden. Ein Sattelschlepper fuhr geradewegs über die Kühlerhaube seines Mustangs. Michalik wurde achtzehn Meter weit mitgeschleift, der Mustang um ihn herum zusammengequetscht. Als man ihn schließlich zwei Stunden später herausgesägt hatte, hatte er vier angeknackste Bandscheiben, einen gezerrten Ischiasnerv und war von der Taille abwärts völlig gelähmt.

Die schlechte Nachricht sei, sagte der Chirurg nach einem Trommelfeuer von Röntgenstrahlen, daß Michalik nie wieder würde gehen können. Monatelang lag er im Streckbett, verweigerte die Einnahme von Medikamenten und fuhr fort, sich mit seinem freien Arm Testosteron zu injizieren, das er zur Zeit des Unfalls in einer schwarzen Tasche bei sich gehabt hatte und das vom Personal fürsorglich ahnungslos auf seinen Nachttisch gestellt worden war.

"Zum ersten Mal in meinem Leben halfen mir die Steroide. Sie beschleunigten die Heilung, was ihre eigentliche medizinische Aufgabe ist, und sorgten dafür, daß alles an mir so groß blieb, daß die Schwestern sich täglich darum zankten, wer mich waschen durfte. Langsam spürte ich mein rechtes Bein wieder, genug, um den Arzt zu überlisten. Als der sagte, er würde mich nach Hause schicken, wenn ich stehen könne, schaffte ich es, mich auf einem Bein aufrechtzuhalten."

Zu Hause machte Michalik allerdings keine weiteren Fortschritte. Er lag ein Jahr im Bett, unaussprechlich deprimiert, und ging durch Steroide und Schokoladenkekse auf wie ein Hefekuchen. Und was am schlimmsten war: Seine Freunde und Trainingspartner verließen das sinkende Schiff. Sie riefen weder an, noch besuchten sie ihn. Eines Nachts sah er im Fernsehen die Übungen einer Bodybuilder-Show. Er schleppte sich aus dem Haus und fuhr mit Hilfe eines Freundes in ein Fitneß-Center, von dem er den Schlüssel besaß. Zum ersten Mal wieder an den Geräten, die seine Welt bedeuteten. Michaliks Oberkörper reagierte schnell - Muskeln haben ein bemerkenswertes Gedächtnis -, aber seine Beine, besonders das linke, lagen schlaff da wie alte Sellerie. Von dieser Nacht an ließ er sich täglich wieder zum Training fahren.

Alle Ärzte sagten mir, daß es zehn Jahre dauern würde, wenn überhaupt, bis der Nerv an meinem Bein wieder funktionsfähig wäre. Ich erhöhte die Dosen des ganzen Zeugs, das ich nahm, und begann, gegen die Gewichte anzukämpfen, statt sie nur zu heben. Sechs Monate später waren die Schmerzen so schlimm, daß ich mich kaum noch rühren konnte, aber ich stemmte 300 und 350 Kilo mit den Beinen, und meine Oberschenkel waren so groß wie die eines Bären."

Und wiederum ein Jahr später betrat er am Ende einer Grand-Prix-Show in Florida als unangekündigter Gast-Star die Bühne. Das Publikum erkannte sofort, daß es Zeuge eines Wunders war, und tobte, als Michalik seine 86-ZentimeterSchenkel vorführte, von denen jeder beträchtlich dicker war als seine 69-Zentimeter-Taille. Schwarzenegger, der für den Fernsehsender ABC in der Sendekabine saß, war überwältigt. "Ich glaube einfach nicht, was ich sehe", sagte er, nach Luft schnappend: "Das ist Steve Michalik, der Phantom-Bodybuilder!"

Damit hätte Michalik es genug sein lassen sollen. Er lebte, konnte gehen, und seine Legende war ihm sicher. Dank Schwarzenegger hatte er ewige Berühmtheit als "Phantom-Bodybuilder" erlangt, ein Markenzeichen, das er in eine Merchandising-Goldmine hätte verwandeln können. Und er hätte sich zur Ruhe setzen können.

Aber wie viele andere Steroidfälle mußte Michalik sein Glück auf die Spitze treiben. Eine neue Sorte von Killerdrogen kam aus Südkalifornien - Hexalon, Bolasteron, Dehydralon -, unverschämt giftige Substanzen, die die Leber entarten, aber harte, reife Muskeln fast sichtbar wachsen lassen. Anstatt jetzt innezuhalten, schlug Michalik voll zu. Nach der Show in Florida nahm er an der Grand-Prix-Tour teil, mit zwölf Shows pro Jahr eine brutale Schinderei. Fünf Jahre blieb er auf Tour. "Klar, daß diese Jahre die schlimmsten meines Lebens waren. Mein Hirn ging irgendwie ständig spazieren, und ich wurde ein gigantischer, tödlicher Urmensch. Der einzige Grund, warum ich nicht die meiste Zeit im Gefängnis verbrachte, war, daß zwei Drittel der Polizisten Kunden von mir waren. Sie gehörten zu meinem Fitneßklub und kauften ihre Steroide bei mir."

