TEMPO
Sie laufen his zum Umfallen. Sie schwimmen his zum Absaufen. Sie radeln his zum Kollaps. Sie sind:
MUTTIS KAMPF MASCHINEN
August 1989

Triathlon ist ein Hochleitungssport, der selbst Erwachsene total fordert. In den USA werden jetzt auch die Kinder gedrillt: 200 Meter Schwimmen, 10 Kilometer Radfahren, zwei Kilometer Laufen. Der hechelnde Wahnsinn.


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Triathlon: Kinderfolter

TEMPO-Redakteur Tom Kummer erlebte den ersten Triathlon für Kinder. Ein Wettkampf, der selbst Erwachsene total fordert. Was bedeutet er für Zehnjährige?


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Sandy Nielsen, sieben Jahre, fällt in die Arm ihres Vaters. 1000 Meilen sind die Nielsens für Sandys erstes Triathlon gefahren. Beim Schwimmen hielt sie mit, beim Radfahren stürzte sie, beim Laufen gab sie auf. Laß uns weg hier, Daddy, schluchzt sie, "laß uns weg hier."


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Karl Williams, zwölf Jahre, st der Triumphator des "Ironkid"-Wettbewerbs in Murfreesboro. Er gewann das Zehn-Kilometer-Radrennen und das Zwei-Kilomoter-Laufen. Insgesamt: Bestzeit. "Bei der nächsten Veranstaltung", sagt er, "gewinne ich auch das Schwimmen."


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Melanie Henderson, sieben Jahre, mit ihrer Mutter Pauline. Beim Schwimmen hat Melanie 15 Sekunden auf den Besten verloren. Doch beim Laufen ließ sie alle Gegner hinter sich. "ich habe die Pflicht, zu gewinnen", sagt sie, "Ich bin ein Vorbild für meine Klassenkameraden."


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Mary Lou Williams und Sheila TUbb fotografieren den Zieleinlauf Ihrer Söhne. »Der Sieg von Karli macht uns sooo glücklich!"

Der Hals ist zu einem schweißigen Sockel erstarrt. Der Mädchenkopf dreht sich im Rhythmus der Schritte. Die Zunge zuckt zwischen den Lippen hervor. Das Kind schwankt. Noch 150 Meter bis zum Zielstrich. Melanies Pupillen schieben sich an den oberen Augenrand. Aus dem Lautsprecher tönt eine hysterische Stimme: "Lächle, Melanie, lächle. Da sind Kameras. Lächle. Wir von Colonial Bread wollen nur das Beste für euch..."

Die siebenjährige Melanie hört nichts. Nicht das Gedröhne aus dem Lautsprecher. Nicht das frenetische Toben des Publikums. Auch nicht die Schreie ihrer Mutter Josephine, deren Augen sich in einem Saft aus Tränen und Schweiß drehen. Melanie sieht auch nichts mehr. Nicht das erlösende Ziel. Nicht das verzerrte Gesicht von Mama. Und nicht ihren Vater Carl Henderson, den Seifenfabrikanten aus St. Louis, der den Finger auf dem Auslöser seiner Cannon festdrückt.

Melanie hat beim Schwimmen und Radfahren 15 Sekunden auf den Besten verloren. Auf dem letzten Teilstück der Laufstrecke aber ließ sie alle Gegnerinnen hinter sich. Die dünnen Oberschenkel des Mädchens zeigen noch keine Muskulatur. Nur knochige Röte und den Schweiß, der unter dem Badekleidchen hervorquillt. Ihr Gesicht ist ausdruckslos. Verrät nur diesen einen Willen: dieses verdammte Rennen zu beenden. Jetzt schnappt der kleine Mund auf und japst nach Luft. Bestzeit. Die Eltern kreischen, während aus der Lautsprecheranlage die Musik von ZZ Top hämmert. Dazu immer wieder die Stimme des Ansagers, der genau weiß, um was es hier geht: "Teilnehmen ist wichtiger als Gewinnen. Colonial Bread liefert euch die lebenslange Fitneß. Denn wir von Colonial Bread wollen nur das Beste für Euch..."

Nummer 120, Eric Tubb, zehn Jahre alt, zieht ein Bein hinter sich her. Er ist einer jener Kinderathleten, die die Qual eines Triathlons bereits in drei Vorausscheidungen in Atlanta, Wichita und Phoenix kennengelernt haben. Eric hält sein Grinsen bis kurz vor dem Zieldurchlauf fest auf der unteren Gesichtshälfte und fällt dann, während er seinen Mageninhalt erbricht, in die Arme seiner 32jährigen Mutter Sheila, die mit eisgekühlten Frottierbeuteln die Erschöpfung des Jungen zu lindern versucht.

