VOGUE MANNER
BEZIEHUNGSKRüPPEL
Die ganz normale Ehe als alltägliche Hölle: So zeigt es “Short Cuts”, das neue Meisterwerk von Robert Alrman nach Kurzgeschichten von Raymond Carver. Jay McInerney empfiehlt Film und Buch.
January 1994


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“Short Cuts“ zeigt Geschichten vom Scheitern der Liebe. Die Schauspieler Frances McDormand und Peter Gallagher.


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Annie Ross und Lori Singer.


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Darsteller rauher, schmutziger Menschlichkeit. Jack Lemmon und Bruce Davidson.


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Tom Waits und Lily Tomlin.

Wer die Werke des Autors Raymond Carver kennt, wird wohl kaum annehmen, daß Robert Altmans „Short Cuts“, der auf acht Carvers-Storys basiert, der geeignete Film fürs erste Rendezvous ist. Die Institution des Ehe ist ein immerwiederkehrendes Thema in Carvers Büchern, die vom Scheitern des Liebe und dem Versagen der Kommunikation handeln. Wenn Schriftsteller wie Jane Austen und Scott Fitzgerald von den heißhungrigen Freuden der jungen Liebe erzählen, so ist Raymond Carver der Poet der gebrochenen Schwüre und der Zellulitis, der leeren Gläser und der verlorenen Träume.

Seine Paare, die im günstigsten Fall der Arbeiterklasse angehören, sind weder finanziell abgesichert wie die handelnden Personen bei John Updike, noch kultiviert wie die bei Ann Beattie. Sie haben nie genug Geld, sie trinken zuviel, und es fehlt ihnen an Worten, un ihre Frustrationen und Sehnsüchte auszudrücken. Altman verleiht einigen der Ehepaare Carvers einen höheren gesellschaftlichen Status (Matthew Modine und Julianne Moore spielen beispielsweise einen Arzt und eine erfolgreiche Künstlerin) und siedelt die Handlung der Geschichten in Los Angeles an ‑ einem Ort, der ganz sicher nicht zu Carvers Texten paßt. Bakersfield würde sich da schon eher eignen. Eins der Elemente, das die von Carver geschilderten ehelichen Bindungen langsam zerfrißt, ist eine hoffnungslose wirtschaftliche Situation, ein anderes ist der Alkohol. Das end­lose Trinken und Rauchen, das seine Figuren gleichzeitig antreibt und betäubt, paßt nicht im geringsten zum Los Angeles von heute. Schließlich kann man tort schon verhaftet werden, wenn man es wagt, in einem Restaurant einen Martini zu bestellen oder sich eine Zigarette anzuzünden.

Carvers Ehepaaren fehlt es nicht nur an Kreditwürdigkeit, funktionierenden Haushaltsgeraten oder guten Vorsätzen, sondern auch an Worten. Sie greifen auf Klischees zurück, brechen Sätze und Gespräche unvermittelt ab, flüchten sich ins Schweigen. In der Story ,,A Serious Talk" besucht ein Mann zu Weihnachten seine Frau, von der er eigentlich seit einiger Zeit getrennt lebt ‑ angeblich, um mir ihr zu reden. ,Es gab so viele Dinge, die er ihr sagen wollte, schmerzliche Dinge, tröstende Dinge, solche Dinge eben." Aber er hat keine Ahnung, wie er anfangen soll, und am Ende seines Besuchs ist es ihm nur gelungen, ihr das Weihnachtfest völlig zu verderben. Sein letzter Akt gescheiterter Kommunikation besteht darin, das Telefonkabel durchzuschneiden. In ,One More Thing" packt ein betrunkener Ehemann namens L.D. seinen gesamten Besitz in einen kunstledernen Koffer mit defektem Schnappschloß. Während er die gemeinsame Wohnung verläßt, will er sich unbedingt seiner Frau Maxine erklären: ,,Eines will ich dir noch sagen', sagte er. Aber dann wollte ihm beim besten Willen nicht einfallen, was es sein könnte."

