VOGUE DEUTSCH
Der Wille zur Macht
June 1989
 
Benazir Bhutto, Premierministerin von Pakistan und die einzige Regierungschefin des Islam, hieß einmal ,,Pinkie". Kevin Starr, ihr Tutor in Harvard, beschreibt für VOGUE Bhuttos beschwerlichen Weg nach oben.

Die Freunde und Ex‑Kommilitonen aus Benazir Bhuttos Studententagen am Mädchen‑College Radcliffe der Harvard‑Universität in Cambridge/Massachussetts haben Bilder vor Augen, die mit dem heutigen Erscheinungsbild der Premierministerin von Pakistan schwer in Einklang zu bringen sind. ,,Pinkie" hieß sie damals, em kicherndes, ausgelassenes junges Mädchen, das in langen Hosen Squash spielte, um der islamischen Etikette Genüge zu tun. Diese ,,Pinkie" hing am liebsten mit den Stars der Fußball- oder der Basketballmannschaft von Harvard herum und schien außerhalb der Sportplätze eine Vorliebe für die meist wohlerzogenen Jungs aus den amerikanischen Südstaaten zu haben. In ihrem Parka und ihren Blue Jeans wirkte ,,Pinkie" nicht gerade sehr islamisch, vor allem nicht, wenn sie auf der Fensterbank ihrer Studentenbude hockte und neben ihren geliebten Joan-Baez‑Platten oft gleich zehnmal hintereinander Carly Simons ,,You're So Vain" über den College‑Campus dröhnen ließ.

Aus ,,Pinkie" ist schon lange Benazir geworden ‑ seit letztem Dezember Ihre Exzellenz, die Premierministerin von Pakistan. Heute gleicht ihr schönes, ebenmaßiges Gesicht mit seinen präzisen, bewegungslosen Zügen oft einer Pharaonenmaske. Inre Haltung erscheint formell, reserviert und durch und durch aristokratisch. Nach vier Jahren College in Harvard und einem Aufbaustudium im englischen Oxford kehrte sie 1977 nach Pakistan zurück. Dort mußte sie als junge Frau miterleben, wie ihr Vater, Premierminister Zulfikar Ali Bhutto, durch einen Staatsstreich gestürzt und nach zwei brutalen Jahren im Gefängnis gehenkt wurde.

Die Familiengeschichte der Bhuttos liest sich wie ein griechischer Mythos. Nachdem der neue Diktator, General Mohammed Zia ul‑Haq, ihren Vater hingerichtet und Benazir und ihre Familie unter Hausarrest gestellt hatte, wurde 1985 ihr jüngster Bruder Shah Nawaz in seinem Haus in Cannes an der Côte d'Azur vergiftet aufgefunden. Wie viele andere glaubt auch Benazir Bhutto, daß ihr Bruder ein Opfer reaktionärer Elemente in Pakistan war.

General Zia tat alles, um den Willen von Benazir und ihrer Mutter Nusrat Bhutto zu brechen. Beide erkrankten während der langjahri­gen Sippenhaft, Nusrat Bhutto an Krebs, der nur im Ausland operiert werden konnte. Erst nachdem die frühere indische Premierministerin Indira Gandhi General Zia wiederholt um Gnade gebeten hatte, durfte die todkranke Nusrat Bhutto das Land verlassen und konnte geheilt werden. 1983 durfte die Tochter ihr endlich folgen und begann von London aus ihre Gefolgsleute im Kampf gegen Zia zu organisieren. Als sie im April 1986 zurückkehrte, erlebte sie ein triumphales Comeback: jubelnde Menschenmassen begrüßten sie am Lahore‑Airport. Etwas mehr als zwei Jahre später, im Dezember 1988, war sie Premierministerin ihres Landes.

Während des vergangenen Jahrzehnts war ihre Mutter die einzige unbeirrbare Stütze für Benazir Bhutto gewesen. Heute unterstützt sie ihre Tochter, die Regierungschefin, als Parlamentsabgeordnete.+