Andere Kinder liegen einsam im kräftigen Gras. Ihre Eltern haben längst die Übersicht verloren und stehen irritiert an einem der Erfrischungsstände. Dort saufen sie Gatorade, den ionisierten Energiedrink, und schnappen nach den bereitgestellten Colonial-Donuts, Colonial-Multi-Strawberry-Shake-Cakes und English Muffins, einer Art Teig mit zuckrigem Geschmack.

Nummer 87, Elizabeth Wiley, elfjährig, verbirgt weinend ihr Gesicht vor unseren Blicken, während eine unserer Linsen auf den jubelnden Karl Williams, Nummer zwölf, schwenkt. Er lief bisherige Bestzeit in der Kategorie Elf- bis 14jährige. Dann holt er sich von seinem Vater drei anerkennende Faustschläge auf den Brustkorb ab.

Die Amerikaner können Fitneß gut gebrauchen. 98 Prozent aller US-Kinder so steht es in der Colonial-Bread-Informationsbroschüre - leiden an Herzschwäche. 28 Prozent haben einen zu hohen Blutdruck, 42 Prozent zeigen abnormal hohe Cholesterinwerte. Ihre Augen sind stumpf von täglich fünf Stunden Fernsehen. Ihre Gesäßmuskulatur neigt zur Kartoffelrundung.

Tausende von Meilen sind die Eltern mit ihren Chevy-Trucks gefahren, damit die wertlosen Körper ihrer Kinder gestählt werden. Schwere Unwetter wurden ifir den Nachmittag vorhergesagt. Das hat niemanden davon abgehalten, herzukommen. 32 Grad Hitze werden im Sportzentrum von Murfreesboro gemessen, als die etwa 1000 Menschen eintreffen. Sonntag, pünktlich um 8 Uhr 15, nimmt das Grauen seinen Lauf.

Zwei Männer in dunkelblauen Anzügen mit der unauffälligen Aufschrift Campell Taggert Inc. empfangen die anmarschierenden Familien. Sie grüßen freundlich, verteilen Broschüren und weisen Eltern und Kinder den Weg. Campell Taggert Inc. wird seit 1985 von schweren Verkaufseinbußen erschüttert. Besonders betroffen ist der Verkauf von Colonial-Weißbrot. Und das, obwohl Tests beweisen, daß Kinder Weißbrot um ein vielfaches lieber essen als dunkles Brot.

Die Lösung des Rätsels wurde rasch gefunden. Weißbrot hat ein ungesundes Image, obwohl Verkaufsmanager Rogers immer wieder auf die neuesten Untersuchungen verweist, die seinem Mehlpapp einen weit höheren Nährwert bescheinigen als dunklem Brot. Doch nichts änderte sich. Der Inhalt der ärmellangen Scheibenbrotplastikpackungen löst sich beim Zusammenpressen weiterhin in Nichts auf. Das Brot ist wertlos.

Doch an diesem Sonntag, 25 Meilen südlich von Nashville, werden die mehligen Quadrate als der Inbegriff gesunder Ernährung gepriesen. Während Debbie Meyer, die dreifache Goldmedaillengewinnerin von 1968, mit den Kindern Aufwärmübungen macht, lauschen Väter, Mütter und andere Betroffene dem Ansager Harry Klein, der das Gesundheitsprogramm von Colonial Bread mittels Videofilm und beschwörenden Worten demonstriert.

"Ernährung ist Benzin. Der Kinderkörper ist ein geschmeidiger Rennwagen, der nur das Beste verdient hat. Und wir von Colonial Bread wollen nur das Beste für Sie. Glauben Sie mir! Es ist so einfach, Ihre Kinder gesund zu ernähren. Geben Sie ihnen eine ausgeglichene Diät. Ein kräftiges Frühstück steht an erster Stelle. Achten Sie auf die Ernährhungsmenge und die notwendige Bewegung dazwischen. Kohlenhydrate sind wichtig. Genau das liefert unser Weißbrot. Folgen Sie unserem Fitneßprogramm zur lebenslangen Gesundheit. Machen Sie Ihr Kind glücklich. Wir wollen nur das Beste. Jeder Teilnehmer ist  ein Gewinner, das ist sicher. Denken Sie an die 'Colonial-Fitneß-Triangel'. Kraft – Ausdauer - Beweglichkeit. Ja. Wir sind hier, um Ihnen zu helfen. Let's go. Let's do it. Für eine gesunde Zukunft."