In Altmans Filmen finden sich unzählige einander überlappende, gemurmelte und mißverständliche Dialoge. Es gibt kaum einen Regisseur, der sich besser dazu eignen würde, die Sprache dieses Autors in den Film zu übertragen. Sowohl Carver als auch Altman erinnern uns immer wieder daran, daß die Art, wie wir miteinander sprechen, voller Lücken, Auslassungen und Wiederholungen steckt, daß Sätze oft unvollendet und Fragen unbeantwortet bleiben. Das trifft vor allem auf die emotionsgeladene und beschränkte Welt des Ehelebens zu. ,,Also gut, wenn du willst. Aber vergiß eines nicht...'" , sagt der Mann in der Story ,,So Much Water So Close to Home", die einen der wichtigsten Handlungsstränge für den Film ,,Short Cuts" liefert. ,,Vergiß was nicht?" fragt seine Frau. ,,Er zuckt die Achseln. Ach nichts, gar nichts', sagt er."

Dabei handelt es sich um ein völlig normales Ehegespräch -oder vielmehr ein Nicht‑Gespräch. Die Ehefrau ‑ glänzend dargestellt von Anne Archer ‑ ist ähnlich unfähig, ihr Grauen auszudrücken, als she erfährt, daß ihr Mann und seine Kumpel gleich zu Beginn eines dreitägigen Angelausflugs in den Bergen eine Tote entdeckt und die Behörden erst nach ihrer Heimkehr davon verständigt haben. Ihr Gatte (gespielt von Fred Ward) trifft die logische Feststellung, daß man der Frau ohnehin nicht mehr hätte helfen können, als sie aufgefunden wurde. Doch als sich die Ehefrau das Leben des Mädchens auszumalen versucht, dessen nackter Leichnam im Wasser trieb, während die Männer fischten und tranken, macht sich ein häßliches Schweigen breit, das an der Beziehung der beiden nagt. Für sie ist ihr Angetrauter durch diesen Mord befleckt, sie sieht ihn als Mittäter, obwohl she ihm nicht erklären kann, warum das so ist.


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Ehepaar in der Krise. Anne Archer und Fred Ward.

Ein weiterer Handlungsstrang zeigt Christopher Penn als Ehemann, der unter unterdrückter Wut leidet, die schließlich in einem Gewaltakt (einer Widerspiegelung des nicht näher erklärten Schicksals der Leiche im Wasser) zum Ausbruch kommt. Jennifer Jason Leigh ‑auch hier wieder kratzig wie Sand im Bett- spielt Penns Frau. She arbeitet für einen Telefonsexdienst und schnurrt Obszonitäten in den Hörer, während sie die Windeln ihres Säuglings wechselt. Dieses aktuelle Detail, das erst im Drehbuch auftaucht, hätte Carver wahrscheinlich besonders gut gefallen. Das Telefon spielt in seinen Kurzgeschichten eine Schlüsselrolle. Es äußert sich meist als bedrohliche Störung von außen, als modernes Trojanisches Pferd, das in die belagerte eheliche Festung eindringt und die Stimmen von Gläubigern, heimlichen Geliebten, anonymen und obszönen Anrufern überträgt. In einer anderen Vignette des Streifens stellt Lyle Lovett übrigens äußerst glaubwürdig einen Bäcker und obszönen Anrufer dar.

Carver würde mit Sicherheit auch den mürrischen, abgeklärten Mann, der von Tom Waits dargestellt wird, sofort als seine eigene Kreation wiedererkennen. Waits spielt Earl Ober aus der Story,,They're Not Your Husband". Earl taucht in der Kneipe auf, in der seine Frau Doreen arbeitet. Er hofft, sich eine kostenlose Mahlzeit erschnorren und seine Frau vielleicht in einer außerehelichen Umgebung beobachten zu können. Als eine Gruppe Angler -auf dem Weg zum Rendezvous mit einer Wasserleiche- um Butter bittet, beugt sich Doreen so weit vor und greift so tief in den Kühlschrank, daß dabei ihre nackten Oberschenkel zu sehen sind.