Es sprach sich in der Szene seiner Heimatstadt New York schnell herum, daß man Michalik aus dem Weg gehen mußte. Auch das Fitneß-Center, das er eröffnete, war ein wahnwitziges Unternehmen. Es fehlte eigentlich nur noch, daß er ein Schild "Steroide zu verkaufen" aufhängte. Ein Jahr nach der Eröffnung war Michalik so erfolgreich, daß er in doppelt so große Räumlichkeiten umziehen mußte. Aber trotz all des Geldes, das er verdiente, trieben ihn seine explodierenden Drogenrechnungen in den Ruin.

Ewig pleite und bei der Grand-Prix-Tour auf dem absteigenden Ast -"Am Anfang wurde ich Dritter oder Vierter bei den Shows, '83 nur noch Elfter oder Zwölfter" -, klappte Michalik emotional und physisch zusammen. Sein Körper kapitulierte vor all den Giften. 1983 hatte er überall Blutungen: in Zahnfleisch, Nieren, Dickdarm und Kieferhöhlen. Er bekam Kopfschmerzen, so stechend und unbarmherzig, daß er auch noch von Percodan und Demerol abhängig wurde. Und was aus seiner Sicht am schlimmsten war: Die Muskeln wurden plötzlich weich.


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Seine letzten beiden Jahre als reisender Bodybuilder waren ein Alptraum. Bei einer Show in Toronto hätte beinahe sein letztes Stündchen geschlagen. Er brach, am ganzen Körper von Krämpfen geschüttelt, auf der Bühne zusammen; die blamierten Promoter zerrten ihn an den Knöcheln weg. 1985, als sein Cholesterinspiegel die 500-Marke erreichte, machte er einen verzweifelten Versuch, die Steroide endgültig abzusetzen. Sein Testosteronspiegel sank, seine Spermienzahl fiel auf Null, und all das Östrogen, das sich über Jahre in seinem Körper angesammelt hatte, verwandelte seine Brustmuskulatur in weiche, teigige Titten.

Nach Abwägen der Alternativen - ein ödes, entmanntes Leben ohne oder der große Knall eines Machotods mit Steroiden - entschied sich Michalik für die zweite. Er packte eine Tasche, griff seinen Gewichtsgürtel, nahm ein Flugzeug nach L.A. und blieb neun Monate lang im Valley, wo all die chemischen Hengste trainierten.

Im Herbst '86 kam er nach New York zurück, konnte sich kaum auf den Beinen halten, war aber gigantisch und goldbraun gebrannt. Er hatte die ganze Zeit auf die „Night of Champions" hingearbeitet, die im Beacon Theater stattfand und sein Schwanengesang sein sollte. Es war die ,,Oscar"-Verleihung des Bodybuilding. Alle würden da sein, alle Stars, alle Experten, und er wollte seine eigene Legende werden, indem er sich bei seinem letzten Auftritt zu Elton Johns "Funeral For A Friend" aus dem Sarg erhob. Die Krönung wäre natürlich gewesen, auf der Bühne tot zusammenzubrechen, aber darauf wagte er nicht zu hoffen. Das Wichtigste war schließlich, unter dem donnernden Beifall von 2500 Leuten abzugehen und endgültig den Fluch seines Alten, er würde es nie zu etwas bringen, Lügen zu strafen.

Und dann, zwei Wochen vor der Show, die lichterloh brennende Leber, und alles war vorbei.

Als Michalik auf der Intensivstation zu sich kam, war er untröstlich. Nicht nur, daß er eigenartigerweise noch am Leben war, sein schöner Körper löste sich auch noch auf und machte sich aus dem Staub. Seine Muskeln, der Steroide und zwei Kilo Huhn, die er pro Tag zu essen pflegte, beraubt, zersetzten sich und wurden als Abfallstoffe von seinem Blut abtransportiert. In den nächsten drei Wochen verlor er mehr als 45 Kilo, er pißte sich praktisch von einem Gewicht von 116 Kilo auf siebzig runter.

Wie vorauszusehen, versagten seine Nieren und verloren vierzig, sechzig und schließlich achtzig Prozent ihrer Funktion. Sein schwarzes Haar wurde grau, und seine Haut hing in schlaffen Falten herab. Sein Vater kam zu Besuch und sagte ihm mit gewohntem Takt, er sehe aus wie ein Fünfundachtzigjähriger.