Die angekündigten Stürme nördlich von Nashville ziehen spürbar in unsere Richtung. Die Kinder der zweiten Kategorie von elf bis 14 Jahren haben sich in den abgesperrten Startbereich gestellt. Die Tribünen des kleinen Schwimmstadions füllen sich mit Elternfleisch, Fähnchen werden geschwenkt und Sprechchöre geprobt. 1000 Objektive nähern sich den jungen, nackten Körpern. Die Hälfte der anwesenden Jugend weiß, was sie erwartet.

Es sind die Kids mit dem konzentrierten Blick, deren Lockerungsübungen von großen Vorbildern gekennzeichnet sind. Sie haben bereits einen oder mehrere Triathlons hinter sich gebracht und tun dies alles, weil es ihre Grundkondition fördert und weil sie in der Schule sportlich zu wenig gefordert werden. Das sagt Daddy, dessen Fleisch längst nichts mehr wert ist. Aber dem eigenen Kind beim Sporteln zuzuschauen, gibt gute Laune und freudigen Stolz.

Unsere Kamera ist jetzt dicht auf den jungen Gesichtern. Die Kinder atmen unruhig und betrachten ihre dünnen, schwachen Glieder. Die Übergewichtigen am Rande, ohne Vorstellungskraft für diese Strecke: 200 Meter Schwimmen. Zehn Kilometer Radfahren. Zwei Kilometer Laufen. Sie sind selten länger als 15 Minuten am Stück gelaufen, wie sollen sie davon eine Ahnung haben. Diese Kinder nehmen täglich 30 Prozent zuviel Kalorien zu sich. Sie überschreiten die empfohlenen 100 Milligramm Cholesterin pro 1000 Kalorien. Allein ihre Schulmahlzeit füllt sie mit zwei Dritteln der täglich benötigten Fettmenge. Die Fettleibigkeitsrate ist in den letzten Jahren um 45 Prozent gestiegen. Jährlich begehen 15 000 US-Kinder Selbstmord aus Unlust am eigenen Körper. Es graust einen.

Zehn Uhr, noch bleibt eine Viertelstunde bis zum Startzeichen. Fettleibige Eltern, deren unsportliche Kinder die Lockerungsübungen ihrer Gegner imitieren, stehen am Beckenrand und versuchen, mit Handzeichen letzte Anweisungen in den abgesperrten Bereich zu übermitteln.'

Die Einsamkeit des Athleten vor dem Start treibt einige der Siebenjährigen zurück an Mutters Bauchnabel, wo sie sich weinend festkrallen und flehen, nie mehr allein gelassen zu werden. Ihr Start ins gesunde Leben wird wohl auf Jahre verschoben werden müssen. Aus feinen Kinderhintern werden dann Polstersessel.

Alles Unschöne hat hier seinen Ursprung, und der Wille nach Größe wird für viele in den nächsten 35 bis 50 Minuten lebenslänglich gebrochen. Minuten vor der körperlichen Hölle erleiden Kinder ohne sportliche Erfahrung nicht Nervosität, sondern Angst. Ihre Gesichter werden bleich, die Darmflüssigkeit rinnt bis an die äußerste Grenze.

Leistungsgeprüfte Kinder dagegen wandeln die Wettkampfnervosität bereits professionell in Energie um, die als kantiger böser Blick erkennbar wird, oder als nervöses Tänzeln, wobei die Buben ihre Beweglichkeit, einem Hahnenkampf ähnlich, dem Gegner raumstehlend vorfuhren.

Jetzt werden die ersten zwölf Kinder der Altersklasse elf bis 14 Jahre auf die Startblöcke gebeten. Einige zögern, andere schütteln die unsichtbare Muskulatur in der feuchten Luft. Hier ist jetzt nichts mehr zu stoppen. Das Rennen nimmt seinen Lauf. Der Sprecher brüllt von neuem seine Colonial-Sprüche über das Sportzentrum von Murfreesboro, hier im Staate Tennessee. Es lauschen Menschen aus einfachen Verhältnissen, Besitzer von Mittelklasseeigenheimen. Eltern von mindestens zwei Kindern, Menschen, die wissen, daß Gott auf ihrer Seite steht.

Der Sprecherton bricht ab. ZZ Top wird zurückgenommen. Es herrscht gespannte Stille. Das Wasser liegt plan vor den Jungathleten, die sich nun vorbeugen und mit dem Heulen der Startsirenen in das Reich der Leistung fallen. Die reifen 14jährigen und die unförmigen Elfjährigen, sie paddeln, sie gleiten, sie lassen Arme kreisen, und mit ihnen beginnen die Eltern, ihre Mauler aufzureißen. Die Sportsfremden einfach drauflossingend, der leistungsfordernde Vater mit gezielt eingesetzten Brunstschreien, in der Hoffnung, den Erbfolger in seiner Bewegung aufzupeitschen.