Earl Ober ist nun peinlich berührt, weil die anderen Manner an der Bar unvorteilhafte Bemerkungen über den Hintern seiner Frau machen. Als sie nach Hause kommt, setzt er sie auf Diät. Einen Monat danach kommt er wieder in das Lokal, well er wissen will, welche Reaktion seine mittlerweile schlankere Frau jetzt hervorruft. Er tut so, als wäre er ein ganz normaler Gast und konfrontiert seinen Sitznachbarn mit der Frage. ,,Ist das nicht was ganz Besonderes, was meinen Sie?" Als der andere Mann so tut, als habe er nichts gehört, bleibt Earl beharrlich: ,Schauen Sie sich diesen Arsch an." Die Szene ist von exquisiter Schrecklichkeit; Carver war ‑wie Harold Pinter oder Tobias Wolff (ein Freund Carvers) ‑ ein Meister der Poesie der Peinlichkeit.

Altman hat diese voyeuristische Kneipenszene zugleich verdichtet und erweitert, indem er aus seinen kunstvoll miteinander verwobenen Handlungssträngen Kapital schlug: Nachdem die Angler Doreens weiße Schenkel angestarrt haben, machen sie sich auf den Weg zu einem aufgedunsenen weißen Leichnam, der in einem Fluß treibt und den sie ebenfalls anstarren können ‑ eine Parallele, die den Gefühlen der von Anne Archer gespielten Frau über die Schuld und Mittäterschaft ihres Ehemanns an diesem unheimlichen Mord mehr Berechtigung verleiht.

Doreen (mit perfektem Understatement von Lily Tomlin dargestellt) kommt am Feierabend nach Hause in ihr Wohnmobil, wo Tom Waits klammheimlich den Scotch aus seinem Glas spült und sie anschreit, weil sie bei der Arbeit angeblich herausfordernd ihren Hintern zur Schau gestellt hat. Aber eigentlich schreit er nur aus Gewohnheit mit ihr. Zum einen will er damit sein eigenes Schuldbewußtsein wegen des Trinkens verbergen, zum anderen liegt es daran, daß die beiden nicht genug Geld für Freundlichkeit, Würde oder ein Privatleben haben.

Irgendwo in ihrem Innern wissen Earl und Doreen das auch. Sie sind zwar als Paar in ihren jeweiligen Rollen gefangen, doch ihre Beharrlichkeit, ihr unaufhörlicher Überlebenskampf und ihr Versuch, die Lage zu meistern, verleihen ihnen eine rauhe und schmutzige Menschlichkeit. Diese Eigenschaft ist typisch für Carvers Texte, und ich vermisse sie bei den anderen besser situierten Paaren in Altmans Film.

Carvers Sicht der Ehe war im großen und ganzen tragisch, aber in seinem Werk findet sich auch ein besonders schönes, wenn auch morbides Bild der ehelichen Liebe, das mir wie ein weit entferntes, hoffnungsvolles grünes Licht vorkommt ‑ ein Licht, das über den hypothekenbelasteten Reihenhäusern und hoffnungslosen Wohnwagenplätzen aufblinkt. Es überrascht kaum, daß dieses Bild nicht direkt gezeigt, sondern in der berühmten Story ,Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden" bei einer Flasche Gin am Küchentisch beschrieben wird. Zwei Paare sitzen irgendwo im amerikanischen Südwesten im verblassenden Licht eines Nachmittags und reden über Liebe, während sie sich betrinken. Der Herzspezialist Mel McGinnis erzählt die Geschichte eines alten Ehepaars, das einen schrecklichen Autounfall hat. Ein betrunkener Teenager rast mit einem Kleinlaster in ihr Wohnmobil. Der junge Mann stirbt. Das Paar, beide Mitte 70, hat nach einer Nacht im Operationssaal eine Überlebenschance von etwa 50 Prozent. Sie verbringen zwei Wochen auf der Intensivstation und werden dann in ein Privatzimmer verlegt. Beide liegen im Streckverband. Ihre Körper sind völlig eingegipst, es gibt nur Löcher für Augen, Mund und Nase. Obwohl man dem Mann mitteilt, daß seine Frau durchkommen wird, leidet er zunehmend unter Depressionen.