Als ,,Pinkie", der Teenager, nach Harvard kam, war sie eine sehr verwöhnte junge Dame. Ihr Vater, obwohl als Reformsozialist an die Macht gekommen, war einer der reichsten Großgrundbesitzer Pakistans. Benazirs Kleidung kam fast ausschließlich aus dem New Yorker Nobelladen Sak's Fifth Avenue, ihre Tischmanieren hatte ihr eine englische Gouvernante beigebracht. Eine Klassenkameradin aus Benazirs frühen Tagen am Radcliffe‑College erinnert sich amüsiert daran, wie erstaunt die junge Benazir war, daß sie in Amerika höchstpersönlich ein klingelndes Telefon beantworten sollte. Sie war entsetzt über die gemeinsamen Duschen für männliche und weibliche Studenten, die in den ernanzipatorischen frühen siebziger Jahren in amerikanischen Universitätswohnheimen gang und gäbe waren. Wenn ihre Kommilitonen rauchten oder in Seminaren lässig ihre Füße auf den Tisch legten, war ,,Pinkie" Bhutto schockiert. Eliot House, ein traditionsreiches Studentenwohnheim auf dem Harvard‑Campus, in das Bhutto und 36 Mitstreiterinnen vom Mädchen‑College Radcliffe übergewechselt hatten, war immer schon eine aristokratische Domäne und vor allem eine Männerbastion gewesen. Die Atmosphäre war sehr anglophil, man achtete auf Abstammung und gute Manieren. Eliot House war in der unnachahmlichen Art der amerikanischen Eliteanstalten sowohl ein Symbol für den sprichwörtlichen American Dream von Macht und Reichtum, als auch die Antithese davon. „Auf der einen Seite repräsentierte Eliot House traditionelle Werte", meint Anthea Whaleson, eine Kommilitonin Bhuttos, die heute an der Stanford University in Kalifornien lehrt, „auf der anderen Seite waren wir mittendrin in einer radikalen Periode des Umbruchs der Vietnam‑Aera. Zu unserer Zeit gab es in Harvard mehrere große Protestmärsche und Demonstrationen gegen die Rassendiskriminierung. Polizeieinsätze direkt unter unseren Fenstern waren keine Seltenheit." Damals ganz neu waren Studenten aus Schulen und aus sozialen Schichten, die kurz vorher in Eliteschmieden wie Harvard kaum aufgenommen worden wären. Bhutto warf sich voller Enthusiasmus in diesen Schmelztiegel verschiedener Kulturen: Sie genoß den sozialen Wandel, der sich vor ihren Augen abspielte und vergaß die Arroganz ihrer Kaste.

,,Sie war ständig in Bewegung, immer voller Energie, war nicht Zuschauer in einem fremden Land, sondern Auslöser vieler Diskussionen", erinnert sich Elsie Wilson Thompson, eine Kiassenkameradin. Bhutto stellte Hunderte von Fragen über die Vereinigten Staaten. Sie lernte schnell und konnte sogar die regionalen amerikanischen Akzente imitieren.

Nach den einengenden Jahren in einer katholischen Klosterschule in Pakistan war die Freiheit, die sie in Harvard genoß, für Bhutto wie ein Geschenk. Kurz bevor sie als Premierministerin an die Macht kam, hatte sie eine lange Unterredung mit einem amerikanischen Unterstaatssekretär über ihre Einstellung zu den Vereinigten Staaten. (Hier sei daran erinnert, daß weder Amerika noch England ihr während der harten Diktatur der Zia-Jahre beigestanden hatten.) Sie bat den Politiker, seinen Leuten im Außen­ministerium klarzumachen, daß sie keineswegs anti‑amerikanisch eingestellt sei. She verstünde die amerikanischen Gesellschaftsstrukturen mit all ihren Widersprüchlichkeiten, und sie wisse genau, was in der US‑Politik Sache sei. Ihre Zeit in Harvard hatte in ihr eine gewisse amerikanische Identität hinterlassen. Spuren, mit deren Hilfe sie sich als pakistanische Politikerin den Vereinigten Staaten annähern konnte.


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Siegesgewiß: Benazir Bhutto im Wahlkampf nach dem unerwarteten Tod des Diktators Zia ul‑Haq.

Es ist erstaunlich, daß ausgerechnet die Frauen, die damals freiwillig ins Eliot House zogen -immerhin das traditionsreichste Wohnheim der Männeruniversität Harvard ‑, zum Großteil eine sehr Konservative Gruppe waren, allen voran Benazir ,,Pinkie" Bhutto. Letztendlich lebten diese Frauen an der ,,Revolution" der frühen siebziger Jahre vorbei: Zur Aussteigerin wurde keine von ihnen. Die meisten haben später genau das gemacht, was in amerikanischen Elite‑Kreisen von den Absolventinnen eines Nobel-Colleges erwartet wird: Karriere und eine gute Partie. Benazir Bhutto griff nach den Sternen und wurde Premierministerin ihres Landes, nicht ohne rechtzeitig vor den Wahlen im letzten Jahr einen Großgrundbesitzer aus Pakistan zu ehelichen und einen männlichen Erben zur Welt zu bringen.