Und die Kleinen schwimmen. Die Besten in elegantem Kraulstil. Die Chancenlosen mit erbärmlichem Hundeplanschen. Ihre Mütter krümmen sich nach vorn und kauen an den Fingernägeln. Ein schlecht gekleidetes Farmerehepaar grinst und sprudelt dumme Witzchen heraus. Das mag man hier nicht. Solche Leute bleiben in alle Ewigkeit verschlampt und tun ihren Kindern keinen Gefallen. Schon nach einer Streckenlänge werden diese Randexistenzen von Ordnern zurechtgewiesen.

Die ersten Kinder erreichen die 200-Meter-Marke. Dort ziehen sie sich aus dem Wasser hoch und marschieren mit schnellstmöglichen Schritten zum Fahrradpark. Wasserbecher und Orangenschnitze werden ihnen von Angehörigen einer schwarzen Pfadfinderorganisation gereicht, die mit ihren fröhlichen Uniformen die weiße Veranstaltung belebt. Ja! Trinkt Wasser! rufen sie den Kindern zu. Wasser baut euch auf!


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Hank Crawford, elf Jahre, hat die 200-Meter-Schwimmstrecke als Dritter absolviert. Jetzt schwingt er sich auf sein 3000-Dollar-Spezialfahr-rad und nimmt die flachste Teilstrecke auf. Noch zwölf Kilometer bis ans Ziel. »Tritt rein, Junge", ruft sein Vater. "Dein Daddy liebt dich!"


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Patty und Joel Schlaffer, sieben und acht Jahre, werden seit einem Jahr zu allen Ironkid Wettbewerben gebracht. Sie zählen zu den Favoriten im Schwimmbecken. Mit elegantem Kraulstil deklassieren sie die Konkurrenz. "Mom und Dad", prusten sie, "sind stolz auf uns."

Die Schwächsten der elf- bis 14jährigen Buben und Mädchen suchen irritiert nach ihrem Fahrrad. Von Sauerstoffmangel gezeichnet, reißen sie jetzt ihre Colonial-Badekappe vom Kopf. In wochenlangen Übungen haben sie diesen Wechsel einstudiert: Läufershorts über die nasse Badehose ziehen, die nassen Füße in Sportsocken und Laufschuhe stecken, den Schutzhelm auf den Schädel schnallen. Die Besten schaffen den Wechsel in 30 Sekunden; obwohl die Wasserfüllung in ihren Nasen- und Ohren auf den Gleichgewichtssinn drückt. Andere vergeben hier glatt drei Minuten. Mütter und Väter, Brüder und Schwestern überwachen die Wechselphase und lassen Hufsschreie ab.

Die Qualitätsrennräder sind meist aus Leichtstahllegierungen gebaut und auf das jeweilige Kind abgestimmt. Sie haben Daddy zwischen 1500 und 3000 Dollar gekostet. Die Siebenjährigen werden auch Mountain-Bikes benutzen. Sie sind es auch, die später zu berichten wissen, daß sich auf dem ersten Radkilometer ein schmerzhaftes Vibrieren ins Kopfinnere gesetzt habe, das sie aber zu ignorieren versuchten, weil sie einfach weiterwollten, weiter, einfach weiter, ans Ziel gelangen, sowie mit Vater und Mutter abgesprochen, so wie es die Schnellsten auch tun.

Einfach alles vergessen und ans Ende gelangen. Das sagten die Siebenjährigen, als sie im Ziel bereits Bananenstücke und Orangenschnitze kauten, schwere Tränensäcke unter ihren Augen saßen und ein Colonial-Bäcker-Clown vor ihnen mit deutschen Brötchen jonglierte.

Als sich die stärksten der Kinder bereits dem Ziel nähern und 13 Eisenkinder wegen Erschöpfung von Sanitätern zu ihren Eltern zurückgeführt werden, da berühren die Zartesten der zarten Kinderathleten mit Bauchklatschern die Wasseroberfläche.

»Jetzt wird's erst richtig lustig' kommentiert Carl Moritz, Verkaufsmanager von Colonial Bread die Szene. "Kinder und Eltern werden sich Jahrzehnte an diese Momente erinnern können. So gewinnen wir Langzeitkunden."