McGinnis sagt seiner Frau und dem anderen Paar, warum das so ist: ,,Ich meine, der Unfall war eine Sache, aber das war noch nicht alles. Ich hielt mein Ohr ganz nah an seinen Mund, und er sagte, nein, es liegt nicht wirklich am Unfall, sondern daran, daß er sie mit seinen Augen nicht sehen kann. Er sagte, das sei der Grunt, daß es ihm so schlechtgehe. Könnt ihr euch das vorstellen? Ich schwöre euch, dem Mann brach das Herz, weil er seinen gottverdammten Kopf nicht bewegen und seine gottverdammte Frau sehen konnte ... Ich meine, der alte Arsch ging fast daran zugrunde, daß er diese Scheißfrau nicht anschauen konnte."

Genau das ist es, was wir meinen, wenn wir über Liebe sprechen ‑ und was wir uns wünschen, wenn wir an das Sakrament der Ehe glauben wollen ‑, auch wenn wir obszöne Ausdrücke verwenden, um uns von der schmerzlichen Ausliefe­rung an dieses Gefühl distanzieren zu können. Raymond Carver geriet aus der Fassung, wenn Kritiker seine Texte bitter und deprimierend nannten. Für ihn zählte nur der Triumph des Schaffens ‑ die Tatsache, daß er den oft chaotischen Ereignissen und Stoffen seines eigenen Lebens Form und Gestalt verleihen konnte ‑ die bitteren Umstände, in denen seine Figuren häufig stecken. Er hatte Alkoholismus, den finanziellen Ruin und eine Scheidung durchgestanden. Er hatte alle diese Dinge selbst erlebt, und der Akt des Schreibens dieser Geschichten war ein erlösender Akt des Einfühlens und des Mitgefühls für andere in ähnlichen Situationen.

Andererseits versucht der Autor in ,,Intimacy", einer der letzten Storys Raymond Carvers, seiner wütenden Exfrau zu erklaren, warum er in einer bestimmten Weise über die Ehe geschrieben hat:,,Ich gebe zu, ich beschränke mich auf die trostlose Sicht der Dinge."

Einige der späten Kurzgeschichten Carvers, die entstanden, als er mit seiner Arbeit großen Erfolg und in seinem Privatlehen Ruhe und Frieden gefunden hatte, verraten eine etwas mildere Betrachtungsweise der Ehe. Kurz bevor er im Alter von 50 Jahren an Krebs starb, heiratete Carver ‑ nach einer zehn Jahre dauernden Beziehung ‑ die Schriftstellerin Tess Gallagher. Da ich selbst verheiratet bin, gefällt mir der Gedanke, daß er am Ende seines Lebens der Ehe wohl doch etwas Positives abgewinnen konnte.

Übersetung: Peter Hiess

Jay Mclnerney, 38, mit Raymond Carver lange befreundet, ist auf dem deutschen Buchmarkt mit,,Ich nun wieder' ,,Ein starker Abgang" und,,Einhandklatschen in Kioto" (alle im Rowohlt Verlag) vertreten.
Raymond Carvers Erzählungen zu ,Short Cuts"' sind in der Serie Piper erschienen: ,, Wovon wir reden, wenn wir von der Liebe reden ". Im gleichen Verlag: ,,Kathedrale" und,, Warum tanzt ihr nicht".

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