"Ich war schwach und gebrechlich und wurde nur von meiner Frau am Leben erhalten. Als Dank dafür, daß es mich nach all dem immer noch-gab, verkaufte ich das Fitneß-Center und schenkte ihr den ganzen Erlös. Ich wollte nichts davon, ich wollte gar nichts. Ich wollte nur im Bett liegen und mich selbst bemitleiden. Ich war so deprimiert, daß ich kaum meinen Mund zum Sprechen bewegen konnte."

Im Frühjahr '88 hatte er sich schließlich so weit erholt, daß er für kurze Zeit das Bett verlassen konnte. Von dem plötzlichen Drang besessen, für seine Sünden zu büßen, rief Michalik jeden Promoter an, den er kannte, und bettelte, auf die Bühne gehen und demonstrieren zu dürfen, was aus einem wird, der Steroide nimmt. Überraschenderweise willigten einige ein. Sie stellten Michalik auf die Bühne, einen Sack Knochen in einem schwarzen Hemd, und ließen ihn den Saal für zehn Minuten in einen Friedhof verwandeln.

"All diese Zwanzigjährigen starrten mich mit offenem Maul an, und ich ging zum Mikro und sagte: 'Ihr glaubt also, daß euch das nicht passieren kann, Bürschchen? Ihr glaubt, ihr wißt mehr über Steroide als ich? Nun, ich habe ein Buch darüber geschrieben, Freunde, und trotzdem haben sie mich aufgefressen. Ich bin vierzig Jahre alt, und ich bin am Ende. Tot."

Aber soviel seine guten Taten auch seiner Seele nutzten, seinem Körper halfen sie nicht. Er wachte immer noch krank bis in jede Zelle auf, vergiftet von dem Müll all der Drogen. Die Leberzysten, auf die Größe von Golfbällen geschrumpft, aber nicht weiter, schwächten ihn und zwangen ihn, wie ein Spatz zu essen. Seine Hormone waren völlig durcheinander - ein Bluttest ergab, daß er den Testosteronspiegel eines zwölfjährigen Mädchens hatte -, und es war zwei Jahre her, seit er das letzte Mal nur das Zucken einer Erektion gehabt hatte.

"Das einzige an mir, auf das ich mir je etwas eingebildet habe, war mein Körper, und den hatte ich komplett und systematisch zugrunde gerichtet. Mein Leben war unerträglich."

Ein Zufall half: Auf der anderen Seite der Welt hörte ein australischer Rugby-Spieler, irgendwie von Michaliks Misere und rief ihn an, um ihm von einem effektiven neuen Entgiftungsprogramm zu erzählen. Es war eine brutal anstrengende Angelegenheit - eine Stunde Laufen, danach fünf Stunden am Stück in einer 80-Grad-Sauna, mindestens 21 Tage lang - aber sie preßte unweigerlich die Gifte aus den Fettzellen, wo sie sonst kristallisieren und ein Leben lang festsitzen.

Völlig verzweifelt ließ Michalik es auf einen Versuch ankommen. Er konnte am ersten Tag kaum um den Block joggen, aber in der Sauna kam plötzlich alles heraus: Eine eklige grüne Masse quoll aus seinen Augen und Nasenlöchern. Am Ende der ersten Woche, berichtet er, lief er zwei Meilen, am Ende der zweiten, bezeugt seine Frau, war sein graues Haar wieder schwarz geworden. Und als er am 23. und letzten Tag aus der Sauna trat, hatte er eine Haut, so rosig und straff wie ein Teenager. Leber- und Nierentests bestätigten das Ungeheuerliche: Er war wieder vollkommen gesund.

"Alles kam wieder zurück: mein Sinn für Humor, meine Lebenslust - verdammt, meine Lust überhaupt. Bedenken Sie, es war fast zwei Jahre her, seit ich zuletzt einen hochgekriegt hatte es gab also viel nachzuholen. Aber das bei weitem Tollste war, was nicht mehr da war. Es schien, als hätte ich den ganzen biochemischen Haß, mit dem ich zwölf Jahre lang herumgelaufen war, zusammen mit dem grünen Zeug ausgeschwitzt, und ich hatte das überwältigende Bedürfnis, wieder mit Leuten zusammenzusein, vor allem mit meinem Sohn, Steve."

Michalik ging zu seiner Frau und sagte ihr, daß er wieder mit dem Bodybuilding anfangen wollte. Das war sein Leben, seine Kunst, er konnte nicht damit aufhören - aber diesmal, schwor er bei Gott, würde er clean bleiben. Sie sagte, daß sie das nicht noch einmal durchstehen würde: die Fütterungen um zwei Uhr morgens, die Lebensmittelrechnungen von 500 Dollar pro Woche. Sie trennten sich in aller Freundschaft, und Michalik kehrte als Mönch zurück in seine Einsamkeit, das Fitneß-Center.

Übersetzung: Tina Hohl

END