Fotos werden gemacht. Haarlose Fleischfigürchen, pudelnaß, tappen mit aufgerissenen Augen zum Radpark. Ahnungslose Mütter überrascht der Anblick ihrer schnaubenden Kinder. Sieht anders aus als im Kinderbassin. Aggressivität kommt in der Mutter hoch und tarnt sich gleich mit einem Schmunzeln im Gesicht. Väter lösen sich von ihren Ehefrauen. Sie wollen allein auf ihr Kind schauen, denn sie glauben, mehr zu wissen, knipsen Bilder, verbrüdern sich mit anderen Eisenvätern und sind stolz darauf, für ihr Kind richtig entschieden zu haben.


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David Steinbruegge und seine Kinder Dirk, Dionne, Patrick, Oliver, Matt und Dave, alle zwischen sieben und 13 Jahren. Die Steinbruegge-Kids bringen eine Silber, zwei Bronze und vier Anerkennungsmedaiiien nach Hause. "Daheim in Wyoming", freut sich Vater Steinbruegge, "gibt's eine Riesen-Siegesfete."

Im Zielraum erreicht die Veranstaltung den verdienten Höhe punkt. Schwarze Wolkentürme drohen. Bill, der Chef der Colonial-Pfadfindertruppe, nimmt eine Spende von 7500 Dollar entgegen. Als Dank der Organisatoren für die vorbildliche Mithilfe seiner Jungs. Er schiebt sich gelangweilt Scheibe um Scheibe des gesündesten Weißbrots der Welt in den Mund.

Die Elf- bis 14jährigen haben das Schlimmste hinter sich. Sie haben Laufen, Schwimmen, Radfahren absolviert und werden jetzt im Zielgelände von ihren Eltern abgegriffen. Väter und Mütter suchen die getesteten Kinderkörper nach Veränderungen ab.

Die Kleinen kriegen kein Wort über die Lippen, nur Sabber und Schmerz. Dann greifen die Elternarme den Kindern unter die Achseln, streichen tröstend über nasse Haare und geben uneinlösbare Versprechen.

Die Kinder glauben in solchen Momenten alles und lassen sich ohne Widerredeabführen. Der Chevy-Truck ist nah, die drohende Zukunft fern. Reiner Spaß ist Elternsache. Da muß das Kind schon durch, will es von Glück und Gesundheit nicht verstoßen werden.

Noch stecken die Siebenjährigen im letzten Teil der Laufstrecke. Sie spüren das Feuer gesunder Energie. Energie, die sie zu letzten, wahnwitzigen Anstrengungen befähigt. Sie orientieren sich an der nahen Geräuschkulisse, aus der das Signalfeuer der mütterlichen Schreie als Oberton schrillt. Jetzt betreten sie den Rauschbereich. Noch 90 Meter. Das reinste Vergnügen beginnt, wertlose, schlampige Schwächlinge werden überholt. Es macht Spaß, hohe Türme brechen ein, das Kind wächst, der Brustumfang schwillt an.

Jahrelang angehäufter Dreck, unkontrolliert ins Frischfleisch eingedrungen, sprüht auf diesen wichtigen letzten Metern aus Hirn und Haut heraus. Dankbar sollten diese Kinder sein. Dankbar. Mom und Dad stehen als Fangnetze in Zielnähe bereit. Dann halten sie das Gebrochene strahlend unseren Linsen entgegen. Aber dies ist noch nicht das Ende.

Schwere Regentropfen prasseln jetzt auf den Gesundbrunnen. In der eisgekühlten Halle gibt's Gold, Silber und Bronze plus Reisegutscheine plus Zaubereien mit dem Colonial-Bäcker-Clown, dessen Einlagen jedoch nur die Siegerfamilien mitbekommen. Sie haben sich nochmals gemeinsam versammelt. Der Sprecher nutzt die Chance und füttert die Verführten mit einem letzten Gebet.

Draußen sitzen die Geschlagenen, deren Kinder stehengeblieben sind und sich jetzt, kurz vor dem Ziel, im Kreise drehen. Es sieht lustig aus, wenn das sauerstoffarme Hirn das Menschlein klein als Karusselfigur drehen läßt. Und verführerisch, wenn zarte, kleine Mädchen bei jedem Schritt ihren erregten Körper mit einem keuchenden Schrei befreien. Das ist lustig und scharf. Dankbar wollen wir dafür sein. Dankbar.

Die Väter dieser Kinder haben die Autos bereits gestartet. Hier wollen sie nicht länger bleiben. Die Mütter machen sauber und streichen dann die richtigen Brote.

END