Ihre Klassenkameradinnen aus Jugendtagen erinnern sich an sehr unterschiedliche Cliquen, mit denen sich ,,Pinkie" Bhutto umgab: ,Ob Sportler oder Intellektuelle, am liebsten war sie mit Leuten zusammen, die mit den Problemen der Drit­ten Welt etwas anfangen konnten", meint Don Ganem, damals ein enger Freund, heute Medizinpro­fessor der Universität von Kalifornien in San Francisco. Aber sie hatte auch ,die richtigen" Freunde, den ,Smart Set", der vor allem das gute Leben liebte. Und solche mit politischem Einfluß, wie Kathleen Kennedy, Robert Kennedys Tochter, und Jamie und Peter Galbraith, deren Vater, der emeritierte Harvard‑ Professor John Kenneth Galbraith, einmal Botschafter in Indien gewesen war.

Seltsamerweise hatte dieses streng religiose Mädchen, das sich weigerte, Röcke zu tragen oder zu tanzen und die islamischen Essens‑Gebote auch in der Uni‑Caféte­ria genau beachtete, viele Freunde. Wie etwa Don Ganem. Ein anderer war Frank Currie, jetzt Rechtsanwalt im Silicon Valley, den sie seinerzeit zärtlich ,,Curriepoo" nannte. Ein gutes halbes Dutzend Hockey‑, Basketball‑ und Fußballspieler gehörte genauso zu ihrem Verehrerkreis wie Intellektuelle, zum Beispiel der Schriftsteller Larry Bergreen und James Snyder ‑ heute Kurator am Museum of Modern Art in New York .

,,In Harvard hatte Pinkie niemals Zeit zum Tanzen", erinnert sich Frank Currie. ,sie war ständig am Debattieren." In den Diskussionsrunden entwickelte die junge Benazir einen wilden, bedingungslosen, zutiefst kämpferischen Stil. ,Teilweise benahm sie sich genauso wie andere priviligierte amerikanische College‑Kids auch", meint Frank Currie. ,Aber in der Sekunde, in der eine politische Debatte aufflammte, verlor sie sofort jegliche Teenagerallüren und wurde zu einer vollkommen anderen Person."

Wie sehr sie das ungezwungene College‑Leben auch genoß, ,,Pinkie" Bhutto vergaß nie, daß sie eigentlich Benazir war, die Tochter des Premierministers und eine Repräsentantin der wenigen Familien, denen Pakistan gehörte und die das Land regierten. ,Sie hatte immer eine ganz eigene Art, ihr islamisches Erbe mit westlichen Werten zu verbinden. Sie sah sich als Sozialistin und war doch geradezu feudalistisch eingestellt. Morgenländische Sitten und den Chic der Metropolen des Abendlandes unter einen Hut zu bringen, bereitete ihr keinerlei Kopfzerbrechen", meint ihre Freundin Elizabeth Duffett. ,Sie trug damals schon einen Schleier, aber er war dann ein Tuch von Hermès. Darunter eine Designer‑Sonnenbrille. Und Hosen, wie ihr Glaube es ihr vorschreibt. Entweder Jeans oder Outfits aus den besten Couture‑Häusern."

Im englischen Oxford durchlebte Zulfikar Ali Bhuttos Tochter eine weitere Transformation. Die amerikanisierte ,,Pinkie" verwandelte sich endgültig in Benazir. Die Studentin der Philosophie, Politik‑ und Wirtschaftswissenschaften spürte im elitären Oxford wieder den spätkolonialen Hauch von Macht‑ und Klassenbewußtsein, der ihr von Kindheit an so vertraut gewesen war. Hier umgab sie sich mit Freunden aus ihrer eigenen Schicht, flitzte in ihrem knallgelben MG‑Cabrio von Adelssitz zu Adelssitz oder auch nach London zum Tee mit der damals frischgewählten konservativen Oppositionsführerin Margaret Thatcher.

Rechtzeitig vor dem Höhepunkt ihres Wahlkampfes in Pakistan ging Benazir Bhutto unter viel Pomp und Publicity eine von der Familie arrangierte Ehe mit dem schwerreichen pakistanischen Geschäftsmann Asif Ali Zardari ein. ,Sie hat viel gelitten, und sie hat sich nicht unterkriegen lassen. Sie hat die Rolle der Frau im Islam erfüllt und einen Sohn produziert", meint ihr früherer Freund Don Ganem. ,Sie hat für sich die Rolle zurückgewonnen, die ihrem Vater das Leben gekostet hat. Ich wünsche ihr allen denkbaren Erfolg. Ich wünsche ihr nur das Beste."

END